Blitzbeats


Neue Platten von und mit Klaus Schulze, Man Without Country, Modeselektor, Guido Möbius, Saint Saviour, Crocodiles, Richard Sen, Voodoo Gods, The Walkmen und Le Noir, gehört von Janine Andert (JA), Ronald Klein (RK), Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Klaus Schulze: La Vie Electronique 11Wegweiser

(RK) Eine Rezension der Musik des Berliner Urgesteins Klaus Schulze zu beginnen, stellt ein schwieriges Unterfangen dar. Denn niemand würde auf die Idee kommen, Künstler wie die Rolling Stones, Bob Dylan oder Leonard Cohen in einer ähnlichen Besprechung erst ausgiebig vorzustellen. Und um genau so ein Kaliber handelt es sich bei dem Musiker mit Allerweltsnamen: Um einen Magier am Synthesizer, der nicht nur die Entwicklung dieses Instruments vorantrieb, sondern einfach als Pionier der elektronischen Musik wirkte.

Ohne ihn und seine Kollegen von Tangerine Dream wären Kraftwerk, der Synthie-Pop à la Depeche Mode oder Soft Cell, aber auch Techno und Ambient schwer denkbar. Seit Anfang der 70er-Jahre veröffentlicht er wagemutige, wegweisende, aber auch verschrobene Werke. Der elfte Teil der Reihe „La Vie Electronique“ stellt einen Querschnitt all dieser unterschiedlichen Aspekte dar. 1992/93 nahm Klaus Schulze mehrere Sessions auf, die er ursprünglich als Auftragsarbeiten, als Filmmusiken oder Experimente betrachtete. Für die Veröffentlichung waren sie nicht konzipiert. Auf dem Medium einer DAT-Kassette schickte der Musiker die Klänge seinem Verleger Klaus D. Mueller, der 1993 eine 5-CD-Edition vorschlug.

Schulze schwebten zehn Silberlinge vor, die als extrem limitierte Fassung 1993 das Licht der Welt erblickten. Bereits damals wirkte die Musik angenehm zeitlos, quasi entrückt. Seit einigen Jahren werden die Perlen aus dieser Zeit wiederveröffentlicht. Der elfte Teil der Reihe enthält drei CDs. Die erste mit immerhin vier Stücken, aber 75 Minuten Laufzeit. Die Musik war als Soundtrack einer deutschen TV-Dokumentationsreihe über Baudenkmäler konzipiert. Immer wieder schienen romantische Motive durch – als reine Audiofassung handelt es sich um harten Tobak, was man auch von der zweiten CD sagen muss. „Narren des Schicksals“ funktioniert als durchgängiger Track und stellt Schulzes erste Sinfonie dar. Zwischen esoterischer Nonchalance und deutscher symphonischer Schwere wabernd, verlangt es auch hartgesottenen Fans des Berliners einiges an Geduld ab, um mit dem Werk warm zu werden. Wiederum ein anderes Gesicht zeigt die dritte Scheibe, die u. a. Soundtracks zu „Der Schönheit Spur“, einer Dokumentation über den Potsdamer Platz in Berlin, und „Ein schönes Autodafé“, intendiert als Ballettmusik zu einer eigenen Oper – jedoch nie verwendet – enthält. Die Musik klingt verspielter, ohne jedoch den sehnsüchtigen Grundtenor zu verlieren, der alle drei CDs miteinander verbindet.

Klaus Schulze: La Vie Electronique 11. Mig Music.

Man Without Country: FoeWehmutstaste

(JA) Manche Debüt-Alben lassen den Hörer sprachlos zurück. „Foe“ von Man Without Country gehört dazu. Nicht, weil das Duo das musikalische Rad neu erfindet, sondern weil sie die besten Zeiten der Pet Shop Boys neu beleben, die sphärische Elektronik der späten 80er wiederentdecken. Fasziniert und ratlos folgt man den zehn Songs. Soll man tanzen oder träumen? Während der Hörer nach einer Entscheidung ringt, frisst sich „Foe“ ins Hirn. Die Synthies pulsieren vor sich hin und machen diese schwelenden Pling-Pling-Klänge, die der ein oder andere vielleicht noch vom Soundtrack der „Unendlichen Geschichte“ kennt.

