Geschrieben am 7. September 2011 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von Patti Smith, Trombone Shorty, CANT, BOY und Richmond Fontaine, gehört von Thomas Backs (TB), Tina Manske (TM) und Christina Mohr (CM).

Patti Smith: Outside SocietyGanz weit draußen

(CM) Soziologisch gesehen kann man gar nicht außerhalb der Gesellschaft stehen, man ist immer Teil von ihr, mittendrin oder am Rand. 1978 gab Patti Smith mit „Rock N Roll Nigger“ all denen eine Hymne, die sich aller Soziologie zum Trotz nicht der Gesellschaft zugehörig fühlen: „Outside Society / that´s were you`ll find me / outside society / that´s were I want to be“ schrie Smith von der Bühne des New Yorker Clubs CBGB´s und machte sich als Punkpoetin unsterblich. Inzwischen sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Patti Smith hat ihren Platz in der Gesellschaft längst gefunden, seit dem Erfolg mit ihrem Memoirenbuch „Just Kids“ auch im Literaturbetrieb. Ohnehin verstand sich Patti Smith stets mehr als Dichterin denn als Musikerin, sie nannte sich zum Beispiel die Reinkarnation Arthur Rimbauds. Im Booklet zum Album „Outside Society“ gibt Smith eine Kostprobe ihres literarischen Könnens: zu jedem – von ihr selbst ausgewählten – Song des Samplers, der das musikalische Schaffen der Patti Smith Group von 1975 bis 2007 abdeckt, schrieb Smith ein paar Zeilen, in denen sie erklärt, weshalb ihr das betreffende Stück so wichtig ist. „Outside Society“ geht dank „Because The Night“, „Dancing Barefoot“, „Gloria“, „People Have The Power“ und „Frederick“ glatt als Greatest Hits-Album durch, ist aber viel mehr als das: nämlich die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Künstlerin in 18 Songs.

Tracklisting (alle Songs remastered von Greg Calbi und Tony Shanahan):

1. Gloria (Horses, 1975) 2. Free Money (Horses, 1975) 3. Ain t It Strange (Radio Ethiopia, 1976) 4. Pissing In A River (Radio Ethiopia, 1976) 5. Because The Night (Easter, 1978) 6. Rock N Roll Nigger (Easter, 1978) 7. Dancing Barefoot (Wave, 1979) 8. Frederick (Wave, 1979) 9. So You Want To Be A Rock N Roll Star (Wave, 1979) 10. People Have the Power (Dream of Life, 1988) 11. Up There Down There (Dream of Life, 1988) 12. Beneath The Southern Cross (Gone Again, 1996) 13. Summer Cannibals (Gone Again, 1996) 14. 1959 (Peace and Noise, 1997) 15. Glitter In Their Eyes (Gung Ho, 2000) 16. Lo and Beholden (radio edit) (Gung Ho, 2000) 17. Smells Like Teen Spirit (Twelve, 2007) 18. Trampin (Trampin , 2004).

Patti Smith: Outside Society. Arista/Columbia (Sony Legacy). Zur Homepage und zu myspace.

Trombone Shorty: For TrueGroovy

(TB) Wo ist meine Sonnenbrille? Und: Wo bitte geht`s nach New Orleans? Fragen wie diese liegen nahe beim Hören von „For True“, dem zweiten Longplayer von Trombone Shorty alias Troy Andrews. Der relaxte Posaunist trägt seinen Beinamen bereits seit Kindertagen, ist ein Meister seines Fachs. Nach einer Grammy-Nominierung für das Debüt „Backatown“ (2010) beschert er uns hier mit einem Kollektiv um seine Band Orleans Avenue ein neues Gute-Laune-Album aus Jazz, Funk und Soul. Im ausgehenden Sommer 2011 hören wir mit dieser Scheibe 14 Songs, für die Troy auch mit Künstlern aus der Familie der Neville Brothers und den Jazz-Funkern von Galactic musiziert hat. „Buckjump“, „Nervis“ und „Big 12“ gehören in dieser Sammlung dann auch zu den entspannt groovenden Glanzlichtern.

