Geschrieben am 19. Dezember 2012 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue und nicht mehr so neue Platten von und mit Textor und Massive Attack, gehört von Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Textor _ Schwarz Gold BlauWorauf reimt sich Bockenem?

(TM) Eines der außergewöhnlichsten Alben dieses Jahres kommt vom ehemaligen Rapper der Formation Kinderzimmer Productions. Wer jetzt ein Hip-Hop-Album erwartet, wird enttäuscht sein, aber nur solange, bis er sich auf diese Platte einlässt. Henrik von Holtums alias Textors „Schwarz Gold Blau“ ist eine höchst eigene Mischung aus deutschem Lied, Jazz, Klassik und – ja, auch Pop.

Neben den interessanten Arrangements der Stücke (die Instrumentierung ist klassisch: zwei Geigen, ein Cello, ein Kontrabass, ein Klavier und eine Gitarre, kein Schlagzeug, denn Rhythmus kann man auch anders ) besticht Textor mit seinen originellen Texten.

Kein Wunder, den Umgang mit der deutschen Sprache hat er als Rapper gelernt. Und so vereint er in den Lyrics furchtlos deutsche Städte wie Dessau, Herne und Kiel, singt vom Vorglühen vor einer typischen westdeutschen Großraumdisconacht und von der Pubertät, die man „auf dem Parlplatz vorm Schleckermarkt“ verbringt und von einer Raststelle namens Bockenem irgendwo an der A7.

Und zwischendrin immer wieder Sentenzen zum aufs T-Shirt-Drucken: „Ich hätte gern die ganze Wahrheit und ein halbes Hähnchen“; „Vertrau niemals einer Frau mit ’nem Louis Vuitton Tattoo“; „Wofür ich mich entschieden habe, ist nicht, was ich wollte“. Und als wäre das nichts, wird auch noch die Schlagergeschichte geplündert und neu zusammengesetzt, mit Variationen auf „Im Wagen vor mir sitzt ein junges Mädchen“ oder „Der wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an“. Sehr cool.

Textor: Schwarz Gold Blau. Trikont (Indigo). Zum Album inkl. Hörproben auf der Trikont-Website.

massive-attack-blue-linesSelbstgenügsam

(MO) 21 ist das neue 20. oder 25. Jubiläum: Massive Attack jedenfalls entschlossen sich zum 21. Geburtstag ihres Albums „Blue Lines“ zu einer frisch gemasterten Wiederveröffentlichung. Als „Blue Lines“ 1991 erschien, kam die Band quasi aus dem Nichts – bei näherem Hinsehen hatten Robert „3D“ Del Naja, Grant „Daddy G“ Marshall und Andy „Mushroom“ Vowles natürlich doch eine Geschichte: die drei DJs und Producer gehörten zum Bristoler Kollektiv Wild Bunch, die u. a. Neneh Cherrys Erfolgsplatte „Raw Like Sushi“ mixen durften.

Die Mixing-Gage floss in die Aufnahmen für „Blue Lines“, das wie kaum ein anderes Album die Stimmung der frühen 1990er-Jahre auf den Punkt bringt. In „Blue Lines“ vermischen sich Post-Rave-Ernüchterung, Hip-Hop und Soul mit einem vagen, unheilvollen Gefühl der Bedrohung, das sich in dunkel und langsam wummernden Beats und von Gastsängern wie Tricky geraunten depressiven Texten ausdrückte – Trip-Hop nannte man diesen schwermütigen, trotzdem tanzbaren Sound bald, Bands aus Bristol wie Massive Attack und Portishead waren die prominentesten Vertreter.


Massive Attack – Unfinished Sympathy von 103clips

Massive Attack, die sich wegen des real bedrohlichen Golfkriegs für kurze Zeit in Massive umbenannten, ließen sich das Trip-Hop-Emblem nur ungern aufkleben, obwohl sie mit den Nachfolgeplatten „Protection/No Protection“ und „Mezzanine“ ihren düster-nachdenklichen Kurs weder in Text noch Ton änderten. Die Songs von „Blue Lines“, z. B. der Hit „Unfinished Sympathy“ und das soulige „Be Thankful For What You´ve Got“ (Vocals: Shara Nelson) klingen auch anno 2012 eindrucksvoll und jetzt-zeitig, vielmehr erstaunt es, wie einflussreich diese zwanzig Jahre alte Musik bis heute ist – und wie sehr sich „Blue Lines“ selbst genügt: kein einziger Bonustrack verunziert das Neun-Song-Gefüge, lediglich der Vinyl-Ausgabe von „Blue Lines 2012“ liegen eine DVD + Poster bei.

Massive Attack: Blue Lines 2012 Remix/Remaster. Original Recording Remastered. BoxSet. Virgin/EMI Catalogue. Zur Website.

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