Überhaupt gibt es einige cineastische Momente. Vergleiche zu frühen Sachen von Air wie der Soundtrack zu „The Virgin Suicides“ taugen ebenfalls als Beschreibung. Puh, das drückt ganz schön auf die Wehmutstaste. Gleichzeitig glaubt man, über Wattewolken zu schweben. Das liegt wohl daran, dass Thomas Greenhalf und Ryan James „Foe“ im Schlafzimmer aufnahmen. Den Endschliff erhielt das Album vom legendären Produzenten Ken Thomas (Psychic TV, 23 Skidoo, Clock DVA, Sigur Rós). Und für M83 schraubten Man Without Country bereits am ein oder anderen Remix rum und traten bei der M83-Tour im letzten Herbst als Special Guests auf.

Neben Verweisen zu Soundtracks und großen Bands wäre da noch der Bandname, der Kurt Vonneguts Kurzgeschichtenband „A Man Without A Country (A Memoir Of Life In George W Bush’s America)“ entlehnt ist. Wie im Buch kreist die Musik der Band aus Cardiff um Ärger, Satire und eine hoffnungslose Weltsicht. Diese in sich gekehrte Traurigkeit kommt mit unaufgeregten Tunes zum Ausdruck, die sich tief ins Mark brennen. Ein Album für Nachtschichten und Bettgeflüster.

Man Without Country: Foe. Lost Balloon/Cooperative Music (Universal). Homepage, Facebook, Soundcloud.

Modeselektor: Modeselektion Vol. 2Böser Bruder

(RK) Es ist Sommer in der Stadt. Zumindest nach dem, was der Kalender verlautbart. Statt strahlendem Sonnenschein und blauen Himmel hängen die Wolken tief. Die drückende Schwüle entlädt sich immer wieder in krachendem Blitzstakkato. Den ebenso passenden wie auch imposanten Soundtrack liefert das aktuelle Album des Berliner Duos Modeselektor, das nach 2010 zum zweiten Mal eine Kompilation persönlicher Favoriten veröffentlicht. Klang der Vorgänger mit freundlichem Laissez-Faire-Techno, UK-Funky-Ausflügen und zugänglichen Dup-Step-Anleihen leicht verdaulich, tauchen Gernot Bronsert und Sebastian Szary in die Kellerkatakomben ab.

Basslastig, schwül und dunkel klingen die 18 Tracks – so wie vor 20 Jahren die legendären kleinen Clubs in der Hauptstadt aussahen (aber viel zu selten dies auch das auch auf die akustische Dimension transformierten). Haben Kompilationen es oftmals schwer, den Spannungsbogen zu halten, so gilt dies nicht für die vorliegende Scheibe, die sich wie aus einem Guss anhört, eine kleine elektronische Nachtsinfonie. Bedrohlich eröffnet Egytrixx mit „Levitate“ das Werk: martialisch, „industrial-like“ ausgerichtet und damit programmatisch für das Folgende. Denn auch wenn Klangsprengsel das Gesamtbild partiell aufhellen, handelt es sich um den bösen Bruder des Vorgängers, was bereits das Cover andeutet.

Das Markenzeichen des Labels, der Affe, zeigt sich mit mimischer Drohgebärde. Das Who-Is-Who der elektronischen Musik, das sich hier die Klinke in die Hand gibt (neben Modeselektor sind auch u. a. Mouse On Mars und das neue Projekt alva notos, Diamond Version vertreten) erscheint jedoch zweitrangig ob des Gesamteindrucks, der die Kompilation als eines der Highlights in diesem Sommer erscheinen lässt.

Modeselektor: Modeselektion Vol. 02. Monkeytown Records (Rough Trade).

