Blitzbeats


Neue Platten von und mit Beth Jeans Houghton,  Harmonious Thelonious, Goldfrapp, Burnt Friedman, Portico Quartett und Pure Desmond, gehört von Ronald Klein (RK), Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

Beth Jeans Houghton: Yours Truly, Cellophane NoseStarkes Debüt

(RK) Junge englische Damen erlebten zuletzt einen enormen Hype. Die Euphorie der Musikpresse schlug sich auch in den Verkaufszahlen nieder. So gilt Adeles „21“ als das bis dato am häufigsten verkaufte MP3-Album. Ein Jahr jünger als die Londoner Neo-Soul-Röhre ist die in Newcastle upon Tyre aufgewachsene Beth Jeans Houghton, die ebenfalls gerade volljährig geworden von den Journalisten zum nächsten Superstar erklärt wurde. Doch statt nach einer Single und einer EP das Debüt-Album zu veröffentlichen, reagierte die Musikerin mit Verweigerung. Trotzig erklärte sie, dass sie auf Berühmtheit keine Lust habe und bereiste stattdessen ausgiebig Kalifornien. Schließlich ließ sie sich doch auf einen Longplayer ein, den Ben Hillier (u. a. Blur und Depeche Mode) produzierte. Ein wenig scheint noch immer die Verweigerung durch, denn leicht wird es dem Hörer nicht gemacht. Der Einstieg kommt mit „Sweet Tooth Bird“ unmittelbar und heftig.

Wer nach Einnahme bewusstseinserweiterter Substanzen einen Jahrmarkt besucht, wird ähnliche akustische Assoziationen haben: zu viel von allem. Das irritierende Moment am Anfang scheint gewollt, denn danach öffnet sich ein Dark-Pop-Klangkosmos, der sich von den Marktführern Austra und The Naked And The Famous nicht zu verstecken braucht. „Dodecahedron“ wurde völlig zu recht als Single ausgekoppelt: eingängig und ein wenig sehnsuchtsvoll, ohne jedoch in gefühlsduselige Sentimentalität zu verfallen. Ohnehin umschifft Beth Jean Houghton auch in den spartanisch arrangierten Songs geschickt die Untiefen der Larmoyanz. Ein starkes Debüt, vielleicht ein wenig zu sauber produziert. Ein paar Ecken und Kanten hätten den zehn Songs besser gestanden. Aber Houghton ist noch jung und wird sich mit ihrer Attitüde in Zukunft mit Sicherheit auch von den Produzenten emanzipieren.

Beth Jean Houghton & The Hooves of Destiny: Yours Truly, Cellophane Nose. Mute/GoodToGo. Die Band bei Myspace.

Harmonious Thelonious: ListenWorldmusic-Percussion

(TM) „American minimalists vs. African drumming vs. European sequencing” nennt Stefan Schwander aka Antonelli den Musikstil, mit dem er nun schon seinen zweiten Longplayer unter seinem Moniker Harmonious Thelonious herausbringt. Man weiß gar nicht, was man zu dieser Musik zuerst machen will: Meditieren? Tanzen? Beides ist möglich, sogar gleichzeitig. Die repetitiven Strukturen des Techno treffen bei „Listen” auf afro-kubanische Instrumente und Rhythmen.

So ist dieses zweite Album zugänglicher als sein Vorgänger, freundlich fast, positiv grundgestimmt. Für diesen kleinen Stimmungswechsel ist vor allem der südamerikanische Einfluss verantwortlich – viele Songs könnten ja direkt auf dem Karneval in Rio gespielt werden. Die Tracks haben einmal mehr seltsame Namen, die aber auch ihr Scherflein zur Faszination dieser Platte beitragen: „Argwöhnische Muziek” oder „Profaner Tanz”. „Talking” und „Listen” bilden nun für jeden DJ, der etwas auf sich hält, den Grundstock eines Worldmusic-Percussion-Sets.

Harmonious Thelonious: Listen. Italic (Rough Trade). Zur Homepage der Band.

Goldfrapp: The SinglesUnverzichtbar

(MO) Alison Goldfrapp polarisiert: die britische Sängerin gilt als frivol und geltungssüchtig; wer ihre Musik nicht mag, schimpft sie eine wenig originelle Kopistin, und als sie 2010 verkündete, auch Frauen zu daten, wurde ihr ein medienwirksam lanciertes Outing unterstellt, das „rein zufällig“ punktgenau zur Veröffentlichung des Albums „Head First“ erfolgte. Andererseits und unbestreitbar hat Alison mit ihrem musikalischen Partner Will Gregory seit dem Jahr 2000 eine Menge toller Songs herausgebracht: die ersten beiden Goldfrapp-Alben „Felt Mountain“ und „Black Cherry“ bescherten dem Duo eine treue Fangemeinde, mit „Supernatural“ kam der internationale Erfolg.

Goldfrapp mixen Elektropop, Disco, 60s-Folk mit nostalgischer Filmmusik à la James Bond, und in glücklichen Momenten entstehen dabei emotional aufwühlende, glitzernde Glam-Kleinode wie „Number One“ und „Lovely Head“. Dass „Ooh La La“ und „Ride A White Horse“ fast eins zu eins mit alten T-Rex-Nummern übereinstimmen und „Strict Machine“ auch über die Instrumentalspur von Donna Summers „I Feel Love“ gesungen werden kann – geschenkt. Und dass Singles wie „Rocket“ und „Believer“ nüchtern betrachtet ziemlich schwacher, schwülstiger Kitsch sind – auch geschenkt. Goldfrapp bringen hüftsteife HochschulprofessorInnen, Slutwalkerinnen und Indienerds zum Tanzen und Schwelgen und Alison lacht sich eins dazu. Goldfrapps Wirkung auf die eigene Person kann man anhand der just erschienenen Singles-Collection nachprüfen, die aus zwölf Jahren Bandgeschichte schöpft und auch Goldfrapps neuesten Wurf „Melancholy Sky“ an Bord hat. Eigentlich unverzichtbar.

