Geschrieben am 10. Oktober 2012 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Kreidler, Taken By Trees, Susanne Sundfør, den „Ancestors of Rap“, Suzanne Vega und Rodriguez, gehört von Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Kreidler: DenElektro-Akustik-Nirvana

(TM) Nach ihrem großartigen „Tank“ aus dem letzten Jahr, in dessen Mittelpunkt das Schlagzeug stand, legen Kreidler nun ihr neues Album vor. Zentrales Element der Stücke von „Den“ ist weniger die Rhythmussektion als vielmehr das große Zusammenspiel als Ganzes, bei dem alle Teile mehr als ihre Summe bilden. Das heißt aber natürlich nicht, dass Drummer Thomas Klein nicht doch wieder eine Riesenarbeit abliefert – Vergleiche mit dem großen Jaki Liebezeit sind keineswegs zu hoch gegriffen, so sauber und diszipliert spielt Klein seine komplizierten Stiefel durch. Dazu kommen hochmelodiöse und -infektiöse Melodien, die im Verbund mit den schon fast tanzbaren Rhythmen eine stark bewusstseinserweiternde Wirkung ähnlich einer Trance ausüben.

Und nicht nur das abschließende „Winter“ mit seiner M.I.A.-Rememberance-Schusslinie ist dabei von vorne bis hinten konzis durchdekliniert und -komponiert – das möchte man gerne mal um zwei Uhr in einem Neuköllner Club spielen, das würde die Spreu vom Weizen trennen. Dazu kommt der satte Sound, den man dem Produzenten Guy Sternberg zu verdanken hat. Sag Krautrock, sag Psychedelic, sag Elektro-Akustik-Nirvana, und du bist dennoch noch lange nicht dran.

Kreidler: Den. Bureau B (Indigo). Zur Homepage.

Taken By Trees: Other WorldsIn der Hängematte

(MO) Taken By Trees ist der Aliasname von Victoria Bergsman, bis 2006 Sängerin der schwedischen Band The Concretes. Wer die Concretes nicht kennt, hat Victorias Stimme trotzdem garantiert schon mal gehört: sie sang auf „Young Folks“ mit, dem Erfolgssong von Peter Bjorn & John. 2007 startete Bergsman ihr Soloprojekt Taken By Trees, nahm das Album „Open Field“ auf und coverte „Sweet Child O’Mine“ von Guns ’n‘ Roses, das ihr einen mittleren Hit bescherte. Was sie auf „Open Field“ begann, treibt Victoria Bergsman auf ihrer neuen Platte „Other Worlds“ fort: die Loslösung vom durchstrukturierten Popsong mit dem üblichen Strophe-Strophe-Refrain-Schema.

„Other Worlds“ ist aber beileibe kein anstrengendes Experimentalwerk, sondern eine bezaubernde, einlullende, trippige, impressionistische Hommage an Taken By Trees‘ Sehnsuchtsort Hawaii. Bergsman spielt mit Dub und Steeldrums, Naturgeräuschen wie Meeresrauschen – man meint, in Tracks wie „Dreams“ oder „Pacific Blue“ den Duft von Kokosnüssen zu riechen und sanfte Wellen am Strand plätschern zu sehen. Ihre Stimme unterlegt sie mit viel Hall, sie kommt von ganz weit her und ist doch ganz nah. Die entspannte, unwirkliche Atmosphäre wird manchmal mit Disco- oder Reggae-Vibes gemischt, was dem Album guttut – in der Mitte verliert „Other Worlds“ mal kurz den Faden, aber Bergsman schafft es mit Leichtigkeit, der Hängematte wieder ein wenig mehr Schwung zu geben. Wer griffige Kurzformeln braucht: Shoegaze meets Beach Boys oder Bacardi Feeling ohne Hangover-Gefahr.

Taken By Trees: Other Worlds. Secretly Canadian. Zur Facebook-Seite.

Susanne Sundfør: The Silicon VeilSatt und eingängig

(TM) Susanne Sundførs „The Brothel“, 2010 erschienen, wurde von den Kritikern hoch gelobt und aber auch – oh Wunder – vom Publikum gekauft, insbesondere in ihrer Heimat Norwegen. Jetzt erscheint Sundførs neues Album mit dem schönen Wortspieltitel „The Silicone Veil“, auf dem sie es schafft, ihre Harmonien noch satter und ihre Melodien noch eingängiger, dabei aber nicht vorhersehbar zu machen. Viele vergleichen sie mit der jungen Kate Bush, zu der Ähnlichkeiten nicht ganz von der Hand zu weisen sind, auch wenn Sundfør lieblicher klingt. Bessere Vergleiche ziehen sich dann doch Richtung Austra, Zola Jesus und anderen New-Goth-Frauen, denn auch Sundfør liebt das Dunkle und Abseitige.

Susanne Sundfør – White Foxes (Official video) from Susanne Sundfør on Vimeo.

Einer der Songs des Jahres ‚schon‘ jetzt: „White Foxes“. Diese so harmlose Eröffnung, dann dieser perfekte Offbeat, der den Song schon unruhig macht, wenn man noch gar nicht weiß, was da im weiteren Fortgang noch lauert. Und dann, nach vier Minuten Gänsehaut, dieser ebenso perfekte Übergang zu „Rome“, wenn das Tacken der Uhr zu einem wellenförmigen Pochern wird, dann die sphärischen Synthies à la Fever Ray: das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, so subtil und unglaublich gut ist es gemacht.

Susanne Sundfør: The Silicon Veil. Grönland (Rough Trade). Zu ihrer Homepage.

