Posted On 30. Januar 2013 By In Litmag, Porträts / Interviews With 706 Views

Zur HAM.LIT 2013: Tilman Rammstedt im E-Mail-Interview

Am 7. Februar ist es wieder so weit: Präsentiert u. a. von CULTurMAG, beginnt mit HAM.LIT 2013 der literarische Frühling. In der mittlerweile vierten „langen Nacht junger deutschsprachiger Literatur und Musik“ lesen im Hamburger Club „Uebel & Gefährlich“ 15 Autorinnen und Autoren spannende Literatur. Vom Roman über Lyrik und Erzählung bis zu experimenteller Prosa gibt der Abend einen Einblick in die junge deutsche Literaturszene. Zwischen den Lesungen und danach gibt es jeweils ein Konzert. Wir stellen in dieser und der nächsten Woche einige der Teilnehmer vor – los geht es mit Tilman Rammstedt, dessen Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ vor kurzem im Dumont-Verlag erschienen ist und mit dem Isabel Bogdan gesprochen hat.

Rammstedt_H12

© Juliane Henrich

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │12. Januar 2013, 14:37 Uhr
Lieber Tilman,
ich soll Dich fürs CULTurMAG interviewen. Wie machen wir das? Am besten wohl per Mail, hm? Finden wir einen gemeinsamen Termin, um uns zusammen zu betrinken, jeder vor seinem Rechner? Oder machen wir das nach und nach? Fragt Isa

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │13. Januar 2013, 18:19 Uhr
Liebe Isa,
Trinken wird das Beste sein. […]
[Ein paar Mails mit Verabredungsversuchen zu einem Mailtermin, um alles auf einmal zu machen. Klappt nicht. Was sind wir beschäftigt! Also mailen wir nach und nach.]

Von: Isabel Bogdan │An: Tilman Rammstedt │17. Januar 2013, 11:48 Uhr
Dann fange ich jetzt einfach an.
Hast Du eigentlich noch Vertrauen in Bruce Willis? Er hat sich ja in Deinem Buch als ziemliche Lusche erwiesen. Schreibt nicht, spricht nicht, haut niemanden aus der verzwickten Banküberfallsituation raus und ist die ganze Zeit nur ein Klotz am Bein. Kann dieser Mann einen aus einer Schreibkrise raushauen?

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │18. Januar 2013, 14:30 Uhr
Die meisten Probleme lassen sich ja dadurch lösen, dass man sich ein noch schwierigeres Problem sucht, im Vergleich zu dem das ursprüngliche Problem auf einmal einfach erscheint. Und da hat Bruce Willis ganze Arbeit geleistet. Das Buch, das der fiktive Autor Tilman Rammstedt in meinem Roman dann geschrieben hat (oder nicht geschrieben hat, das darf man sich aussuchen) ist zwar ganz anders geworden als geplant, aber immerhin hat ihn Bruce Willis in seiner Klotzambeinigkeit dazu gebracht, es zu schreiben. Also ein Raushauen durch komplette Passivität, eine perfide Action-Vermeidungsstrategie eines Actionhelden. Kurz: Mein Vertrauen in Bruce Willis ist dadurch sogar eher noch gewachsen.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 19. Januar 2013, 20:39 Uhr
Ha, das Konzept „Problemlösung durch Nichtstun“ kenne ich gut, ich war nur noch nicht auf die Idee gekommen, dass man das auch outsourcen kann. Ich sehe da Verdienstmöglichkeiten – ich wäre ja sofort bereit, gegen ein angemessenes Honorar andererleuts Probleme zu lösen, indem ich nichts tue. („Und wo lassen Sie nichtstun?“)
Aber vielleicht sollten wir erst mal ein paar Worte über Dein Buch sagen – kannst Du kurz zusammenfassen, worum es geht?

