Geschrieben am 18. September 2013 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Larry Gus, Laura Mvula, Joy Wellboy und No Ceremony///, gehört von Julia Hess (JH), Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

larrrygus_yearsnotlivingEinfach abgehen

(TM) Auf seinem zweiten Album begibt sich der Grieche Panagiotis Melidis aka Larry Gus (= lautsprachlich das griechische Wort für „Kehlkopf“) in das Reich zwischen 60s-Jazz, 70s-Psychedelic und heutigem Dancefloor. Eigenen Angaben zufolge ist „Years Not Living“ inspiriert von Georges Perecs komplexen Meisterwerk „Life: A Users Manual“ von 1978 und „Anima Latina“, einem Album von Lucio Battisti aus dem Jahr 1974.

Wahrscheinlich nicht die schlechteste Referenzen für eine Platte, die so ziemlich jede Idee ausprobiert, die Panagiotis während der kreativen Arbeit hatte. In seinen besten Momenten (z. B. „With All Your Eyes Look“, „In Violent Ink [Misprints]“) erinnert er dabei an Dan Snaith aka Caribou, mit Falsettgesang und unwiderstehlichen Grooves mit Blick für das Abseitige. In „The Percival Seascapes“ werden sogar Mönchsgesänge verwendet. Das funktioniert genau so, wie Larry Gus das im neuen Video zur Single „The Night Patrols (A Man Asleep)“, in dem viele sympathische Menschen sich teilweise sehr ungelenk, aber immer würdevoll zur Musik bewegen, vorlebt. Genau so möchte man das auch machen, sich zum Horst machen und abgehen. Seien Sie also netter als unsere Kanzlerin, unterstützen Sie wenigstens einen Griechen von ganzem Herzen und kaufen Sie diese Platte! Sie werden es nicht bereuen.

Larry Gus: Years Not Living. DFA/PIAS/Coop (Rough Trade).

laura mvula_singtothemoonStilvoll

(MO) Der Herbst kommt, und mit ihm die tollen Platten: Während Janelle Monáe mit „Electric Lady“ den amerikanischen Kolleginnen zeigt, wie Soul und R’n’B heutzutage klingen können, bringt die Londonerin Laura Mvula mit „Sing To The Moon“ ihre so lässige wie intensive Soulvision heraus. Die 26-jährige Mvula stammt aus einer sehr musikalischen Familie, spielte schon als Kind mehrere Instrumente, studierte Komposition am Konservatorium in Birmingham und sammelte Gesangserfahrung in Gospelchören und vor allem beim renommierten Acapella-Ensemble Black Voices – so viel zur Vorgeschichte.

Doch die beste Ausbildung hat nur Sinn, wenn zum Talent auch das gewisse Etwas kommt: bei Laura Mvula ist das ihre großartige Stimme, ein bisschen heiser und angenehm rauchig, warm und voll. Eine echte Soul- und Jazzgöttinnenstimme, die auch Jamie Cullum auf seiner letzten Platte mit dabei haben wollte. Was die geneigte Hörerin aber vollends zum Jubeln und Schwelgen bringt, ist Mvulas cooler, kreativer und kundiger Umgang mit dem Pop-Archiv – nein, bitte jetzt nicht „Retro“ reinrufen, denn dass sich auch zeitgenössischer Soul auf „früher“ bezieht, liegt ja auf der Hand.

Laura Mvula verbindet nostalgische Sechzigerjahre-Sounds mit Überraschendem, zum Beispiel an Adam & the Ants erinnerndes Tribal-Getrommel auf dem Hit „Green Garden“. Also Soul und New Wave – was ja noch nicht sehr oft zusammengedacht und -gebracht worden ist. Toll ist auch der immer wieder einsetzende Chorgesang mit Orchesterbegleitung – eine Reminiszenz an ihre eigene Vergangenheit -, der die Ballade „Is There Anybody Out There“ oder den Opener „Like The Morning Dew“ zum Schweben bringt. „Sing To The Moon“ ist ein rundum begeisterndes Debüt, stilvoll und mit garantiert nachhaltiger Wirkung.

