Geschrieben am 23. März 2011 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Zwischenruf: Bismarck mit Schal oder Underground ist trendy

Am Hamburger Hafen, ganz in der Nähe der Landungsbrücken, steht das eindrucksvollste Denkmal der Stadt: Die 34,3 Meter große Statue des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Auf sein Schwert gestützt blickt die Hamburger Rolandsfigur in Richtung Elbmündung.  Überlebensgroß, unerreichbar. Umso erstaunter blickten die Passanten in den letzten Tagen zum Bismarck hinauf; hatte doch jemand dem Fürsten einen 20 Meter langen roten Schal um den Hals geschlungen.  Wie sich herausstellt, handelte es sich um eine Guerilla-Aktion eines Pharmaunternehmens. „Oh wie crazy!“, findet S. U. Bart … Und: War da nicht mal was?

Mal was ganz Verrücktes machen!

Hamburg, Anfang März 2011. Die Agentur präsentiert dem Pharmaunternehmen die Kampagne für das Grippemittel. Pharma-&-Grippe ist so beliebt wie Hundescheiße auf dem Gehweg. Daher hat sich die Agentur mal was ganz Verrücktes einfallen lassen.

Für die Präsentation hat die Agentur extra neu gekaufte Hängearschhosen und Hoodies angezogen. Zuerst zeigt sie ein paar ein paar Fotos und Videos von Kommunikationsguerilla-Aktivitäten: „Darauf fahrn die Leute ab. Das können Sie in den Statistiken im Folder nachlesen. Das ist frisch und frech. Underground ist trendy. Das ist Till Eulenspiegel, Trickster, wenn Sie wissen, was wir meinen.“ Das Pharmaunternehmen weiß nicht, was die Agentur meint, verspricht sich aber steigende Verkaufszahlen von „frisch und frech“. Die Agentur sagt, sie werde das Pharma-&-Grippe-Thema nicht nur von der Hundescheiße-aufm-Gehweg-Assoziation befreien, sondern sie werde es sogar in lebendige Popkultur verwandeln!, und zwar mithilfe einer illegalen Aktion! Die Illegalität sei notwendig für den Undergroundtouch und wegen der sogenannten „Streetcred“, sagt die Agentur. Mögliche Prozesskosten und Geldstrafen seien im Budget berücksichtigt und eine gerichtliche Auseinandersetzung erwünscht, sie generiere Aufmerksamkeit und Medienpräsenz. Gleichzeitig sei die illegale Aktion vollkommen harmlos: „Wir tun wirklich niemandem weh.“ Die Agentur lächelt aus ihren Hoodies heraus, zieht die Hängearschhosen hoch und zeigt ihr computeranimiertes Kampagnenpräsentationsvideo: Die Denkmäler Bismarcks und Heines, dekoriert mit roten Schals (wegen der Grippe!), und Passanten, die das lustig finden. „Das ist ja mal was ganz Verrücktes.“, sagt das Pharmaunternehmen, „Aber sagen Sie, warum müssen die Schals eigentlich rot sein? Wir hätten da lieber was Buntes.“

Zwei Stunden später hat die Agentur das Pharmaunternehmen davon überzeugt, dass die Schals rot sein müssen, und das Pharmaunternehmen verabschiedet sich. Kaum ist die Tür hinter ihm zu, zieht die Agentur die Hängearschhosen und Hoodies aus und ihre eigenen Sachen wieder an. Schon irgendwie komisch, so den Schritt in den Kniekehlen hängen zu haben. Und dann begießt die Agentur den erfolgreichen Verkauf der Kampagne mit einer Flasche Champagner, um deren Hals der Praktikant – ohne dazu angewiesen worden zu sein, quasi „frisch und frech“ – einen roten Schal geschlungen hat. Der wird mal groß rauskommen, dieser Praktikant, aber das dauert noch ein paar Jährchen. Die Kampagne kommt leider gar nicht groß raus. Die Agentur weiß nämlich nicht, wie sie ihre sogenannte „Streetcred“ und ihre „lebendige Popkultur“ mit dem Markennamen des Produkts zusammenbringen kann, ohne dass man gleich wieder das Hundescheiße-aufm-Gehweg-Gefühl kriegt, weil es doch wieder nur um Pharma-&-Grippe geht. Und dazu will auch dem Praktikanten beim besten Willen nichts einfallen.

S.U. Bart

Dies war nicht das erste Mal, dass die schier unerreichbare Politiker-Statue zu Aktionen herausgefordert hat. So sorgte ein „Kommando Heiner Geißler“ am Feiertag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 für einigen Wirbel in der Stadt: Die Aktivisten aus der autonom-alternativen Szene hatten dem Bismarck-Denkmal über Nacht eine Kohl-Maske übergezogen. Ein Husarenstück, das S. U. Bart in ihrem gelungen Schelmenroman „Goodbye Bismarck“ (mehr hier und hier) detailliert und unangestrengt nachzeichnet.

Auch Greenpeace hat das Bismarckdenkmal einmal als Werbeträger benutzt, aber Greenpeace ist natürlich nicht die Pharmaindustrie und auch nicht die Initiative für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, die letztes Jahr ebenfalls und deutlich gekonnter culture jamming eingesetzt hat:  Hier eröffnet demnächst eine Ikeafiliale.

S. U. Bart liest am 10. April im Cafe Miller auf den Hamburger Lesetagen (Aktion NEIN zu Vattenfall, Lesetage selber machen ), weitere Termine finden Sie hier.