Tilman-Rammstedt_Die Abenteuer...Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 20. Januar 2013, 10:16 Uhr
Du weißt schon, dass du gerade die verbotenste Frage von allen gestellt hast, oder?
Autoren sind doch viel zu eitel dafür, ihre Bücher zusammenzufassen. Dafür ist doch immer alles zu vielschichtig und doppelbödig und beziehungsreich und subtil geraunt, da kann man doch nicht zum Beispiel schnell sagen, es geht um drei melancholische Männer und einen toten Hund. Dabei stimmt genau das: Es geht um drei melancholische Männer. Und einen toten Hund. Und um Krisen. Und um Schummeln. Und um das Glück.

Von: Isabel Bogdan │An: Tilman Rammstedt │23. Januar 2013, 22:35 Uhr
Nö, wusste ich nicht. Dann tun wir doch einfach so, als wäre die Antwort nicht von Dir, sondern von dem fiktiven Autor „Tilman Rammstedt“ aus Deinem Buch.
Viele Autoren sagen ja, die Geschichte erzähle sich quasi von selbst, der Autor habe ganz schnell keinen Einfluss mehr darauf, was passiert. Du hingegen stellst sehr klar, dass „Tilman Rammstedt“ allmächtig ist. „Ich kann jederzeit Hubschrauber auftauchen lassen“, sagt er zum Beispiel, als Druckmittel, damit Bruce Willis endlich aus den Puschen kommt. Oder: Erst ist Willis der Bankberater, dann wieder nicht, und am Ende doch wieder. Weil Du es kannst.
Ist diese Allmächtigkeit programmatisch? Hast Du Deine Figuren und Geschichten immer im Griff? Oder ist das eher ein Mantra? Ist vielleicht genau das der Unterschied zwischen dem fiktiven Autor „Tilman Rammstedt“ und dir?

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 24. Januar 2013, 22:39 Uhr
Das mit der Allmacht ist ja so eine Sache. Man hat sie als Autor, kann aber meistens überhaupt nichts mit ihr anfangen. Und so ergeht es auch dem „Tilman Rammstedt“ im Buch. Natürlich kann er jederzeit Hubschrauber auftauchen lassen, aber das würde dann eine unwillkommen abstruse Geschichte werden. Als Autor benötigt man ja gerade Probleme, vor die man seine Figuren stellen kann, sonst wäre es schnell langweilig. Wenn man aber, wie der Tilman Rammstedt in meinem Buch, selbst in die Geschichte mit hineingerät, sind einem die Probleme auf einmal gar nicht mehr so recht. Als Figur leidet er unter den Problemen, als Autor braucht er sie – und so versucht er die ganze Zeit, die Probleme irgendwie wegzumogeln. Schreiben hat ja viel mit Mogeln zu tun, mit Bluffen, mit Ablenkungsmanövern. Und diese Art von Allmacht setzt er dann lieber ein als irgendwelche Hubschrauber. Und ich auch.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 26. Januar 2013, 0:57 Uhr
Aber gleichzeitig mogelt er sie sich erst mal hin. Es besteht ja gar kein Zweifel, dass die ganze Geschichte eigentlich gar nicht passiert, sondern nur in Briefen herbeibehauptet wird. Genauso wie im „Kaiser von China“ das ganze China nur in Briefen herbeibehauptet wird, die gar nicht aus China kommen, sondern von unterm Schreibtisch. Kann man in Briefen oder Mails einfacher Dinge herbeibehaupten als in einem Roman, der so tut, als wäre der Autor nicht allmächtig? Oder macht es mehr Spaß, das „Herbeibehauptete“ immer durchscheinen zu lassen? Hat das irgendetwas mit Deinem Selbstverständnis als Autor zu tun?

