Bill Evans: Soulgrass


Nur vom Feinsten

So ist das manchmal: Was in der Theorie abscheulich anmutet, kann in der Praxis zu ganz liebenswerten und schönen Resultaten führen.

Nachdenkliche Gemüter könnten auf die Idee kommen, dass crossover oder fusion oder wie auch immer gemischte Musik manchmal das Ergebnis von rein statistischer Kombinatorik sein mag: Wir nehmen alles, was anscheinend nicht zusammenpasst, und mischen es, bis der Notenschlüssel pfeift. Also zum Beispiel Bluegrass inklusive Fiedel, Banjo, Dobro, Mandoline und modern jazz. Natürlich muss sowas in Nashville aufgenommen werden, am besten mit lebenden Legenden. Und huch und o Wunder: Es funktioniert, und zwar richtig prächtig. Verantwortlich zeichnet für dieses leicht bekloppte Projekt Bill Evans, der Miles-Davis-Saxophonist post Liebman. Er hat sich von beiden Lagern das Feinste geholt, was zu holen war. Mark Egan für den Bass, David Kikosi fürs Piano, seinen alten MD-Kumpel John Scofield von der Jazz-Seite, den genialen Banjo-Virtuosen Bela Fleck, die Nashville-Schlagzeug-Legende Vinni Colaiuta, dazu noch die Bluegrass-Heroen Jerry Douglas, Sam Bush, Stuart Duncan und gar Bruce Hornsby von der Country-Abteilung, die natürlich selbst schon lange nicht mehr nur biedere Nashville-Kracher liefern.

Und los geht`s. Im allerersten Stück „Soulgrass“ muss man noch befürchten, dass Evans’ Saxophone doch zu robust sind für Flecks grandios filigranes Banjo-Spiel, aber das Problem gibt sich. Das letzte Stück der CD, Miles Davis` „Jean Pierre“ (hier hat Anton Leos das Banjo übernommen), ist die perfekte Synthese, was vielleicht an der so einfachen, aber genial knautschbaren Machart des Titels liegen mag. Dazwischen liegen acht kleine überraschende, spannende Meisterwerklein, die den Aberwitz des Konzepts vergessen lassen und nur Spaß und Freude machen. So ist das manchmal: Was in der Theorie abscheulich anmutet, kann in der Praxis zu ganz liebenswerten und schönen Resultaten führen.

Thomas Wörtche

Bill Evans: Soulgrass. BHM 1008-2.