Posted On 15. Mai 2013 By In Musikmag With 394 Views

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Art Brut, My Name Is Music, She & Him und Valerie June sowie dem FIlm Blank City, gehört und gesehen von Christina Mohr (MO) und Roland Klein (RK).

artbrut_topofthepopsVon der Hyeraktion zur Desillusion

(MO) Begeisterung! Enthusiasmus! Rock’n’Roll!! Wer jemals einem Konzert von Art Brut beiwohnte, wird garantiert niemals Sänger Eddie Argos’ exaltierte Performance vergessen – zweifelsfrei one of the hardest working men in pop business. Art Brut, 2003 in London gegründet, gehörten nie wirklich zur soundsovielten Welle britischer Rockbands à la Kooks und Maximo Park, auch wenn sie oft im selben Zusammenhang genannt werden und bei denselben Festivals auftreten.

Auch das liegt an Eddie Argos, der im Zusammenspiel aus Person, Texten und Auftreten immer total unmittelbar ist: „People think I’m being ironic all the time, but I’m not. I’m just really enthusiastic!“ sagte er vor einigen Jahren; das Album “Bang Bang Rock’n’Roll” und Songs wie „Formed A Band“, „My Little Brother“ und „Emily Kane“ mit den atemlos rausgeschrieenen Worten „I´ve seen her naked! I´ve seen her naked TWICE!“ unterstrichen diese Haltung eindrucksvoll.

Im Lauf der Jahre zog allerdings ein Hauch von Bitterkeit ein, „If we can’t change the world/ Let’s at least get the charts right/ How can you sleep at night/ When nobody likes the music we write?/ Record-buying public, we hate them”, sang Argos 2009 in „Demons Out!“, einem Song vom Album “Art Brut vs. Satan”, das von Frank Black produziert wurde, aber nicht mehr die durchgedrehte Speed-Power der ersten Platten hatte. So gesehen sind Art Brut eine tragische Band, schließlich wollten der stilbewusste Argos und seine KollegInnen nichts weniger als die (Pop-) Welt ändern – und schafften es doch nie in die TV-Show „Top of the Pops“.

Zum zehnjährigen Bandbestehen ist nun eine nach eben dieser Sendung benannte 2-CD-Compilation erschienen, anhand derer man sehr gut – weil chronologisch – die Entwicklung der Band von überschwänglichen, hyperaktiven Enthusiasten zu desillusionierten Zweiflern nachvollziehen kann. Disc 2 versammelt B-Seiten und Live-Aufnahmen, die sofort wieder Lust auf einen Konzertbesuch machen. Rein zufällig sind Art Brut gerade hierzulande unterwegs.

Art Brut: Top of the Pops. The End Records. Zur Homepage.

mynameismusic_superaccelerationBezaubernd

(RK) Bisher galten Phoebe Hall und Niki Altmann aka My Name Is Music als die unermüdlichen Akkordarbeiter der Elektro-Clash-Szene. 2011 erschienen mit „Revolution“ und „We Are Terrorists“ zwei Alben, mit denen sich das zornige Duo die Sympathien des Publikums und – zugegeben – auch der Journalisten erspielte. Kluge, sprachlich verspielte, Politik und Gesellschaft reflektierende Texte trafen auf einen bunten Mix aus Indie, Elektro und Disco.

Hier in etwa knüpft „Super Acceleration“ an. „Life Is Wonderful“ gibt sofort den Takt an, treibend und modern arrangiert, mit Mut zur Melodie, packt einen die Platte sofort und schüttelt durch. Durchhhängen und Trübsalblasen gilt nicht. Die Texte wirken auf den ersten Blick weniger politisch, betonen mehr die Courage zu Individualität und der Do-It-Yourself-Mentalität.

Jedoch erweisen sich die bewusst simpel gehaltenen Verse sehr doppelbödig, was die schwer zu greifenden Arrangements ebenfalls unterstreichen. Die Songs stehen zwar für sich, beziehen sich aber intertextuell aufeinander („Computer Game“, „This Is Your Life“ und „Suicide Attack In High Quality“ beispielsweise).

Das hochexplosive Uptempo-Elektro-Disco-Gebräu wird unvermittelt durch „Three Steps Behind Me“ unterbrochen, eine angenehm unkitschige Ballade, die das Duo sehr verletzlich in Szene setzt. Die unterschiedlichen Stimmungen, Arrangements und Musikstile, die My Name Is Music  absolut gekonnt fusionieren, macht „Super Acceleration“ zu einem außergewöhnlichen Werk, das lange bezaubert.