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 28. Januar 2013, 14:19 Uhr
Ich weiß gar nicht, ob es beim Herbeibehaupten so sehr um Spaß geht. Es sollte jedenfalls nie Selbstzweck sein, nie eine selbstbezügliche Spielerei, so etwas langweilt mich schnell. Ich schreibe gern effizient, und das Miteinbeziehen des, sagen wir mal großspurig: Imaginationsaktes, also das Ausdenken der Geschichte als Teil der Geschichte, ermöglichte es mir in „Der Kaiser von China“ und „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ drei Geschichten auf einmal zu erzählen (und weil ich so schlecht im Entscheiden bin, kommt mir das sehr gelegen): erstens die Rahmenhandlung, in der sich jemand etwas ausdenkt. Zweitens die Geschichte, die er sich da ausdenkt. Und drittens den Grund, warum er sich das überhaupt ausdenkt. In beiden Büchern gibt es ja eine Notsituation, die das Ausgedachte und auch der Akt des Ausdenkens lösen soll.
Fabulieren und Verzweiflung sind für mich enge Verwandte. Und je verzweifelter ein Protagonist ist, desto abstruser wird das, was er so herbeifabuliert. Im Idealfall wirken dann die buntesten und lustigsten Passagen besonders traurig, weil selbst beim größten Kalauer der Wunsch deutlich wird, dass mit ihm nur eine Melancholie überdeckt werden soll.

isabel1Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 28. Januar 2013, 17:58 Uhr
Super, jetzt hätte ich noch Fragen zum Thema Spaß bei der Arbeit, aber dummerweise läuft die Zeit ab, wie immer. Es ist ja nie genug Zeit, oder halt immer am falschen Ende. Deswegen nur noch schnell eine Schnellfragerunde: Hast Du so was wie einen festen Tagesablauf, feste Schreibzeiten?

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 28. Januar 2013, 18:30 Uhr
Feste Schreibzeiten habe ich nur, wenn ich tatsächlich ein Buch fertig schreiben muss, das heißt eine Deadline habe, die ich mir deshalb zu immer absurderen frühen Zeitpunkten geben lasse. Sonst ist da nämlich nichts mit fest, und das finde ich zunehmend bescheuert.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 28. Januar 2013, 18:46 Uhr
Willkommen im Club. Ich hab gerade gegoogelt. Du hast ja in Edinburgh studiert! Wie geil ist das denn!

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 28. Januar 2013, 19:02 Uhr
Google lügt nicht. Und ich war da sehr glücklich, glaube ich.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 28. Januar 2013, 19:08 Uhr
Ja. Schön. Ach. Kannst Du mir einen Film empfehlen? Mit oder ohne Bruce Willis. Wahrscheinlich besser ohne. Ich habe keine Filmbildung und will ein bisschen nachholen.

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 8. Januar 2013, 20:15 Uhr
Schon wieder eine verbotene Frage. Das sind zu viele. Aber zumindest alle Filme von Wes Anderson und Agnès Jaoui. Und nur in einem davon spielt Bruce Willis mit.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 28. Januar 2013, 21:24 Uhr
Dabei habe ich mir die verbotenste aller verbotenen Fragen ja schon verkniffen (die wäre auch selbst mir zu doof).
Aber was ganz anderes: Wer hat eigentlich die Bifi gegessen?

Von: Tilman Rammstedt │ An: Isabel Bogdan │ 28. Januar 2013, 21:57 Uhr
Gerüchteweise tauchte sie in der Handtasche der Moderatorin auf. Ob sie sie allerdings gegessen hat, weiß ich nicht.

Von: Isabel Bogdan │ An: Tilman Rammstedt │ 28. Januar 2013, 22:05 Uhr
Hoffentlich nicht.
Geschafft! Dann schicke ich das gleich weg.
Danke! Sehr!

Von: Isabel Bogdan │ An: Jan Karsten, CulturMag │ 29. Januar 2013, 23:59 Uhr
Zack! Hier kommt mein Interview mit Tilman Rammstedt.

Isabel Bogdan

Porträtfoto:  © Juliane Henrich

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. Dumont Verlag 2012. 160 Seiten. 18,99 Euro. Informationen zum Buch und zum Autor. Tilman Rammstedt liest aus „Sturm und Drang“. HAM.LIT.  4.2.2010. HAM.LIT 2013.
Isabel Bogdan übersetzt seit 10 Jahren Literatur aus dem Englischen (u. a. Jonathan Safran Foer, Miranda July, ZZ Packer, Tamar Yellin, Andrew Taylor). Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Zum Blog von Isabel Bogdan. „Sachen machen“ ist im Juli 2012 als Buch im Rowohlt Verlag erschienen.

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