Laura Mvula: Sing To The Moon. RCA Victor/Sony Music.

joywellboy_jorokobysmantraNicht fad

(TM) Es ist ein für Bpitch Control ziemlich untypisches Signing, das sich das Elektrolabel da an Land gezogen hat mit dem Duo, dessen Name Joy Wellboy eher klingt wie der eines Popjünglings. In ihrer Heimat Belgien gelten Joy Adegoke und Wim Janssens, auch privat ein Paar, schon als die große Nummer. Wir Deutsche sind ja immer schnell mit dem Urteil zu Hand, dass aus Brüssel nichts Gutes kommt, nun haben wir den Gegenbeweis.

„Yorokoby’s Mantra“ erfindet den Popsong nicht neu, und auch der Elektroeinschlag ist nun nichts, was man nicht von hundert anderen Bands auch schon einmal gehört hätte, aber Joy Wellboy sorgen eine gute Dreiviertelstunde lang für gute Laune zwischen Trip-Hop, Drum’n’Bass und Sphären-Waber, und es wird einem dabei nicht fad. Wer sich auf die eindeutigen Hits beschränken möchte, sollte sich unbedingt das grandiose „Lay Down Your Blade“ mit seinem perfekten hymnischen Synthieschluss gönnen sowie den das Album beschließenden treibenden Groove von „On The Beach“.

Joy Wellboy: Yorokoby’s Mantra. Bpitch Control (Rough Trade).

noceremony_ditoPerfektionistisches Leiden

(JH) Die alte Regel – wer sich als Mysterium gibt, macht sich automatisch interessanter. No Ceremony /// geben tatsächlich nicht sonderlich viel von sich preis und sind mit der Zeit zu einem echten Hype mutiert. Dabei weiß ihr gleichnamiges Debutalbum auch ohne das ganze Versteckspiel zu überzeugen. Zu dritt sind sie, kommen aus Manchester und stehen auf ungewöhnliche Schreibweisen. Immerhin das ist landläufig bekannt.

Nach mehreren Single-Veröffentlichungen kann man die Briten jetzt auch im Albumformat genießen, das ein oder andere Stück ist dem geneigten Hörer daher eventuell schon bekannt. Der Opener „HURTLOVE“ offenbart sofort die Richtung: Minimalistisches Piano, dezente Elektronik, verzerrter Gesang und alles in allem eine melancholische, leicht düstere Stimmung. „FEELSOLOW“ wirkt durch die leicht aufgekratzten Synthies fast schon wie ein Partysong, im Vergleich zum Rest des Albums. Schon der Titel und die Gesamtstimmung sprechen trotzdem eine eher bedrückende Sprache.

Das gitarrenlastige „HEARTBREAKER“ (mit Joey Santiago von den Pixies an den Saiten) vereint wunderschön warmen Gesang mit kantigem Riff. „HOLDONME“ bäumt sich nach zurückgenommenen, angenehmen Beats immer mehr auf, der monotone Gesang fügt sich perfekt in die Songstruktur. Überhaupt, die ganze Platte wirkt überaus perfektionistisch, nie überladen, kein Ton ist fehl am Platz. Etwas House, leicht in die Dubstep-Richtung oder doch ein zarter Rave, in Kombination mit den harmonischen Vocals bleibt alles in einem stimmigen Gesamtbild. Namen wie Austra, The XX, Crystal Castles oder Hurts kommen einem automatisch in den Sinn, aber No Ceremony /// schaffen es mit ihrem brillianten Songwriting locker, eine eigenständige Klangmarke zu setzen.

Manchmal wünscht man sich zwischen all der Melancholie und Sehnsucht aber einen Ausbruch ins Ungewisse, ein bisschen mehr Verschrobenheit oder kurz gesagt: Ein Lebenszeichen. So lässt einen das Album in einer mittelschweren Lethargie zurück, die trotz all dem poppigen Schönklang ziemlich runterzieht.

No Ceremony /// : dito. Noc////Pias (Rough Trade).

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