Große Künstler aus der Jazz-Metropole geben hier der Musikwelt ein wenig Nachhilfe. Und zeigen dem Mainstream, wie herrlich lässig mit Bläsern gespielt werden kann. Befreundet ist Trombone Shorty mit Lenny Kravitz. Auf dessen neuem Album hat der Posaunist gleich an fünf Songs mitgewirkt. Kravitz selbst ist auf „For True“ auch vertreten, zupft bei „Roses“ den Bass. Weitere prominente Gitarristen im Team: Warren Haynes (The Allman Brothers Band), Jeff Beck und Fernseh-Cowboy Kid Rock. Gepflegtes Namedropping unter Southern Rockern gehört offenbar zum Masterplan, auf dem Weg nach ganz oben.

Trombone Shorty live 2011: 21. September: Centralstadion, Darmstadt, 22. September: Festhalle, Viersen, 29. November: Modernes, Bremen, 1. Dezember: Tollhaus, Karlsruhe, 2. Dezember: E-Werk Club, Erlangen, 3. Dezember: Gloria, Köln, 5. Dezember: Theaterhaus, Stuttgart, 6. Dezember: Alte Feuerwache, Mannheim, 7. Dezember: Muffathalle, München, 8. Dezember: Postbahnhof, Berlin, 9. Dezember: Uebel & Gefährlich, Hamburg.

Trombone Shorty: For True. Verve Music (Universal). Zur Website und Facebook.

CANT: Dreams Come TrueSchwül

(TM) CANT ist das Soloprojekt des Grizzly-Bear-Multiinstrumentalisten Chris Taylor, entstanden in Zusammenarbeit mit George Lewis Jr. von Twin Shadows. Für die hatte Taylor bereits produziert, ebenso wie für Dirty Projectors oder The Morning Benders – man kann ihn nicht gerade einen Faulpelz nennen. Die zehn neuen Songs haben eine bemerkenswerte Sexyness, denn anders als bei vielen Songs seiner Stammband sind die Tracks auf „Dreams Come True“ von einer entwaffnenden Direktheit und bersten nur so vor Popappeal. Auch das an James Blake erinnernde Falsett von Taylor trägt einen guten Teil zu der schwülen Stimmung bei, die das Album verbreitet. Dabei verfügt CANT über eine erfreuliche Bandbreite: mal 2-steppig („Too Late, Too Far“), mal jazzig („The Edge“), mal minimalistisch singer/songwriterish mit nur spärlicher elektronischer Instrumentierung („Bang“), mal an den düsteren Experimentalismus von Grizzly Bear gemahnend („She Found A Way Out“) oder mit sirrendem dunklem Funk wie im Titeltrack.

Die Zusammenarbeit muss extrem entspannt vorangegangen sein, weder Taylor noch Lewis hatten eine Deadline, die sie unter Druck gesetzt hätte, entsprechend relaxt kommt diese Platte daher. Interessanterweise verlieren die Songs etwas, wenn man sie über Kopfhörer hört – offensichtlich benötigt dieser ebenso reduzierte wie konzentrierte Sound offene Fenster in europäischen oder amerikanischen Metropolen. File under POP in Großbuchstaben.

CANT – Believe

CANT: Dreams Come True. Warp (Roughtrade). Und auf facebook.