Guido Möbius: SpiritualsAspekte des Religiösen

(TM) Keine Angst, Guido Möbius, Berliner Elektroproduzent und bekannt für seine dadaistische Herangehensweise an nichtanaloge Musik, ist nicht unter die religiösen Fanatiker gegangen. Im Gegenteil, streng Gläubige dürften vor dem, was seine “Spirituals” dem Hörer vor die Ohren knallen, nur ungläubig (ha!) die Köpfe schütteln (bitte die Platte nicht Martin Mosebach vorspielen, der würde kollabieren).

Auf seiner neuen Platte dreht Möbius religiöse Musik durch den Wolf und beamt sie ins 21. Jahrhundert. Seinen Fokus legt er dabei von Titel zu Titel auf andere Aspekte des Religiösen, sei es die Verkündigung, die egozentrische Selbstbestätigung des Gläubigen oder das nahende Ende Babylons. Besonders schön wird das, wenn Sängerin Kiki Bohemia als Verstärkung hinzutritt wie beim Opener “All Around Me” oder dem hysterischen “Godhead Appears” mit seinen schon fast Folk zu nennenden Fiddeln.

Aber auch das Pathos ist Möbius nicht fremd, wie das überwältigende “Blessed Sleep” zeigt. Mit seinen delikaten Noise-Glissandi bildet es dennoch eine Art Ruhepunkt der Platte. Sechs der neun Titel bedienen sich textlich tatsächlich bei traditionellen Spirituals. Am nähesten dran an der Tradition bleibt Möbius mit “Though The Darkness Gathers”, das einen wirklichen Chor aufweist. Am ehesten ein Lächeln übers Gesicht zaubern wird einem aber das wunderbar verspielte “Judgment”.

Guido Möbius: Spirituals. Karaoke Kalk (Indigo).

Saint Saviour: UnionIntensive Balladen

(MO) St. Saviour´s Priory ist ein Armenhaus in East London, in dem zu Charles Dickens’ Zeiten hauptsächlich die Kinder von Prostituierten untergebracht wurden. Kein glamouröser Ort also, sondern ein sehr trauriger, nach dem sich die Künstlerin Becky Jones aus Stockton-on-Trees alias Saint Saviour benannt hat – und das, obwohl sie als Sängerin der Dance-Formation Groove Armada durchaus glamouröse Nächte in ebensolchen Hotels verbrachte.

Aber um Glam und Glanz geht es Saint Saviour nicht: schon vor vielen Jahren arbeitete sie alleine an Computer und Klavier an ihren Songs, die sich mit so unbequemen Themen wie Umweltzerstörung, Krankheit und Tod befassten. Nach dem Groove Armada-Intermezzo ist Jones/Saviour mit ihrem Soloalbum “Union” zu ihrem ursprünglichen Ansatz zurückgekehrt: intensive Balladen, mal elektronisch, mal am Piano inszeniert, eindringliche Lyrics, die nichts mit oberflächlichem Club-Hedonismus gemein haben.

Das Beeindruckendste an Saint Saviour aber ist ihre Stimme: sirenenhaft, emotional; vergleichbar mit Kate Bush, Sineád O’Connor und Florence Welch. Wie ein elektronifizierter Engel klagt sie in “Reasons”, das nur vordergründig ein Liebeslied ist und bei genauerem Zuhören seinen tragischen Inhalt offenbart. “This Ain´t No Hymn” oder “The Rain Falls On the Just” und “I Call This Home” sorgen für permanente Gänsehaut – distanziert und unerreichbar einerseits, gleichzeitig hypnotisch und fesselnd.

Das Erfolgsduo Hurts engagierte Saint Saviour als Support auf ihrer letzten Tour, weshalb sie auch hierzulande schon vielen Leuten bekannt sein dürfte. Aber Saint Saviour schafft es auch ohne Unterstützung, daran gibt es keinen Zweifel.

Saint Saviour: Union. Surface Area/K7 (Alive). Zur Homepage.

