Geschrieben am 26. September 2012 von für Musikmag

Antony & The Johnsons: Cut The World

Suche nach einem Platz in dieser Welt

Wer Antony Hegarty einmal live erleben durfte, weiß, dass so ein Konzert das beste Mittel gegen Misanthropie und Weltschmerz ist. Das Gesicht erhält einen verklärten Schimmer, die Augen strahlen, einem wird schon fast heiß ums Herz und man möchte die ganze Welt umarmen. Man glaubt wieder an das Gute da draußen. Janine Andert freut sich über das neue Album von Antony & The Johnsons, das ein bisschen davon transportiert.

So eine intensive Live-Stimmung lässt sich schwer auf Platte einfangen. Aber „Cut The World“ ist ganz nah dran. 12 Songs, darunter die wichtigsten aus Antonys bisheriger Karriere, geben einen Eindruck von der überwältigenden Live-Atmosphäre. Bis auf den Titeltrack „Cut The World“ wurde das Album 2011 zusammen mit dem Danish National Chamber Orchestra in Kopenhagen aufgenommen. „Cut The World“ wurde als einzige Neukomposition im Studio eingespielt.

Was aber macht den 1971 in England geborenen und heute in New York lebenden Künstler zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Popwelt? Zum einen ist da sein herausstechendes Falsett gepaart mit Kammermusik, die sich nicht scheut, auch einmal Schlagzeug und E-Bass sowie das ganz große, opulente Orchester hinzuzuziehen. Dann ist das die Auffälligkeit der Person Antony Hegarty, die sich selbst als „transgender“ bezeichnet und mit ihren Songtexten und der Präsenz die Diskussion über Transsexualität einem breiten Publikum zugänglich macht.

Ausführlich kann Antonys Theorie in „Future Feminism“ nachgehört werden, eine Ansprache, die sie auf einem der Konzerte in Kopenhagen hielt. Dabei tritt Antony niemals als Dragqueen auf, sondern nimmt sich lediglich das Recht heraus, sich öffentlich als Frau zu präsentieren. In diesem Sinne ist Hegarty auch kein homosexueller Künstler, sondern – so muss es richtig heißen – eine Künstlerin, die im falschen Körper geboren wurde. Dabei steht sie, entgegen dem überstilisierten, aber notwendigen Gestus der Queerszene während der revolutionären Discoära, bescheiden auf der Bühne, umgeben von einem Zauber, der diese offensichtliche Thematik völlig neu behandelt.

Es geht um das allgemeine Gefühl des Andersseins und der Suche nach einem Platz in dieser Welt. Vielleicht ist das die kulturelle Größe von Antony, dass die Transsexualität nicht mehr als Ausnahme, sondern als eine von vielen Formen des (Anders-)Seins verstanden wird. So sind Antony & The Johnsons auch schon lange kein Geheimtipp mehr im Reich der Spartenmusik, sondern Teil des breiten Musikgeschmacks.

Harald Fricke schrieb über den queeren Pop als musikalisches Allgemeingut, dass diese Platten plötzlich Konsens sind, „weil hier die Ambivalenz emotionaler Bindungen thematisiert wird, das Dazugehören durch Abweichung: ‚I am happy / so please hurt me / I’ll grow back like a Starfish’, wie es bei Antony and the Johnsons im 2000 veröffentlichten Song ‚Cripple and the Starfish’ heißt.“ (aus: Harald Fricke: Texte 1990 – 2007, Merve Verlag Berlin, 2010, S. 104). Fricke postuliert, sich auf Ellis Havelocks Buch „Sexual Inversion“ berufend, die „great emotional instability“ als kulturelles Phänomen, dass nicht nur die queeren Kreise, sondern die gesamte Bevölkerung erfasst hat.

Gerade das ist es auch, was die Hörer von Antony & The Johnsons ergreift: Antony singt über ihre sehr persönliche Erfahrungswelt – das Gefangensein im falschen Körper, über Natur und Ökologie, über die Aufhebung patriarchaler Herrschaftsstrukturen hin zu femininen Gesellschaftsstrukturen – ohne wie ein Oberlehrer zu klingen, sondern einfühlsam den Horizont der Hörer erweiternd.

„Cut The World“ berührt nicht nur tief, sondern ist gleichzeitig auch ein Best-of-Album nebst Querschnitt der neueren Strömungen in der Transgender-Forschung. Der einzige Wehrmutstropfen – und es ist wirklich kleinlich, das zu sagen – ist, dass der Song „Hope There’s Someone“ fehlt.

Janine Andert

Antony & The Johnsons: Cut The World. Rough Trade/Beggars Group (Indigo). VÖ: 03.08.2012. Zur Homepage, zur Facebookseite.

 

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