Goldfrapp: The Singles. Parlophone/EMI. Zur Homepage der Sängerin.

Burnt Friedman: BokobokoUneben

(TM) Beim Konzert im Dezember 2011 mit Jaki Liebezeit stand Burnt Friedman noch ein wenig im Hintergrund – die Drummerlegende Liebezeit überstrahlte alles. Mit seinem ersten Soloalbum „Bokoboko” tritt Friedman jetzt aus dem Schatten des Großmeisters heraus. „Bokoboko” is japanisch und heißt soviel wie „uneben„ – ein Adjektiv, das sich auch auf den Sound Friedmans beziehen kann, der nun wirklich nicht an harmonischem Nebenher interessiert ist. Ebenso wie bei „Secret Rhythms”, der Serie von Produktionen, die er zusammen mit Liebezeit herausbrachte, ist Zeit eine wichtige Komponente – sie verändert die Songs, nichts ist hier für die Ewigkeit, alles im ständigen Fluss.

Nicht-europäische Rhythmen bilden den Grundstock. Begleitet wird Friedman von Hayden Chisholm (an den Windinstrumenten [!]), Joseph Suchy (Gitarre), Daniel Schröter (Bass) und Takeshi Nishimoto (der die Sarod spielt, ein indisches Saiteninstrument). Er selbst spielt Ölfasser und Steel Drums, Holz- und Metallpercussions und allerlei Tasten- und Saitenintrumente (die man auch nicht unbedingt im Musikalienhandel findet, sondern eher im Baumarkt). Schon an der Instrumentation sieht man also, dass „Bokoboko” alles andere ist als ein gewöhnliches Album. Äußerst hörenswert.

Burnt Friedman: Bokoboko. Nonsuch (Groove Attack). Zur Homepage. Burnt Friedman bei Myspace.

Portico Quartet: ditoFusion-Konzept

(MO) Eine gravierende Veränderung gab es bei den Londoner Jazzern Portico Quartet: 2011 verließ Nick Mulvey die Band, um sich eigenen Projekten zu widmen. Mulvey war nicht irgendein Mitglied, er spielte das Klangschaleninstrument Hang, das den typischen Portico-Sound maßgeblich bestimmte. Mulveys Weggang hat dem Quartet indes nicht geschadet, seine ehemaligen Kollegen holten Keyboarder Keir Vine in die Band, mit dem sie gemeinsam neue Wege ausloten.

Das dritte Portico-Album entstand komplett live ohne Overdubs und Nachbearbeitungen, was für einen organischen, stringenten Fluss sorgt: die Kombination aus akustischen und elektronischen Instrumenten plus Livesampling und Loops ist so anheimelnd wie avantgardistisch und wirkt extrovertierter als das Vorgängeralbum „Isla”. Deutlich hörbar sind Einflüsse aus Dubstep und Elektro, was für eine Jazzcombo recht ungewöhnlich ist – hier kommt dem Portico Quartet seine Affinität zu Pop- und Clubkultur zugute, und das macht die Band zu Vorreitern eines modernen Fusion-Konzepts. Das charakteristische Hang vermisst man kaum, die Porticos haben ihren warmen, suchenden Ambientappeal beibehalten. In Tracks wie „Lacker Boo” wurden überdies Hang-Samples eingebaut, „Ruins” und „Spinner” sind ungewöhnlich heftig und energiegeladen, im tanzbaren „City Of Glass” dominieren Bass und Saxofon. Und noch eine weitere Neuerung haben Portico Quartet zu bieten: mit der Schwedin Cornelia ist erstmals eine Gastsängerin dabei, sie steuert die Vocals zu „Steepless” bei.

Portico Quartet: dito. Real World (Indigo). Zur Homepage des Quartets. Zu den Real World Records.

Pure Desmond: When Lights Are LowCool Jazz

(TM) Wie der Name schon sagt: bei hellichtem Sonnenschein funktioniert diese Platte natürlich überhaupt nicht. Kaum ist aber das letzte Licht des Tages erloschen, schon fühlt man sich in diesen Barjazz-Klängen, bei Kerzen- und gedimmtem Bühnenlicht, sehr gut aufgehoben. „When Lights Are Low” ist das Debüt des Quartetts Pure Desmond, bestehend aus Lorenz Hargassner (Saxophon), Johann Weiß (Gitarre), Christian Flohr (Bass) und Sebastian Deufel (Drums), das sich dem Geist der Musik von Paul Desmond verschrieben hat, des Schöpfers einer der wenigen Welthits des Jazz – „Take Five”, wer kennt nicht diesen berühmten Fünfvierteltakt?

Pure Desmond wandeln auf den Pfaden dieses Vertreters des cool jazz, und besonders Hargassner am Saxophon orientiert sich deutlich an den fließenden, melodischen Klängen, wie sie auch für das Spiel Paul Desmonds bestimmend waren. Nur eines der zehn auf dem Album enthaltenen Stücke stammt allerdings von Desmond – die meisten sind Eigenkompositionen, dazu gesellen sich Klassiker von Mingus („Good Bye, Pork Pie Hat”) und Ellington („Caravan”). Diese Art des Jazz ist nicht zuletzt auch dafür geeignet, Skeptikern des Genres einen leichten Zugang zu bieten.

Pure Desmond: When Lights Are Low. Minor Music (In-Akustik). Zur Homepage von Pure Desmond.