Crocodiles: Endless FlowersFünf Jahre zu spät

(JA) Wer entfernte Ähnlichkeit mit James Dean hat, sich eine Lederjacke anzieht und ne Sonnenbrille aufsetzt, sollte unbedingt eine Rockband gründen. Oder wer eine Rockband gründet, sollte sich so stylen? Wie herum auch immer, Rebellenoutfit und Gitarren gehören einfach zusammen und garantieren Aufmerksamkeit. Die wiederum brachte den Crocodiles für „Endless Flowers“ einen Vertrag bei Souterrain Transmissions ein.

Die aus San Diego stammende Band nistete sich im vergangenen Jahr im Keller des Berliner Katos ein – Kalifornier in der Hauptstadt der Jutebeutel.  Vehement entkamen sie in ihrer Höhle allem, was typisch für diese Stadt ist. Nun ja, fast allem. Die ersten fünf Songs ihres dritten Albums „Endless Flowers“ halten herrlich halsstarrisch am 60ies-Revival des letzten Jahrzehnts fest. Melodien, die Bands wie die Last Shadow Puppets huldigen und einen ordentlichen Schuss sonnige California-Boy-Mentalität mitbringen.

Und dann bricht bei „My Surfing Lucifer“ doch der Berliner Kellersound durch. Düstere Spachsamples in Deutsch zersägen die Nettigkeit des Albums und wollen so gar nicht in den Fluss passen. Die Gitarren eignen sich einen knarzigen Duktus an, der Leben in die heile Welt bringt. Backgroundsängerinnen trällern gegen die Schrammelorgien an, dass es eine helle Freude ist. Hitverliebt geht’s weiter, aber das Quintett kann die destruktive Energie der Gitarren in die nächsten Songs retten. My Bloody Valentine zerschreddern Surf-Hits. Das ist nicht neu. Dennoch schaffen es die Crocodiles genau dann, wenn man denkt es wird vorhersehbar, dem Album eine neue Wendung zu geben. Und spätestens nach dem dritten Hören setzt sich diese Antithese aus zuckersüßer Klebrigkeit und Garagen-Noise in den Hörgängen fest. Trotzdem: „Endless Flowers“ kommt einfach fünf Jahre zu spät.

Crocodiles: Endless Flowers. Souterrain Transmissions (Rough Trade). Die Band auf Facebook und im free Download auf Soundcloud.

Richard Sen: This Ain't ChicagoDrauf gepfiffen

(MO) Für manche Kulturphänomene ist man einfach noch nicht reif: als in den späten 1980er-Jahren Rave und Acid House sogar bis nach Deutschland schwappten, steckte yours truly so tief in Jesus and Mary Chain’schen Feedbackwänden und Smiths’schem Gitarrenlamento, dass sie am Trillerpfeifen-Dancesound mit Aciiieeeed-Gekreisch von komischen Heinis in Smiley-Shirts keinen Gefallen fand. Im Gegenteil: erbittert malte sie mit schwarzem Edding „No Acid“-Parolen inklusive durchgestrichener Smileys auf die Hüllen ihrer Cassetten, auf die natürlich nur Bands aufgenommen wurden, die mit „richtigen Instrumenten“ „echte“ Musik machten. Well, zum Glück ist der Kopf ja rund, damit man ab und zu die Perspektive wechseln kann.

No Acid-Kassette von Christina Mohr

Foto: Privatarchiv Christina Mohr

Schon bald erkannte Frau Mohr ihre Engstirnigkeit und begeisterte sich für Tracks von Baby Ford oder A Guy Called Gerald, britischen DJs, die wie viele andere den Chicago-House-Sound ins Vereinigte Königreich importierten und in Londoner Clubs wie dem Shoom Warehouse-Partys feierten. Für das Strut-Label hat der Londoner Graffitikünstler und DJ Richard Sen das tolle Doppel-Album „This Ain´t Chicago“ kompiliert, mit dem mehr als zwanzig Jahre nach seiner Hochzeit der Acid-Vibe wieder aufersteht: insgesamt 24 Tracks und Remixe von Acts wie Bizarre Inc. über Annette bis S.L.F. präsentieren den Rave- und Acidsound so vital, als schrieben wir anno 1987.