My Name Is Music: Super Acceleration. Las Vegas Records (Broken Silence). Zur Homepage und zum Facebook Auftritt.

sheandhim_volume3Tongue-in-cheek-Pop

(MO) Verwirrenderweise ist “Volume 3” schon das vierte Album von Zooey Deschanel und M. Ward alias She & Him: Die Weihnachtsplatte „A Very She & Him Christmas“ veröffentlichten sie außerhalb der bewährten Nummerierung. Das schlichte Durchzählen hat ja etwas sehr Lässiges. Es zeigt, dass die betreffenden MusikerInnen sich ihre Köpfe nicht über extraordinäre Titelformulierungen zerbrechen, sondern ihre Songs sprechen lassen.

Und den Fans wird genaues Hinhören abverlangt, so könnte als Unterscheidungsmerkmal für „Volume 3“ dienen, dass eine Coverversion von Blondies „Sunday Girl“ drauf ist. Oder, bei She & Him einfach nicht verschweigbar: das Album entstand während Zooeys Aufstieg in den TV-Olymp mit der Serie „New Girl“.

Sehr wahrscheinlich wären She & Him auch berühmt, wenn Deschanel keine Schauspielerin wäre, aber natürlich hilft die Yellow-Press-Publicity auch der Band. Es scheint, als habe der Erfolg Zooeys Selbstbewusstsein einen ordentlichen Schub versetzt: musikalisch passiert auf „Volume 3“ zwar nichts Ungewöhnliches, She & Him bleiben ihrem sonnigen, 60´s-beeinflussten tongue-in-cheek-Pop mit Girlgroup-Nuancen treu.

Der Einstieg mit „I´ve Got Your Number, Son“ ist eine überschwengliche Reminiszenz an die Beach Boys, Songs wie „I Could´ve Been Your Girl“ oder „Somebody Sweet To Talk To“ schwelgen in prächtigen Brill-Building-Arrangements inklusive schmachtender Backgroundchöre, die Coverversionen „Baby“, „Hold Me, Thrill Me, Kiss Me“ und das bereits erwähnte „Sunday Girl“ sind geschmackssicher gewählt und charmant interpretiert. Und doch hat man das Gefühl, dass M. Ward in den Hintergrund rückt, dass She & Him zurzeit eindeutig Zooeys Projekt ist.

Ihr Songwriting ist dynamischer und abwechslungsreicher, ihre Stimme klingt stärker, der staunend-kulleräugige Blick ist überzeugend dargestellt – schließlich ist sie ja vom Fach. Aber am Besten macht man sich nicht zu viele Gedanken und genießt einfach „Volume 3“, das die Welt nicht aus den Angeln hebt, aber mit jedem Song ein bisschen schöner macht.

She & Him: Volume 3. Domino Records. Zur Homepage.

valeriejune_pushinagainstastoneZeitlos

(MO) Auch wenn die Versuchung vorschneller Einsortierung naheliegt: Valerie Junes Musik hat nichts, aber auch rein gar nichts mit jeglichen Neo-Styles zu tun. Auf Ideen dieser Art könnte man zwar kommen, weil June ihre Inspiration aus Soul, Gospel, Country, Blues und Folk schöpft; allerdings gibt die Singer-/Songwriterin aus Humboldt, Tennessee auf ihrem dritten Album kaum Hinweise darauf, dass „Pushin‘ Against A Stone“ im Jahre 2013 aufgenommen wurde.

Die elf Songs – in Zusammenarbeit mit Dan Auerbach, Producer, Sänger und Gitarrist der Black Keys entstanden – basieren hauptsächlich auf Gitarre, Banjo und Vocals. Sehr roh, rauh, unprätentiös und ungeglättet, dabei von einer intensiven Klarheit, wie man sie bei Tracy Chapman, Erykah Badu, Nina Simone, Nick Drake und Joni Mitchell findet.

