Posted On 20. Februar 2013 By In Musikmag With 572 Views

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Atoms For Peace, Sandra Kolstad, Lloyd Cole/Hans-Joachim Rodelius, Savages y Suefo und Dubvasion, gehört von Thomas Backs (TB), Ronald Klein (RK) und Tina Manske (TM).

atomsforpeace_amokFabulös-fieberhaft

(TM) Die schlechte Nachricht zuerst: 2013 wird es wohl kein Lebenszeichen von Radiohead geben. Aber die gute Nachricht gleich hinterher: Thom York hat eine Supergroup namens Atoms For Peace gegründet, deren weiteren illustre Mitglieder Nigel Godrich (Produzent), Flea (der von den Red Hot Chli Peppers, am Bass), Joey Waronker (bekannt von Beck, an den Drums) und Mauro Refosco (Percussions) sind.

Schon bei der ersten Begegnung ist die extreme Nähe zu den letzten Soloarbeiten von Thom Yorke zu hören; genau genommen markiert „Amok“ eine mittlere Spur zwischen Radioheads „Kid A“ und Yorkes „The Eraser“, den man ja schon im Artwork wiedererkennt. Und die Nähe kommt nicht von ungefähr, schließlich haben sich die Protagonisten auf der Tour zum „Eraser“-Album kennengelernt. „Amok“, aufgenommen in einer dreitägigen Studiosession, konzentriert sich auf die elektronischen, flirrenden Momente – auch Anknüpfungspunkte zum letzten Radiohead-Album „The King Of Limbs“ sind durchaus auszumachen, auch wenn das vorliegende Album kaum einmal eine Atempause einlegt.

Ungebrochen geht es über stolpernde Takte und unheilvolle, nächtlich kühle Beats, die nur von Yorkes gewohnt warmem Falsett aufgefangen werden. Unbedingter Anspieltipp ist „Judge, Jury and Executioner“ – denn wer diese Band für diesen fabulös-fieberhaften 7/8-Takt nicht liebt, wird es auch anderswo nicht tun.

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Als Fazit bleibt, dass Thom Yorke immer für sich selbst steht und auf hohem Niveau kreativ wirkt, egal, in welchem Umfeld er sich bewegt. Übrigens wird es auch eine Tour der Supergroup geben, allerdings dürften die Tickets dafür schon lange vergeben sein.

Atoms For Peace: Amok. XL Recordings/Beggars (Indigo). Zur Homepage mit Album-Stream.

sandrakolstad_nothinglastsforeverSolider Elektropop

(RK) Norwegen gilt als Land der unermüdlichen Toleranz. Als Künstler opponiert man am heftigsten durch die Propagierung selbstbewussten Individualismus. Kirchenanzünden und Black Metal gehören längst zum kulturellen Erbe. Aber ein Theaterregisseur wie Vegard Vinge, der aus Henrik Ibsens Stücken 12 Stunden dauernde Performances zaubert, in denen er das enge Korsett der Gesellschaft offenlegt, eckt noch immer an.

In der Popmusik sorgte Sandra Kolstad unlängst für einen Skandal, als sie im Video ihrer Single „Run Away“ sämtliche Hüllen fallen ließ. Eine nackte Frau! Was für ein Schock! Insofern ist die Spannung auf ihr neues Album entsprechend hoch. „(Nothing Lasts) Forever“ entpuppt sich nicht als der ultimative Überflieger, sondern als grundsolides Elektro-Pop-Album.

Gleich der Opener „The Fist Deception (The First Guarantee)“ lebt vom Spannungsfeld der melancholischen Intonation Koldstads und des groovenden Elektrobeats. Als abträglich erweisen sich jedoch die bewusst einfachen Instrumentierungen (z. B. in „Kyrie‘ (Elysion)“), die letztlich die gelungenen Kompositionen und auch Texte in den Hintergrund drängen. Das ist schade, denn von der Atmosphäre und Intensivität erinnert Sandra Kolstad durchaus an Anne Clark, wenngleich die Norwegerin nicht deklamiert. Wenn beim nächsten Album die Produktion Mut zur Reduktion in den Arrangements beweist, werden Kolstads Stärken noch deutlicher zum Tragen kommen.

Sandra Kolstad: (Nothing Lasts) Forever. Trust Me Records (Phonefile). Zur Homepage.

1984_influenzaOhne Beklemmungen

(RK) Von 1946 bis Ende 1948 arbeitete der britische Autor George Orwell an seiner düsteren Dystopie “1984”. Der Roman schildert eine offensichtlich noch ferne Zukunft, in der die totale Überwachung längst Realität ist. Das „Ministerium für Wahrheit“ manipuliert die Realität. Der Protagonist Winston versucht anfangs auszubrechen, um am Ende zu realisieren, dass es keine Alternative zum Fügen gibt. Eine beklemmende Atmosphäre, die das französische Trio 1984, das sich dem richtungsweisenden Buch benannte, nicht in seine Musik transportiert.

Auf ihrem zweiten Album erklingen stattdessen ebenso eindringliche wie mitreißende Nummern, die sich bewusst der typischen Indie-Ästhetik widersetzen, ohne jedoch in die typische Mucker-Mentalität abzugleiten, die die permanente Falle gestandener Rockmusik darstellt. Dazu sind 1984 einfach zu frisch und spielen drauf los. Titel wie „Maze“ (gleichzeitig die erste Single) oder der Titeltrack „Influenza“ gehen sofort ins Ohr und bleiben wie selbstverständlich hängen.

Ebenso bemerkenswert: Die elf Songs stellen nicht einfach die Wiederholung eines bestimmten Themas dar, sondern variieren in ihrer (musikalischen) Thematik. Nach kurzer Zeit klingt „Influenza“ wie ein alter Bekannter, den man beim Wiedersehen freudig auf die Schulter klopft, um dann den Abend mit ihm an der Bar zu verbringen, obwohl die ursprünglichen Pläne ganz anders lauteten.