Im Rückblick fällt auf, wie spielerisch und experimentierfreudig die Londoner DJs Vocal House mit frühem Techno mixten, wie wichtig die Hooklines waren und wie fresh und mitreißend das alles heute noch klingt. Trillerpfeife muss nicht unbedingt sein, Tanzen geht auch so!

Richard Sen presents: This Ain´t Chicago. 2 CDs. Strut. Zur Homepage, mehr zur Platte.

Voodoo Gods: Shrunken Head EPNoch eine Supergroup?

(RK) Ähnlich wie in den Kulturen, existieren auch in der Metal-Szene Mythologome. Dabei handelt es sich um Mythen, die unterschiedliche Kulturen teilen. Ähnlich verhält es sich in der Metalszene mit den Voodoo Gods. Egal ob Death-, Thrash- oder Black-Metaller, ehrfurchtsvoll flüsterte man den Namen der Band, die seit 2001 mehr oder weniger als Phantom präsent blieb. Beim Line-Up handelt es sich um das Who-Is-Who härterer Klänge: David Shred Demon Shankle, der zwischen 1988 und 1994 bei Manowar die Sechssaitige bediente, und Hiro (von der polnischen Death-Metal-Kapelle Dies Irae) bilden die Gitarren-Fraktion, während Wunderkind Jean Baudin (bekannt durch das Spielen eines elfsaitigen Basses) und Mike Browning (u. a. Ex-Morbid Angel) sowie Alex von Poschinger die Rhythmus-Fraktion bilden.

Das Line-Up ergänzen die Sänger Nergal (Behemoth) und Seth Van De (Severe Torture). Noch eine Supergroup? Alex von Poschinger betont im Gespräch die Eigenständigkeit der Band, die sich nicht als Zeitvertreib gelangweilter Metal-Musiker versteht. Musikalisch an der Schnittstelle Death-/Thrash-Metal gelegen, zelebriert das Septett ein infernalisches Feuerwerk, das mit zahlreichen Tempowechseln, variantenreichem Gesang und der Lust am Experimentieren einhergeht. Textlich liegt der Fokus klar auf der Geschichte und Auslegung des Voodoos. Die Wurzeln des Begriffs liegen auf dem Schwarzen Kontinent. Das Volk der Fon ist in den westafrikanischen Ländern Benin, Togo, Gabun, Ghana und Nigeria zu Hause. Aus ihrer Sprache ist der Terminus für den Geist entlehnt, der heute eine ganze Religion beschreibt. Voodoo kam durch das traurige Kapitel der Sklaverei über Afrika in die Karibik. Der Bekanntheitsgrad entspringt vor allem den gruseligen Schilderungen von Opferdarbietungen, von weißer und schwarzer Magie, die Menschen in Zombies verwandele. Man denke an die bekannten Voodoo-Puppen, die angeblich Unheil bringen.

Der Wahrheitsgehalt solcher Geschichten ist gering, wie damals bei den Wikingern, die von den Missionaren als blutrünstige Seemänner ohne Moral beschrieben wurden, hat das Bild etwas mit der christlichen Kirche zu tun, die versuchte, andere Glaubensrichtungen zu desavouieren. Zwar negiert von Poschinger eine direkte politische Dimension in der Musik der Band, schränkt aber auf die Frage, ob die Auseinandersetzung mit den Folgen der Kolonisierung zwischen den Zeilen mitschwingt, ein: „Das stimmt. Das ist eine Art persönlicher Krieg gegen diese Art von Imperialismus; zu der auch die Kirche zählt. Ich halte nichts von Fremdherrschaft, denn niemand hat das Recht, ein Volk durch Usurpation zu kultivieren!

Fast alle Songs der EP beschäftigen sich mit der Aversion von sogenannten ‘Herren’, die ganze Gesellschaften ihrer eigenständigen Entwicklung berauben.“ Während dem Metal leider viel zu oft etwas Bewahrendes innewohnt, somit das Konservative immer wieder hervortritt, stehen Voodoo Gods für die progressive Ausrichtung, sowohl inhaltlich als auch auf musikalischer Ebene.

