Blitzbeats


Neue Platten von und mit Doctorella, Amadou & Mariam, Micatone, Frankie Rose, Crybaby, The Floorettes, Blood Red Shoes und White Rabbits, gehört von Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Doctorella: Drogen und PsychologenRealistische Utopien

(MO) Die Zwillingsschwestern Kerstin und Sandra Grether sind im hiesigen Popkulturbetrieb keine Unbekannten: beide schrieben schon in jungen Jahren für die SPEX, etwas später gründete Sandra Deutschlands erste und bisher einzige Riot Grrrl-Band Parole Trixie, Kerstin veröffentlichte ihren Roman “Zuckerbabys”. Doch genug von der Vergangenheit, jetzt kommt Doctorella! Mit dieser Band erfüllen sich Sandra und Kerstin ihren Herzenswunsch, selbst Musik zu machen: beide singen, texten und komponieren, Sandra spielt Gitarre, Kerstin Keyboard. Mit Mesut Molnár am Schlagzeug und Jakob Groothoff am Bass haben sie nach langer Vorbereitungszeit endlich das perfekte Line-up für Doctorella gefunden.

Das Album “Drogen und Psychologen” zeigt einerseits die große Liebe der Grether-Schwestern zum Pop: Einflüsse von den Strokes über Hildegard Knef, Velvet Underground, The Knife, Blondie und die Lassie Singers lassen sich ausmachen, Indie-Glamour galore. Das absolut Besondere an Doctorella ist aber Kerstins und Sandras Art zu texten: gegenwärtig, poetisch, direkt, romantisch und revolutionär. “Träum den übernächsten Traum” singen sie, und wollen das nicht als mädchenhafte Spinnerei verstanden wissen, sondern als ganz realistische Utopie. Songs wie der Titeltrack, “Ich hol dich aus dem Irrenhaus”, “Liebe Stadt”, “Lass uns Märchenwesen sein” (in dem sie das Kinderlied “Es klappert die Mühle am rauschenden Bach” zitieren und ganz nebenbei zum kapitalismuskritischen Song umdefinieren) oder das bissige “Die Reichen tragen schwarz” zeigen, wie klug deutscher Pop sein kann, wenn man sich nur traut.

Doctorella: Drogen und Psychologen. What´s so funny about. Zur Homepage.

 Amadou & Mariam: FolilaTranskontinental

(TM) Amadou & Mariam, das blinde Paar aus Mali, verbinden schon seit Jahren erfolgreich afrikanische mit westeuropäischer Musik. Deutsche Musik’liebhaber’ kennen die beiden spätestens seit der Fußball-WM 2006 – der dazugehörige Mottosong war eine Zusammenarbeit mit Herbert Grönemeyer. Danach ging’s richtig ab, Amadou & Mariam spielten mit Coldplay, David Gilmour und Johnny Marr und tourten mit U2. Ja, sie sind wohl mittlerweile das, was man Mainstream nennt. Allerdings Mainstream, der durch seine schiere Qualität überzeugt und auch alternativere Musiker der jüngeren Generation anzieht. Für “Folila” haben sich Amadou & Mariam einige der angesagtesten Acts als Partner geschnappt. Santigold, die im Moment alles richtig zu machen scheint, leiht ihre Gesangtalente beim Opener “Dougou Badia”, TV on the Radio veredeln “Wily Kataso”, Jake Shears von den Scissor Sisters gibt “Metemya” eine Disco-Note, andere Beteiligte sind Ebony Bones und Theophilus London. Aber auch ‘reine’ Amadou & Mariam-Titel gibt es, so das bezaubernd naive “Sans toi” und das diese schöne Platte beendende “Chérie”.

Amadou & Mariam: Folila. Because (Warner). Zur Homepage.

 Micatone: Wish I Was HereHandgemachtes

(MO) Lisa Bassenge gönnt sich keine Pause: nach ihrem goldgekrönten Soloalbum „Nur fort“ von 2011 und mehreren Veröffentlichungen mit ihrer Band Nylon erscheint nun eine neue Platte von Micatone, auf der ihre Stimme ebenfalls sehr präsent ist. Trotzdem klingt „Wish I Was Here“ nicht wie eine weitere Soloplatte von Bassenge: Micatone haben sich weitgehend vom elektronisch nachbearbeiteten Lounge-NuJazz-Sound verabschiedet und fügen ihrer Musik viel „Handgemachtes“ wie Surf- und Westerngitarren, Orgel, Streicher, Harfen, Waldhörner, funky Beats und Blues-Pianoklänge hinzu, zitieren Motown-Soul und Americana á la Calexico. Die Musiker aus dem Jazzanova-Umfeld bewegen sich locker und souverän durch die verschiedenen Stile, Lisa Bassenges unverwechselbare Stimme sorgt für chansoneske Anmutungen. Ein erstes Highlight gleich am Anfang: „Handbrake“ changiert zwischen Wüstenstimmung und Clubambiente, entzündet Fernweh und Tanzlust gleichermaßen. Bassenge singt hier mit Stuart A. Staples von den Tindersticks im Duett, und die beiden ergänzen sich perfekt. „Wish I Was Here“ ist eine Platte voller Sehnsucht: nach fernen Orten, der Vergangenheit oder der Zukunft, immer ein bisschen traurig, aber auch voller Tatendrang. Songs wie „Sweet Pain“, „Wish I Didn´t Miss You“, „Souvenir“ oder „Just A Boy“ sind wie gemacht für die ersten Abende am offenen Fenster bei einem Glas Wein – und werden dank Lisa Bassenges gefühlvoller Vocals zu kleinen Perlen.