Ancestors of RapRoh und direkt

(MO) Vor ziemlich genau einem Jahr erschien bei Trikont der Sampler “Early Rappers”, der die frühen Ursprünge von Rap und Hip-Hop im Blues und Jazz rekonstruierte, wir berichteten. Der umtriebige Tramp Records-Labelchef und DJ Tobias Kirmayer geht mit seiner Compilation „Ancestors of Rap“ in der Historie etwas weiter nach vorn: Kirmayer setzt in den späten 1960er-Jahren an, als Spoken-Word-Artists wie Gil Scott-Heron und die Last Poets erste Maßstäbe setzten. Die Texte wurden in der sogenannten schwarzen Musik ebenso wichtig wie der Groove, und wenn man zum expliziten Inhalt auch noch den booty shaken konnte: umso besser. Kirmayer gräbt tief und fördert neben Tracks von bekannten Künstlern wie James Brown („Get On the Good Foot“) und Blowfly („Sesame Street“) jede Menge „highly underrated“-stuff zutage. Schon der Einstieg mit Pigmeat Markhams „We Got the Number“ führt unmittelbar ins Thema ein: knackiger Funk, der erste Ahnungen von Breakbeats zulässt, dazu raue, überschäumende Vocals – ein Knaller.

Und es geht so weiter: ob Johnnie Morisettes forderndes „I´m Hungry“, das soulig-tanzbare „Honky Games“ von Iris Bell & Jive-Ettes oder das lässige Duett von Bobby & Deborreh Williams, „The Pusher´s Thang“; alle Tracks begeistern durch die rohe, direkte Produktion (= kein Schnickschnack, nur funky E-Gitarren, ein paar Bläser und Beats), Lyrics im Spannungsfeld zwischen Sex & Politics und unbedingte Tanzbarkeit. „Ancestors of Rap“ ist die unverzichtbare Ergänzung zu „Early Rappers“ und sollte in keiner Connaisseur-Sammlung fehlen.

Ancestors of Rap: A Collection of Highly Underrated Prototype Rap Songs. Compiled by Tobias Kirmayer. Tramp Records. Zur Homepage von Tramp Records.

Suzanne Vega: Close-Up Vol. 4, Songs Of FamilyEingedampft

(TM) Wie der Name schon sagt, dreht sich der vierte und letzte Teil der „Close-Up“-Reihe mit minimalistischen Neubearbeitungen von Suzanne Vegas Songs um diejenigen, die Familie und Freunde zum Thema haben. Bei manchen Songs ist das auf den ersten Blick erkennbar („Blood Sings“, „Bad Wisdom“), bei anderen ist es weniger offensichtlich – eines der schönsten Vega-Stücke, „Pilgrimage“, handelt von der Suche der Sängerin nach ihrem leiblichen Vater, wie man in den Linernotes erfährt.

Wie auch schon in den vorangegangenen Veröffentlichungen der Reihe gewinnen die Songs an Intensität durch die unmittelbare Vortragsweise mit sehr eingedampfter Band (meist ist nur Suzanne Vegas Stimme und ihre Gitarre zu hören). Wer Gelegenheit hatte, sie auf ihrer Europa-Tournee live zu sehen, konnte das auch bei ihren Auftritten erleben, bei der sie sich nur von einem Gitarristen begleiten ließ. Mit „Brother Mine“ und „The Silver Lady“ finden sich auf der CD übrigens auch zwei der ersten Songs, die Vega jemals geschrieben hat – damals war sie 14.

Suzanne Vega: Close-Up Vol. 4, Songs Of Family. Cooking Vinyl (Indigo). Zur Vegas Homepage.

Searching For Sugar ManVerschwundener Kultstar

(MO) Geschichten, die die Popgeschichte schreibt: der mexikanischstämmige Singer-/Songwriter „Sixto“ Rodriguez aus Detroit nimmt 1970 sein Debütalbum „Cold Fact“ auf. Die Platte wird kein Erfolg, Rodriguez‘ Mischung aus Dylaneskem Folk, Funk, Psychedelik und politischen, sozialkritischen Texten findet in den USA wenig Anhänger, Musikkritiker äußern sich indifferent bis verwirrt. Rodriguez verschwindet in der Versenkung. Um seinen Verbleib ranken sich Gerüchte, so habe er beispielsweise auf der Bühne Suizid begangen – aber irgendwann verstummen auch die Gerüchte, der Name Rodriguez gerät in Vergessenheit. Aber nicht in Südafrika: dort wird Rodriguez‘ Musik zum Soundtrack für die rebellierende Jugend. Obwohl das Apartheidsregime „Cold Fact“ auf den Index setzte, kursieren Bootlegs, die – wären sie regulär verkauft worden – Rodriguez mindestens eine Platinplatte verschafft hätten. Rodriguez weiß von seinem Kultstatus in Südafrika nichts – bis sich der Stockholmer Filmemacher Malik Bendjelloul an seine Fersen heftet und feststellt, dass Rodriguez zwar unerkannt, aber bei bester Gesundheit in Detroit lebt. „Searching For Sugar Man“ heißt Bendjellouls Dokumentarfilm über den verschwundenen Songwriter Rodriguez, dessen Musik man dank des gerade erschienenen Soundtracks neu entdecken kann.

Die vierzehn Songs (darunter natürlich auch „Sugar Man“) atmen den Geist der späten 1960er- und frühen -70er Jahre, changieren musikalisch zwischen Donovan und Dylan und sind textlich erstaunlich explizit. Rodriguez‘ Stimme ist rau, streetwise und eine echte Entdeckung. Wer sich Sorgen um Rodriguez‘ Auskommen macht, sollte die CD kaufen: auf dem Cover steht, „Rodriguez receives royalties from the sale of this release“. Discover Sugar Man now – der Film läuft im Dezember in Deutschland an.

Searching For Sugar Man. OST. All Songs By Rodriguez. Sony Music. Zur Künstler-Homepage, zur Film-Website.

 

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