Geschrieben am 1. August 2009 von für Litmag, Porträts / Interviews

Zum 75. Geburtstag von Oskar Negt

Ein 68er – na und?

In den Denktraditionen, auf die sich Oskar Negt mit seinen unermüdlichen Interventionen zum Lauf der Dinge bezieht, sind trotz vieler zeitabhängiger Positionen, Versprechen enthalten, die noch ihrer Einlösung harren. Carl Wilhelm Macke gratuliert dem Sozialphilosophen Oskar Negt zum 75. Geburtstag.

Es wird einmal Zeit, gegen das durch die Feuilletons, Talkshows und Buchverlage herumvagabundierende „68er-Bashing“ selbstbewusst zu bekennen: Ja, man ist in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts politisiert worden. Das ist , konfrontiert mit den bis dahin noch überall wie Mehltau über der deutschen Gesellschaft abgelagerten Nazi-Erbschaften, auch gut so … Und noch besser ist es, wenn man in den Jahren das Glück hatte, von einem Lehrer wie Oskar Negt in eine andere deutsche Tradition eingeführt worden zu sein als sie einem immer von stockkonservativen oder nationalistischen Gymnasiallehrern eingebleut wurde. Lehrer wie er haben uns in vielen Seminaren wieder mit Intellektuellen bekannt gemacht wie Theodor W. Adorno, Karl Korsch, Ernst Fraenkel oder Alfred Sohn-Rethel, die unter den Nazis aus Deutschland vertrieben wurden. Soll man deshalb vierzig Jahre später in einem Büßergewand durch die Welt gehen und sich dieser damals erstmals entdeckten, vielleicht auch wiederentdeckten Denktradition schämen?

Das hätten viele gerne, aber wir denken nicht daran, ihnen den Gefallen zu tun. Eine biografische Erinnerung: Wer Anfang der siebziger Jahre in Hannover studierte und mit dem vorgefundenen Zustand der Welt irgendwie nicht einverstanden war, kam am theoretischen Epizentrum der lokalen Studentenszene, der Fakultät V in der Wunstorfer Straße, nicht vorbei. Dort waren die Studenten ihrem eigenen politischen Selbstverständnis nach links, ganz weit links – oder ganz einfach orientierungslos verwirrt. Für mich, aus einer ländlichen Kleinstadt irgendwo an den „verdämmernden Rändern des Mittelalters“ (Johann Baptist Metz) kommend, ohne proletarischen oder antifaschistischen Stammbaum, mit allen katholischen Weihwassern getauft, waren die ersten Erfahrungen in dieser kulturrevolutionären Atmosphäre Mark, Bein und Seele erschütternd.

Auf den Rat von Freunden ging ich in ein Seminar von Oskar Negt, weil man dort etwas vom Marxismus und jenen anderen Theorien lernen konnte, die in der heilen provinziellen Welt einer katholischen Wüste in Nordwest-Niedersachsen nur als staatszersetzend oder jugendgefährdend bekannt gewesen waren. Freud? Um Himmels Willen. Marx? Gott stehe uns bei … Aber in der ersten Zeit verstand ich von den Vorträgen des Professors Negt immer nur Bahnhof. „Die Linke hat einen kühnen Anspruch an die Intelligenz der Menschen“, las ich Jahre später im Tagebuch von Max Frisch. „Und dann aber auch noch an ihre Moralität. Und das bringt ihr die Noblesse, aber auch die Ohnmacht. Faschismus setzt einfach auf das Tier. Links ist eine Anstrengung. Lebenslänglich.“

„Links ist eine Anstrengung. Lebenslänglich.“

Oskar Negts Veranstaltungen waren immer zum Bersten voll, doch da er auch viel publizierte, konnte man seine Ideen auch im kleinen Zirkel oder im Selbststudium kennenlernen. Im Mittelpunkt der von Negt vertretenen Auseinandersetzung mit dem Werk von Karl Marx standen die Kategorien des Lernens, der Erfahrung, der Fantasie und der Neugierde. „Die greifbare Chance“, so Negt in seinen 1976 erschienenen Überlegungen zu einer kritischen Lektüre der Schriften von Marx und Engels, „den Leidensweg der individuellen Bildungs- und Sozialisationsgeschichte als Ausdruck von Klassenherrschaft zu dechiffrieren, eröffnet gleichzeitig Perspektiven von Erkenntnisprozessen, die Spaß machen. Dieser Spaß hört allerdings dann auf, wenn die Aneignung des Marxismus zum regulären Gegenstand von Lehrveranstaltungen wird.“ Viele Jahre später formulierte es sein Freund und intellektueller Wegbegleiter Alexander Kluge einmal ähnlich: „Marx ist etwas für die Schulpausen, nicht für die Schulstunden.“

Orientiert an Ernst Bloch und Wilhelm Reich, nahm Negt das „ungleichzeitige Bewusstsein“ ernst, mit dem auch ich durch die rote Universitätskultur jener Jahre irrte: Soeben einer provinziellen Welt mit noch vormodernen Glaubensritualen entkommen, musste ich mich bereits mit Strategien einer „permanenten Revolution“ oder, etwas weniger exotisch, mit Theorien der klassenlosen Gesellschaft auseinandersetzen. Unter Bezug auf die Faschismusanalysen von Bloch plädierte Negt dafür, diese Ungleichzeitigkeit verstehen zu wollen. Er beharrte darauf, dass diese Widersprüche und Spannungen eines „ungleichzeitigen Bewusstseins“ nicht durch Schulung allein, erst recht nicht durch indoktrinäre Formen der Wissensvermittlung aufzulösen waren.