Micatone: Wish I Was Here. Sonar Kollektiv. Zur Homepage von Micatone.

 Frankie Rose: InterstellarSchritt aus der Garage

(MO) Vor zwei Jahren huldigte die Schlagzeugerin und Sängerin Frankie Rose (Vivian Girls, Dum Dum Girls, Crystal Stilts) mit ihrem Album “Frankie Rose & The Outs” den Garagenbeat- und Girlgroup-Klängen der sechziger Jahre. Auf der neuen Platte ist nicht nur ihre Band The Outs verschwunden, auch Hall und Verzerrer sind weitgehend in den Hintergrund gerückt. Mit „Interstellar“ setzt die New Yorkerin ihre Reise durch die Popgeschichte fort, schwelgt in Eighties-Synthies und gitarrenlastigem Shoegaze. Insgesamt klingt „Interstellar“ weniger rau als das Debüt, dafür deutlich poppiger. Das alles ist natürlich ziemlich retro, auch wenn die Plattenfirma im Promotext vehement behauptet, Frankies Musik sei das genau nicht. Man spürt trotzdem, dass Miss Rose während der Aufnahmen gewiss viele New Order-, The Cure- und Joy Division-Platten gehört hat, vielleicht auch The XX, was sich auf „Interstellar“ atmosphärisch niederschlägt. Aber das ist letztendlich ganz egal, denn die zehn Songs sind so schön und ein bisschen spukig-unwirklich, dass sich die Retro-Frage gar nicht stellt. Tracks wie „Gospel/Grace“, „Night Swim“ oder „Apples For The Sun“ bauen Stimmungen auf, sind sehnsüchtig, wehmütig, und doch stark und selbstbewusst in den Melodien. Frankie lässt den Tönen viel (interstellaren) Raum, die Songs schweben und oszillieren, verlieren aber nie die Form. „Interstellar“ badet in Sonnenlicht und Sternenstaub – ein gelungener Schritt aus der Garage.

Frankie Rose: Interstellar. Memphis Industries (Indigo). Zur Homepage von Frankie Rose.

 Crybaby: ditoLiebesbrief an die 60er

(TM) Danny Coughlan sieht mit seinen überdimensionalen Brillengläsern und seinen engen Hosen zwar aus wie der nächstbeste Hipster, aber er ist gern melancholisch, Liebe und Schmerz beherrschen sein Leben, und er ist sicher so geht es jedem, und deshalb singt er gern drüber, möglichst in den breitwandigsten Farben des Souls der 60er-Jahre, die ihn klingen lassen wie eine Mischung aus Roy Orbison, Richard Hawley und einem schmalbrüstigen Chris Isaak. Alles schonmal gehört, klar, aber als Crybaby macht Coughlan mit seinem selbstbetitelten Debüt eine wirklich gute Figur, und manchmal möchte man ja wirklich nicht mehr als ein wenig schwelgen, in Erinnerungen oder Träumen oder was auch immer. Kitschig ist “Crybaby” kaum, dazu ist es zu musikalisch, dazu beherrscht Coughlan die Figur des Crooners zu gut, und überhaupt sagt er ja selbst, die Platte sei ein Liebesbrief an seine Vorbilder. Anspieltipp ist das nun wirklich famose “We’re Supposed To Be In Love”.

Crybaby: dito. Helium/Cooperative (Universal).

The Floorettes: Pocket Full Of Soul Partykracher

(MO) Wer sich Ende des vergangenen Jahres in Berlin aufhielt, dem fielen sie auf: die bunten Plakte im Sixties-Style, die das Album-Releasekonzert der Floorettes ankündigten. Besagtes Album „Pocket Full Of Soul“ ist nun überall erhältlich und trifft mit seinem optimistischen, an goldene Motown-Momente angelehnten Sound den Zeitgeist. Die drei Bandleaderinnen Amelie, Julia und Katharina orientieren sich gesanglich an den Marvelettes und Shangri-La´s, ihre acht (!) Mitmusiker sorgen fürs fast originalgetreue, klassische Soulgewand der 1960er und 70er. Auch die Songtitel und -texte halten sich ans Vintage-Repertoire: da wird in „The Bus Song“ der zukünftige Liebste angeschwärmt, „Keep Calm And Carry On“ und „Head Up High“ sind typisch soulige Kopf-Hoch-Mutmacher, in „One Chance“ und „Release Me“ geht es um verflossene bzw. aussichtlose Romanzen. Der Opener „Girls’ Night Out“ ist ein toller Einstieg voller Drive, Beat und Schwung – man will sofort mit seinen Freundinnen losziehen und tanzen!

