Geschrieben am 22. Februar 2012 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Mario & Vidis, Xiu Xiu, Mull Historical Society und Moebius & Renziehausen, gehört von Thomas Backs (TB), Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Mario & Vidis: ChangedCatchy

(TM) Elektronische Musik aus Litauen – hat man auch nicht alle Tage. Mario Basanov und Vidmantas Cepkauskas aka Mario & Vidis machen elektronische Musik, über der die Sonne selten aufgeht, das Moll überwiegt, trotzdem sorgen sie damit für gute Stimmung. Das Album „Changed″, benannt nach der gleichnamigen Single, wurde in ihrer Heimat bereits 2010 veröffentlicht, jetzt ist es auch hierzulande zu haben. Und es lohnt sich: Immerhin füllen Mario & Vidis gleich 2 CDs mit 20 Tracks zwischen Soul, Chill-Out und Deep House. Erfüllt die Stimme von Kathy Diamond bei „In My System″ noch mit warmen Gefühlen, werden die Emotionen im Laufe des Albums abstrakter – CD Nr. 2 bewegt sich fast völlig auf gestrippter Deep-House-Ebene.

Aber dafür hat man sich ja vorher aufgewärmt: „Suspend The Feeling″ ist ein Roisin-Murphy-Titel, den Matthew Herbert nie gemacht hat – also sehr, sehr catchy. Dasselbe gilt natürlich für die schon erwähnte Single „Changed″, auf der der Sänger Ernesto die Vocals beisteuert – ein glatter House-Track, der direkt auf die Tanzfläche führt.

Mario & Vidis: Changed. 2 CD. Silence Music. Mario & Vivid bei Facebook. Reinhören bei Soundcloud.

Xiu Xiu: AlwaysTief empfundenes Gefühl

(MO) Zehn Jahre Xiu Xiu: mit dem neunten Studioalbum „Always″ macht Mastermind Jamie Stewart den Fans und sich selbst ein Geburtstagsgeschenk. Der Albumtitel verweist auf die Beständigkeit des Xiu Xiu-Sounds, was man begrüßen oder beklagen kann – auf „Always″ schwelgt Stewart wie gewohnt in menschlichen Abgründen, Tragödien und Psychosen, die Tracks heißen „I Love Abortion″, „Born to Suffer″ und „Chimney´s Afire (Mickensian Suicide)″, oder, vermeintliche Harmonie vortäuschend, „Honey Suckle″ und „Beauty Towne″. Die Musik dazu ist eine ebenfalls gewohnte Mischung aus schroffem Lärm und softer Elektronik mit melodiösen Kraut- und Folkanleihen – Emotional Industrial, sozusagen.

Und doch: Gewöhnung und Abstumpfung stellen sich nicht ein, beim Hörer nicht und bei Xiu Xiu erst recht nicht. Denn Jamie Stewarts Leiden an der Welt ist keine Staffage, sondern tief empfundenes Gefühl, nein, Gewissheit. So schmerzhaft und tief eingefräst wie das Tattoo auf dem Albumcover. Stewarts Stimme vibriert vor Gram und Lebenshunger, und fühlt sich seltsam erotisch dabei an: Faszination der Todesnähe. Nach Tracks wie „Smear the Queen″, „Joey´s Song″ und dem Singlehit „Hi″, die einen so zerschmettert wie kathartisiert auf der Ottomane zurücklassen, wünscht man sich jedenfalls nicht, dass Jamie Stewart Xiu Xiu jemals „neu erfinden″ möge.

Xiu Xiu: Always. Bella Union/Cooperative. Zur Homepage und zu MySpace.

Mull Historical Society: City AwakeningsGroßstadtgeschichten

(TB) Die schottische Insel Mull hat ihren eigenen Brian Wilson, dieser Vergleich ist seit dem Erscheinen von Colin MacIntyres gefeiertem Debüt-Album „Loss“ (2001) musikalisch ganz sicher erlaubt. Zehn Jahre nach dieser Veröffentlichung hat der Singer-Songwriter einen neuen Longplayer aufgenommen, für dessen Veröffentlichung er nun zum ersten Mal seit 2005 wieder das Alter Ego Mull Historical Society wählt. Zehn Großstadtgeschichten erzählt der melodieverliebte Gitarren-Pop von „City Awakenings“, ihr Schöpfer selbst widmet sie Glasgow, London und New York. Jene Metropolen, die der Multi-Instrumentalist (O-Ton: „Cities have been an explosion of the senses to me“) erkunden konnte. Songs wie „The Lights“ und „Fold Out City“ beschreiben mit dezenten Sixties-Echos diese Erkundungsgänge und ihre Wirkung.

Über Facebook und Spotify veröffentlicht MacIntyre dazu eine Playlist mit Songs, die er Inspiration für „City Awakenings“ nennt. Spannend. Mit Produzent Dom Morley (Grammy für „Back To Black“ von Amy Winehouse) hat MacIntyre selbst ein Album geschaffen, dass an die gefeierten Hymnen und Traumwelten von „Loss“ anknüpft. Zwischen damals und heute liegt ein Jahrzehnt. Das zu glauben, fällt beim Hören kleiner Perlen wie „Must You Make Eyes At Me Now“ und „You Can Get Better“ gar nicht so leicht.

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Mull Historical Society: City Awakenings. Xtra Mile Recordings (Soulfood). Zur Website von Colin MacIntyre , zum Facebook-Profil des Künstlers.

Moebius & Renziehausen: ErsatzBunte Kringel an die Wand

(TM) Die Zusammenarbeit zwischen dem Elektronik-Pionier Dieter Moebius und dem Computer- und Bildenden Künstler Karl Renziehausen, die in den 1990er-Jahren begann, führte zu surrealistischen Minimalkompositionen, die durch die momentane Stimmung jederzeit in die eine oder andere Richtung zu kippen bereit scheinen. Anders als bei Moebius‘ Arbeiten mit Cluster und Harmonia wirken die Stücke dieses Duos sehr konzise, wird nur das nötigste an Ausschmückung zugelassen. Die beiden Alben „Ersatz″ und „Ersatz II″ erschienen erstmals 1990 bzw. 1992 auf kleinen Labels, jetzt kann man sie über Bureau B neu erstehen.

Viele dieser bereits vor über 20 Jahren erzeugten Töne klingen heute noch avantgardistisch – und übrigens auch sehr komisch (man beachte nur die Tröte in „Isolated Case″ oder, als Ganzes, den „Medusadance″). Auf dem Nachfolger „Ersatz II″ werden Moebius & Renziehausen dann sogar für den Nicht-Nerd tanzbar – wenn man sich auf einen vertrackten Rhythmus einlassen kann. Manchmal meint man in den Stücken etwas wiederzuerkennen, aber noch bevor man sich freuen kann, verliert man die Spur. Meditieren wird man dazu nicht, wohl eher bunte Kringel an die Wand malen.

Moebius & Renziehausen: Ersatz; Ersatz II. Beide Bureau B (Indigo).

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