Geschrieben am 11. September 2013 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Tonia Reeh, Nightmares on Wax, Clark und Woog Riots, gehört von Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

toniareeh_fightofthestupidIntensiv und fordernd

(MO) Wow, was für ein Album! Hatte „Boykiller“ in 2011 schon Aufsehen erregt, wird „Fight Of The Stupid“ Tonia Reehs Ruf als Songwriterin der besonderen Art noch untermauern. Zur Erinnerung: Bis vor Kurzem war die Berlinerin als Monotekktoni unterwegs und fabrizierte elektronisch verzerrten Höllenlärm mit parolenartigen Aufrütteltexten zum An-die-Wände-Sprühen. Doch dann wollte die klassisch ausgebildete Musikerin und Opernsängerin (!) nicht mehr so stark von technischem Gerät abhängig sein, besann sich auf ihre meisterlichen Fähigkeiten am Klavier und ihren „bürgerlichen“ Namen – mit mindestens so umwerfender Wirkung wie in ihrer elektronifizierten Monotekktoni-Persona.

Denn Klavier + Stimme + ein paar andere akustische Instrumente bedeuten bei Tonia Reeh nicht etwa den Umschwung zu säuselnd-ätherischen Songgespinsten: auch „unplugged“ ist Reeh hörbar wütend auf herrschende Verhältnisse und tradierte Rollenbilder, zum Beispiel in „The Defeated Woman“, in dem sie ihre eigene, schonungslose Sicht auf Mutterschaft und Eltern“glück“ in die Tasten hämmert. „Fight Of The Stupid“ ist intensiv und fordernd, dramatisch, powerful und grollend – aber auch eingängig und lustig: in „Cancer Dancer“ haben sich Splitterchen der Nineties-Clubhymne „Rhythm Is A Dancer“ eingeschmuggelt, andernorts überschlagen sich die Blechbläser (Unterstützung kommt von Jakobus Siebels, Mense Reents und Omar Rodríguez-López/Bosnian Rainbows) – entfernt vergleichbar mit Amanda Palmer, nur weniger theatralisch, mehr in-your-face. Unbedingter Tipp!

Tonia Reeh: Fight Of the Stupid. Clouds Hill.

nightmaresonwax_feelingoodFühlt sich gut an

(TM) Seit sieben Jahren lebt George Evelyn aka Nightmares on Wax auf Ibiza. Wer möchte es ihm da verdenken, dass seine Tracks mittlerweile klingen wie Sunkist-Orangen. Dieser Typ hat das Relaxen erfunden, möchte man meinen. „Be, I Do“ ist so entspannt, dass man sich schon in Gedanken einen Gute-Abend-Tee gebrüht hat, wenn kurz darauf der cinematographische Sound von „Master Plan“ und die Stimme von Katy Gray erschallt, gefolgt vom Funk-Track „Luna 2“.

Kopf- und Herzstück des Albums ist aber ohne Zweifel die Single „Now Is The Time“, bei der allein schon der atonale Klaviereinschub für Begeisterung sorgt. Ansonsten möchte man bei diesem Bubblegum von einem Song natürlich nur noch auf die Tanzfläche und große Blasen machen. „Give Thx“ dagegen ist die ganz große Motown-Soul-Keule, und „Eye (Can’t See)“ führt Funk und Latin-Grooves zusammen – sehr sophisticated. Mit „Feelin‘ Good“ hat Evelyn vielleicht ein zweites „Smoker’s Delight“ erschaffen, warum denn nicht. Fühlt sich jedenfalls verdammt gut an.

Nightmares on Wax: Feelin‘ Good. Warp (Rough Trade).

clark_feastbeastFast ambient

(TM) Warp-Wundermann Clark präsentiert mit diesem Doppelalbum eine Sammlung seiner Remixe, von denen viele hier zum ersten Mal veröffentlicht werden. Das Cover-Artwork passt wunderbar zu der Wirkung, die Clark in den letzten Jahren auf die elektronische Musik hatte – irgendwie scheint er zu viele Hände zu haben, um sie stillhalten und keine tolle Platte veröffentlichen zu können. Fast alles, was er in der letzten Zeit angefasst hat, ist zu Gold geworden.

Mit Clarks Arbeiten verbindet man leicht die Frickeligkeit und Zersplittertheit eines Squarepusher oder Aphex Twin. „Feast“, das sich auf Vorlagen aus der Elektroecke verlegt, wirkt gegen all das schon fast ambient, während „Beast“ dann doch noch dasselbige herausholt. Clarks Bearbeitungen von eher behäbigen Popsongs wie Maximo Parks „Let’s Get Clinical“ oder Depeche Modes „Freestate“ sorgen dann eben doch noch für großes Vergnügen. Und von HEALTHs „Die Slow“ kann man sowieso nie genug haben.

Clark: Feast/Beast. 2 CD. Warp (Rough Trade).

woog_fromlofitodiscoGrößtmögliche künstlerische Freiheit

(MO) Mit seinem vierten Album vollzieht das Darmstädter Duo Woog Riots einen epochalen Schritt: „From Lo-Fi To Disco!“ erscheint nämlich auf Silvana Battistis und Marc Herberts unlängst gegründetem eigenen Label, das genauso heißt wie die Platte. From Lo-Fi to Disco! war bei den Woog Riots schon immer Programm: Charmanter Wohnzimmer-Folkpop im Geiste der Moldy Peaches trifft auf repetitiven Postpunk à la The Fall und elektrifizierte Dance-Beats – das popkulturelle Wissen des Duos ist enorm, der Wille zum unprätentiösen Spiel ist es auch.

Man darf den Claim „From Lo-Fi to Disco!“ ruhig als Manifest verstehen, wobei Woog Riots kein bisschen dogmatisch sind: Tanzen und Textexegese können gleichzeitig passieren, dürfen aber auch nacheinander praktiziert werden. Das neue Album versammelt neue Songs, „unreleased classics“, Singles-B-Seiten und Tracks, die bisher nur auf Compilations erschienen waren und ist damit so etwas wie eine Werkschau, vor allem aber die Demonstration größtmöglicher künstlerischer Freiheit.

Woog Riots covern Camper van Beethovens „Take The Skinheads Bowling“ und fügen mit „Why Are You A Skinhead Now?“ ihr eigenes unmissverständliches Statement an; ebenfalls gecovert werden Adam Green, The Times, The Dass Sägebett und Die Arschgebuiden. In ihren eigenen Songs machen sich Woog Riots über festgefahrene Attitüden lustig („Too Funk To Drug“), baden im „Jungbrunnen“ und leihen sich einen Titel von David Bowie („Sound And Vision“). Macht wie immer alles sehr viel Spaß und verspricht eine prächtige Zukunft für Platte, Band und Label!

Woog Riots: From Lo-Fi To Disco! (From Lo-Fi to Disco!)

Woog Riots live: From Lo-Fi to Disco! Tour – Autumn 2013, presented by ByteFM, CULTurMAG & INTRO.

19.9., Darmstadt – Künstlerkeller
20.9., Frankfurt – Freitagsküche
21.9., Berlin – Madame Claude
22.9., München – Milla
24.9., Düsseldorf – Cube
26.9., Braunschweig – Riptide
28.9., Hamburg – Reeperbahnfestival
11.10., Göttingen – Astrastube / Heimathafen im Pools

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