1984: Influenza. Deaf Rock (Rough Trade). Zur Bandseite von Deaf Rock.

cole_roedelius_selectedstudies1Ruhepuls

(TM) Vor zehn Jahren begegneten sich der britische Singer/Songwriter Lloyd Cole und das deutsche Elektronik-Urgestein Hans-Joachim Roedelius zum ersten Mal: Roedelius mixte damals ungefragt Coles „Plastic Wood“, auf dem dieser sich hörbar mit der Musik von Cluster auseinandersetzte. Das Ergebnis wurde niemals auf CD gepresst, aber der Wunsch nach einer Kollaboration war auf beiden Seiten offensichtlich, und knapp zehn Jahre später begegnete man sich wieder und fand zu einer Zusammenarbeit.

„Selected Studies Vol. 1“, dieser Titel ist Understatement pur, wenn man sich vor Augen und Ohren führt, wie diese beiden zusammenwirken, als hätten sie nie etwas anderes getan. Und das, obwohl sie nicht zusammen im Studio standen, sondern sich gegenseitig Files hin- und herschickten. Das Album ist also sehr gegenwärtig, auch wenn es durchaus zurückgreift auf Methoden, wie sie Roedelius bereits in den 70ern anwendete. „Wandelbar“ bildet dunkle, weite Flächen, ansonsten sind die Stücke auf feinen Melodietupfern aufgebaut – pointillistische, impressionistische Klanggemälde, getragen von Wiederholung und leichten Nuancen. Bringt den Puls sofort zur Ruhe.

Lloyd Cole/Hans-Joachim Roedelius: Selected Studies Vol. 1. Bureau B (Indigo). Zur Bandseite von Bureau B.

savages_y_suefo_worldstyleWeltmusik, heute

(TB) Electro Swing ist gerade schwer angesagt, nicht nur in Berlin. In den Metropolen grooven Groß und Klein zu Breakbeats mit Blechbläser-Klängen, gerne ergreifen dann und wann MC und/oder Sängerin das Mikro. Ganz frisch liegt nun eine Scheibe aus Budapest auf den Tellern, die nahtlos mit dem Flow geht und neue Farbtupfer setzt.

Die DJs Savages und Suefo machen gemeinsame Sache, als Savages y Suefo haben sie sich für das Longplay-Debüt „Worldstyle” internationale Verstärkung geholt. Da bleibt kein Fuß still stehen. „Come on everybody/ don`t bring me down…” – so gibt Gastsängerin Judie Jay auf dem Tanzflächenfüller „Ballroom Breakers” die Richtung an, wie MC Guacho aus Uruguay ( „Our World Our Style” und „En La Orilla Del Danuvio”) und Flóra Polnauer aus Budapest („Or Ve Hoshech”) füttert sie die Tracks der Soundkünstler mit Stimme und Ideen. Freestyle, Wordstyle, Big Beat, Breakbeats, Electro Swing oder Elektro Swing – die Schublade ist bei diesem Genuss letztlich einerlei. Hauptsache, die Party tanzt.

Die DJs und Produzenten Savages und Suefo sind mit ihrer modernen Weltmusik seit einigen Jahren aktiv, mal allein und mal gemeinsam. Mit Agogo Records (Hannover) haben die beiden ein feines Label gefunden, das ihren Sound auf neue Partys bringen wird. Ein echter Tipp, diese Scheibe. Der Genuss führt den Autor dieser Zeilen fast wie von selbst zum Buchstaben F und 15 Jahre zurück. „We Rock Hard” hieß nämlich anno 1998 einer der heißesten Longplayer, die Breakbeats der englischen DJs Freestylers brachten zum Ende des 2. Jahrtausends so manchen Abend in Schwung. Wegweisend, damals schon.

Savages y Suefo: Worldstyle. Agogo (Alive). Zum Facebook-Profil und YouTube-Kanal  der Künstler. Zur Webseite  des Labels.

dubvasion_fromafarAusgedehnter Trip

(RK) Auch wenn die 90er-Jahre stets als eine Zeit galten, die musikalisch nach den großen Innovationen lag, war es in Wirklichkeit eine Epoche, in der nach dem historischen Mauerfall auch ästhetische Grenzmarkierungen abgebaut wurden. In Berlin experimentierte die außergewöhnliche Formation Hans Am Felsen mit typischer Punkinstrumentierung, die um eine Solovioline ergänzt wurde.

Etwa zur gleichen Zeit ging in Köln Guts Pie Earshot an den Start, die ihren Drei-Akkorde-Sound um ein Cello erweiterten und sich später auch Dub- und Techno-Einflüssen öffneten. Zusammen mit der Schweizer Musikerin L.NA perfektionierten sie ihren Klang („Techno ohne Technik, Punk ohne Gitarre, Pop ohne Gesang“). Das Projekt nannte sich Subvasion. Nach einer Tour stieg die L.NA jedoch aus.

Der Rest der Band setzt die Reise in neue musikalische Sphären jedoch fort und veröffentlicht eine EP mit fünf Songs, die dort ansetzen, wo Klaus Schulze in seiner Zusammenarbeit mit Pete Namlock („The Dark Side Of The Moog“) aufhörte: Synthesizer-getriebenen Dub, sehr spacig und abhoben. Bisweilen in Richtung Tangerine Dream abdriftend, wirkt „From Afar“ wir ein ausgedehnter Trip, den man nicht verpassen möchte. Ein mehr als gelungener Appetizer auf das Album.

Dubvasion: From Afar. EP. Majorlabel (Broken Silence). Zur Homepage.

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