Negt hat Ideen von Bloch auch in die Diskussion über eine Neudefinition der gewerkschaftlichen Arbeiterbildung mit seinem Buch Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen (1971) einfließen lassen. Für uns Studenten, die wir uns langsam an die vorderste Front der Klassenauseinandersetzungen heranzutasten versuchten, war dieses Buch ein Schlüsseltext. Einige Zeit später erschien dann der erste gemeinsam mit Alexander Kluge geschriebene Theorie-Wälzer Öffentlichkeit und Erfahrung (1972). Erst heute im Kontext einer sich ständig weiter ausdifferenzierenden Medientechnologie und immer stärker konzentrierenden Medienindustrie begreift man, wie revolutionär das Buch Anfang der siebziger Jahre tatsächlich war. Wie und mit welcher Radikalität der kapitalistische Medienverbund in den Lebenszusammenhang der Menschen eingreift, haben Negt/Kluge in dieser Studie mit einer atemberaubenden Präzision beschrieben und die heutigen Dimensionen der Medienmacht wenigstens in ihren groben Zügen antizipiert. Niemand würde aber sagen wollen, dass sich die Hoffnungen, die in diesem Buch auf die Entfaltung einer „proletarischen Öffentlichkeit“ gesetzt wurden, auch nur rudimentär erfüllt hätten. Hier zeigt sich die Noblesse, aber auch die Ohnmacht linker Intellektualität, die den Menschen stets mehr zutraut, als es die Verhältnisse gestatten.

Antizipierende Kraft

In die Zeit bis zum Erscheinen der großen Folgestudie Geschichte und Eigensinn fielen politisch vor allem jene „bleiernen Jahre“ des Terrorismus und der staatlichen Repression, in denen Negt mit vielen Aufsätzen und Reden nach einem Ausweg suchte zwischen „Solidarisierungsdruck und Bekenntniszwang“ für eine demokratische politische Linke im damals noch geteilten Deutschland. In vielen öffentlichen Reden setzte er sich scharf von der „revolutionären Gewaltstrategie“ aus dem RAF-Umfeld ab. Hier gab Negt im besten demokratischen Sinne geistige Orientierungen, mit denen man einen Weg zwischen nihilistischen Gewaltpredigten und leerer staatstragender Rhetorik finden konnte. Und diese damals publizierten Texte sollte man wenigstens zur Kenntnis nehmen, bevor man heute die ganze Studentenbewegung von 68 zum Apologeten des späteren Terrorismus erklärt.

Die antizipierende Kraft der 1981 erschienenen zweiten großen Gemeinschaftsarbeit mit Alexander Kluge Geschichte und Eigensinn erwies sich erst ein gutes Jahrzehnt später, als nach dem Fall der Berliner Mauer auch die deutsche Linke gezwungen wurde, ihr Verhältnis zu Deutschland zu klären. Besonders das zweite Kapitel mit dem Titel „Deutschland als Produktionsöffentlichkeit“ enthält Gedanken, die, rechtzeitig wahrgenommen, vielleicht die verhängnisvollsten Fehleinschätzungen der Folgen der deutsch-deutschen Vereinigung verhindert hätten. Dass es vielen Freunden und Schülern von Oskar Negt schwer fiel, seine Euphorie über die Regierungszeit von Gerhard Schröder zu teilen, darf man aber auch nicht unterschlagen. Parallel zu den – oft allzu unkritisch formulierten – öffentlichen Sympathieerklärungen für das „Rot-Grüne Projekt“ schrieb Negt aber weiter an seinen Studien über Goethe, mit denen er vor allem den akademisch versteinerten Diskurs über die Faust-Figur öffnen wollte zu einer Diskussion über den überall – auch in der Sozialdemokratie – verehrten Neo-Kapitalismus. Die Faust-Karriere (2006) rundet als vorläufig letzte Veröffentlichung die akademische wie publizistische Karriere eines Intellektuellen ab, dem die demokratische, antiobrigkeitliche deutsche Kultur einiges verdankt.

In den Denktraditionen, auf die sich Oskar Negt mit seinen unermüdlichen Interventionen zum Lauf der Dinge bezieht, sind trotz vieler zeitabhängiger, vielleicht auch mancher heute antiquierter Positionen, Versprechen enthalten, die noch ihrer Einlösung harren. Wer sich, um zwei bei Oskar Negt immer wiederkehrender Topoi zu zitieren, die „offene Neugierde eines Kindes nicht nehmen lässt“ und „Vertrauen bei denen findet, die langsam lernen“, bewegt sich leichter in der Welt.

Carl Wilhelm Macke