Schönheit entsteht bei Valerie June ganz nebenbei, durch Simplizität und Wärme, die Schönheit drängt sich nicht auf oder wird gar bewusst kreiert: Junes Gesang ist nicht eindrucksvoll und voluminös, eher krächzig und nasal, nicht wirklich ein „Ohrenschmaus“; doch Songs wie „Workin‘ Woman Blues“ oder „Trials, Troubles, Tribulations“ klängen von einer samtigen oder elektronisch getuneten Stimme vorgetragen irgendwie falsch.

In Valerie Junes Texten geht es aber nicht um eine kuschlige High-Tech-Welt, sondern um Menschen, die buchstäblich ums Überleben kämpfen – oder wegen (unglücklicher) Liebe beinah den Verstand verlieren, Haus und Hof sowieso. Das ist nicht modisch, aber zeitlos – und Valerie June eine wahre Roots-Künstlerin, kein Neo-Soul-Püppchen.

Valerie June: Pushin‘ Against A Stone. PIAS UK/Sunday Best (Rough Trade). Zur Homepage.

blankcityRasante Schnipseligkeit

(MO) Über die New Yorker Musik- und Kunstszene der späten 1970er-Jahre gibt es einige Dokumentationen, doch noch keine beschäftigte sich bislang explizit mit der Underground-Filmszene. Die aus Paris stammende und wegen ihrer Faszination mit dem Cinema of Transgression in New York City lebende Regisseurin Céline Danhier unternimmt mit ihrer Doku „Blank City“ den Versuch, diese Lücke zu schließen – die ursprüngliche Idee, einzelne FilmemacherInnen und ihre Werke zu präsentieren, uferte zu einem „organischen Prozess“ aus, weil Danhier von ihren InterviewpartnerInnen ständig neue Leute vorgeschlagen bekam, die sie treffen sollte.

Die überbordende Fülle ist leider auch das Manko von „Blank City“: anderthalb Stunden Kinoformat sind einfach zu kurz, um alle ProtagonistInnen, RegisseurInnen und vor allem Filmmaterial in ausreichender Länge zu zeigen. So ist man nach der Doku ein bisschen verwirrt – und Leute ohne Punk- und No Wave-“Vorbildung“ werden sich nur schwer zurecht finden.

Man hetzt durch Jarmuschs und Poes Frühwerke, streift das Schaffen von Jean-Michel Basquiat, trifft (unvermeidlich) auf Andy Warhol, hört Punk im CBGB´s, trauert um die vielen AIDS-Toten und endet mit „Wild Style“ bei Hip-Hop und Graffiti. Von der rasanten Schnipseligkeit abgesehen ist „Blank City“ eine längst fällige und trotz allem lohnende Angelegenheit: interviewt wurden u.v.a. James Chance, Debbie Harry, Nick Zedd, Jim Jarmusch, Lydia Lunch, Richard Kern, John Lurie, Thurston Moore, Pat Place, Amos Poe, Eric Mitchell und Fab Five Freddy – die unsortierte Namensfolge ist Absicht, denn im New Yorker Underground der späten Siebziger machten alle alles: MusikerInnen drehten Filme, Regisseure spielten Bass in Punkbands, MalerInnen sangen und geschauspielert hat sowieso jede/r, weil die Besetzungsliste sich mit dem Freundeskreis deckte.

Das Cinema of Transgression trat die Hippie-Ära endgültig in den Hintern, zeigte schonunglos Gewalt, sexuelle Obsessionen, Drogensucht, den Verfall von Stadt und Menschen, bevorzugt in rauem Schwarz-weiß auf Super-8. Und brachte nicht wenige Stars hervor: z. B. Debbie Harry und Lydia Lunch als weibliche Ikonen des New York-Punk, oder die einstige Underground-Filmemacherin Susan Seidelman, die wenig später eine gewisse Louise Madonna Ciccone in „Susan, verzweifelt gesucht“ auf die Leinwand brachte.

Ihr merkt schon, es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren: wem es gelingt, sich einzelne Namen und Filme zu merken, kann die in „Blank City“ angerissenen Themen auf den non-profit-Online-Webseiten www.archive.org und unter www.ubu.com/film/transgression.html vertiefen und sich die kompletten Filme ansehen.

Blank City. Ein Film von Céline Danhier. DVD. Rapide Eye Movies. Englisch mit deutschen Untertiteln. Extras: Interview mit Céline Danhier, Deleted Scenes, Outtakes, Kinotrailer & Poster. 96 min. USA 2010. Zur Homepage und zur non-profit Webseite rapid eye movies.

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