Die elf übrigen Songs sind nett gemacht und decken die gesamte Bandbreite von Beat und Soul ab – schwungvoll groovende Partykracher sind ebenso vertreten wie sentimentale Herzschmerz-Balladen -, lassen aber Eigenständigkeit oder eine Neudefinierung des Genres (noch) vermissen. Wer aber eine leichtfüßige Platte fürs Cabriofahren, Eis essen, Cocktails trinken und Abends-um-die-Häuser-ziehen sucht, ist mit den Floorettes und Stücken wie „Step Back! (The Roller Song)“ und „Out Of Reach“ allerbestens bedient.

The Floorettes: Pocket Full Of Soul. Waterfall Records (Broken Silence). Zur Homepage und zu MySpace.

Blood Red Shoes: In Time To VoicesImmer noch wendig und zornig

(MO) Rechtzeitig zur kommenden Festivalsaison haben Laura-Mary Carter (Gitarre, Gesang) und Steven Ansell (Schlagzeug, Gesang) alias Blood Red Shoes ihren Sound einem deutlichen Update unterzogen: stand das Duo aus Brighton mit seinen beiden ersten Platten “Box Of Secrets” (2008) und “Fire Like This” (2010) für fiebrig-atemlosen, juvenilen Punk, entdecken Blood Red Shoes auf “In Time To Voices” ein breitwandiges, differenzierteres Rockmodell für sich, das perfekt auf Stadionbühnen passt. Gitarrenwände, mehrstimmiger Gesang, grollende Drums: Die elf neuen Songs sind wie für ein Livekonzert durchchoreografiert, beginnend mit euphorischem, dichtem Indierock in der Tradition der frühen 2000er-Jahre (“In Time To Voices”, “Lost Kids”), übergehend in balladeskere Stücke mit wuchtigen, dramatischen Stimmungs- und Tempowechseln (“Silence And The Drones”, “Night Light”), es geht weiter mit einem ambitionierten Break in Gestalt des von Laura allein gesungenen “Je me perds”, um dann mit dem umwerfend heftigen “Stop Kicking” eine druckvolle Schlussphase inklusive Stagediving-Hymnen wie “7 Years” einzuläuten.

Laura und Steven sind zum Glück noch immer wendig und zornig genug, um aus “In Time To Voices” kein Stoner-Rockmonster zu machen, was das Album unter ungünstigeren Bedingungen durchaus hätte werden können. Und so entdeckt man unter den nicht genannten Vorbildern für “In Time To Voices” statt Queens of the Stone Age eher Ash, Elastica, Sonic Youth und MC5.

Blood Red Shoes: In Time To Voices. Cooperative. Zur Homepage der Band.

White Rabbits: Milk FamousHöchste Instrumentenkompetenz

(MO) Von “Milk Famous”, dem dritten Album der New Yorker Band White Rabbits, kann man wahllos einen Song rausziehen und wird ihn toll finden: die Single “Heavy Metal” zum Beispiel, die auf einem rückwärtslaufenden Piano-Loop basiert, das eingängig-verspielte “Danny Come Inside” oder “Hold It To The Fire” mit seinem verschleppten Calypso-Rhythmus. Doch am Stück gehört, bleibt von “Milk Famous” nicht allzu viel hängen außer der Anmutung irgendwie verführerischer Melodiefragmente, Falsettvocals und einer intelligent-versierten Kombi aus Elektro, Wave und Singer-/Songwriterpop im Stile der mittleren Siebziger. Die Stimmung ist generell fröhlich, hat aber auch nachdenkliche Momente. Also ungefähr wie eine Mischung aus Empire of the Sun und Jackson Browne, aber auch nur ungefähr, denn an konkrete Songs erinnert man sich ja nicht.

Das kann natürlich Programm sein, denn Stephen Patterson (Gesang, Piano, Gitarre), Alex Even (Gitarre), Gregory (Gitarre, Gesang), Jamie Levinson (Schlagzeug) und Matthew Clark (Schlagzeug) gelten als gewiefte Scherzbolde mit höchster Instrumentenkompetenz, die sie bei ihren umwerfenden Liveshows unter Beweis stellen. Hm. Mich strengt das auf Dauer ziemlich an, weil ich bei jedem Song das Gefühl habe, auf Hinweise achten zu müssen: ein Zitat, eine Zeile, einen besonderen Klang. Aber dann ist das Stück vorbei, das nächste beginnt und klingt ganz ähnlich. Hey, ihr Hasen: versteckt ihr wirklich was, oder wollt ihr mich nur an der Nase herumführen?

White Rabbits: Milk Famous. Mute/Good to Go. Zur Homepage und die Band bei MySpace.

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