Voodoo Gods: Shrunken Head EP. Misanthropica Enterprises.

The Walkmen: HeavenIndie-Happyness für Familienväter

(JA) Wenn das, was uns das New Yorker Quintett The Walkmen mit ihrem siebenten Album „Heaven“ entgegenschleudert, wirklich der Himmel ist, will ich ganz dringend in die Hölle! 13 Songs lang wird sich wenig innovativ auf Buddy Holly berufen und vor sich hingeschmalzt. Liebe ist eine schlimme Sache; kann auch mal schön sein; und zwischenmenschliche Beziehungen sind schwierig, aber ganz doll wichtig. Wir haben es bereits geahnt. Aber die Antwort auf diese Feststellungen kann doch bitte nicht die peinliche Selenentblößung mit Männer-Schubidu im Backgroundchor sein.

Warum mussten sich The Walkmen ausgerechnet mit den Fleet Foxes (HASS!!!) befreunden? Deren Produzent Phil Ek (Fleet Foxes, The Shins, Band Of Horses) vergewaltigte auf dem Album zum zehnjährigen Jubiläum der Band den eigentlich nett daherkommenden 60ies-Retrosound. Robin Pecknold, Frontmann der Fleet Foxes, verewigt sich auch noch in zwei Songs. Da hilft nur noch Durchatmen. Das ist Kitsch par excellence.

Der sechste Track, „Line by Line“, ist noch ganz nett ob seiner schwelenden Schwere. Dann geht es aber schunkelnd weiter. Indie-Happieness für Familienväter, die in die Vororte zogen. Dieses Schicksal ereilte offensichtlich die Bandmitglieder, die allesamt Nachwuchs in die Welt gesetzt haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wenn dadurch eine Patina von Langeweile auf die Musik niederrieselt, wäre an der Zeit, einem passenden Beruf nachzugehen. Und der ist definitiv nicht Musiker! Es war mal Dringlichkeit in den Kompositionen und dem Gesang von The Walkmen. Heute ist da freundliche Bürgerlichkeit, die man ungestört im Nachmittagsprogramm gängiger Radiosender abspielen kann. Die Verfasserin dieser Zeilen braucht jetzt erst einmal eine ordentliche Dosis Hardcore, um die Gehörgänge wieder zu säubern und holt sich später eine Tracht Prügel von männlichen Bekannten ab, die unerfindlicher Weise total auf dieses Album stehen.

The Walkmen: Heaven. Bella Union/Cooperative Music (Universal). Zur Homepage, Facebook und Soundcloud. Videos gibt es hier.

Le Noir: Vogelperspektive Vol. 3Am Rand zur Thesenhaftigkeit

(TM) Das Jazztrio Le Noir bestehend aus Simon Frick (v), Lucas Dietrich (b) und Alfred Vogel (d) nähert sich auf dieser Platte auf sehr eigenen Wegen dem Blues. Diese Thematik ist lebenshistorisch bedingt – Alfred Vogel begann seine Musikerkarriere in einer Bluesband. Aufbauend auf einem Zitat von Son House (“Blues is when you play just one note and it hits directly into your heart”) versuchen Le Noir die Essenz des Genres ins 21. Jahrhundert zu holen.

Das gelingt ihnen am besten bei den ruhigen Stücken wie “After The Exorcism”, wenn die teilweise Hysterie der vorangegangenen Stücke zum Erliegen kommt. Da ist der Blueskern in ihren Improvisationen spürbar. Untermalt wird das Ganze durch gesamplete Sprachaufnahmen von Blues-Legenden Muddy Waters und Son House. Darüber kann man geteilter Meinung sein, weil der Text die Aufmerksamkeit von den musikalischen Finessen ablenkt und fast schon eine Thesenhaftigkeit entstehen lässt.

Le Noir: Vogelperspektive Vol. 3. Boomslang Records.

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