BOY: Mutual FriendsLicht und Freude

(CM) Ein Frauenduo, das sich „BOY“ nennt? Das klingt interessant, nach Gender-Debatte und Geschlechterrollentausch. Sängerin Valeska Steiner aus Zürich und Bassistin/Gitarristin Sonja Glass aus Hamburg sind aber nicht MEN, JD Sampsons queeres Discopunk-Ensemble, sondern zwei Musikerinnen, die sich mit ihrem Debütalbum „Mutual Friends“ in alle Herzen spielen werden, egal welchen Geschlechts. Das Video zur Single „Little Numbers“ sieht aus wie eine Mobilfunkanbieter-Werbung, und dort landen BOYs Lieder auch garantiert bald: BOYs Musik ist feinster Singer-/Songwriterinnen-Pop, mal fröhlich und optimistisch, mal nachdenklich und eher melancholisch. Valeska und Sonja sind Freundinnen, die dich mit dabei haben wollen – „Mutual Friends“ eben, kein Zweiergefängnis, eher world clique, nach allen Seiten und für alle offen.

Die Texte sind autobiographisch geprägt, in „Drive Darling“ und „Railway“ beispielsweise thematisiert Valeska ihren Umzug aus der Schweiz nach Hamburg, in „Waltz for Pony“ geht es um (nicht-)verwirklichte Kindheitsträume. Dass ein Abschied auch ein Neuanfang sein kann, davon handelt der mitreißende Opener „This Is The Beginning“, der – wie einige andere Songs auch – ziemlich stark an Feist erinnert, was ja nicht die schlechteste Referenz ist. In den eindringlichen Balladen „July“ und „Boris“ kommt Valeskas Stimme besonders gut zur Geltung, im raffiniert aufgebauten „Oh Boy“ rocken BOY ganz unerwartet ungestüm drauflos. BOY sind auch in Popstar-Kreisen schon sehr beliebt: Phoenix-Schlagzeuger Thomas Hedlund trommelt bei „Oh Boy“, „Waitress“, „Skin“ und „Silver Streets“. Valeska und Sonja verbreiten Licht und Freude mit ihrer Musik, ohne die Welt grundsätzlich aus den Angeln heben zu wollen. Ist ja auch okay.

BOY: Mutual Friends. Groenland/Good To Go (Rough Trade). Zur Homepage.

Richmond Fontaine: The High CountrySteinbecksches Figurenensemble

(TM) Willy Vlautin, Kopf der Band Richmond Fontaine, ist ebenso Schriftsteller wie er Musiker ist – sein Debüt „The Motel Life“ (hier die CULTurMAG-Rezension) wird gerade mit u. a. Kris Kristofferson verfilmt. Daher verwundert es nicht weiter, dass „The High Country“, das zehnte Studioalbum der Band, eine tragische Liebesgeschichte in 17 Akten erzählt. Ein Konzeptalbum ist es nicht, eher schon eine kleine musikalische Novelle über einen Automechaniker und eine Autoteileverkäuferin, die zusammen der Langeweile eines amerikanischen Kaffs in Oregon entfliehen wollen. In der Welt dieser Menschen regieren Drogen, Gewalt und Durchgeknalltheit – fast ein Steinbecksches Figurenensemble. Richmond Fontaine erzählen die Geschichte mit Songs, die zwischen Americana, Roots Rock, Ballade und düsteren Soundscapes pendeln, ab und an werden auch reine Dialoge in Szene gesetzt oder plärrt ein Country-Radiosender unerträglichen Schmalz in den Äther.

Die Stimmung ist düster, „The High Country“ macht auf eine angenehme Art sehr, sehr traurig. Deborah Kelley (The Damnations) übernimmt die weiblichen Stimmanteile, und das passt ebenso gut wie schon auf dem Debüt „Post To Wire“. Als Hörspiel würde „The High Country“ durchfallen, dafür sind die Charaktere zu hölzern, aber mit ihrem innovativen Versuch, mal etwas anderes zu machen als das x-te Überflieger-Singer/Songwriter-Album, flößen einem Richmond Fontaine Respekt ein. Zeit wird’s überhaupt, dass mal ein paar mehr Leute das außergewöhnliche Storytelling-Potenzial dieser Band entdecken.

Richmond Fontaine: The High Country. Decor (Indigo). Zur Homepage und zu myspace.

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