Geschrieben am 1. Juni 2011 von für Litmag, Porträts / Interviews

Zum 70. Geburtstag von Roberto Calasso

Calassos kleine Bibliothek großer Literatur

– Am 30. Mai 2011 ist der italienische Schriftsteller und Verleger Roberto Calasso siebzig Jahre alt geworden, ein Glückwunsch von Carl Wilhelm Macke.

Wie kann man auf die Presseinformation des Hanser Verlags angemessen reagieren, wenn man von dem Autor nur ein Buch gelesen hat? Eine in der Szene der Kulturjournalisten sehr verbreitete Möglichkeit wäre es, so zu tun, als verfüge man souverän über alles notwendige Wissen, um den zu ehrenden Autor angemessen zu würdigen. Man surft also schnell einmal durch die entsprechenden Google-Einträge zum Leben und Werk des Schriftstellers. Man findet dann auch problemlos die gewünschten Informationen. In diesem Fall zu den in deutscher Sprache vorliegenden Romanen „Der Untergang von Kasch“ (1997), „Die Hochzeit von Kadmos“ (1990), „Harmonia“ (2006) und „Das Rosa Tiepolos“ (2010). Und wenn man sich dann noch, falls die dazu notwendige Sprachkompetenz vorhanden ist, in dem „Google-Archiv“ kundig macht, in dem man eine Unmenge an Eintragungen zu italienischen Texten von und über Calasso findet, hat man eigentlich genügend Material, um einen Beitrag zu seinem siebzigsten Geburtstag zu schreiben. Man registriert dann nebenbei noch, dass der zu lobende Autor auch noch einen Sack voller Preise erhalten hat, z. B. den Prix Veillon (1991), den Europäischen Literaturpreis (1996), den Warburg-Preis (2007).

Nun hat man also eine ganze Menge an Informationen zusammengekratzt, um einen Geburtstagstext zu verfassen. „Cosi fan tutte“, so machen es sicherlich nicht alle, aber viele Redakteure, die sich der Verbreitung und Pflege des guten Buches verschrieben haben. Vielleicht ist im Gewerbe der Literaturkritiker das Abkupfern von Texten anderer nicht so verbreitet wie in diversen akademischen Kreisen des bayerischen Bagatelladels, aber ohne den „Bluff“ würden sicherlich viele Seiten in einschlägigen Off- und Onlinemagazinen leer bleiben. So zu tun, als wäre man ein Kenner des literarischen Werkes eines Schriftstellers, gehört einfach zu den handwerklichen Tricks in Teilen des schreibenden Gewerbes.

„100 Briefe an einen unbekannten Leser“

Also gestehe ich, nur ein Buch von Roberto Calasso gelesen zu haben – das aber ist es wirklich wert, aus Anlass seines siebzigsten Geburtstags aus dem Vergessen hervorgeholt zu werden.

Schaut man sich in italienischen Buchhandlungen um, wird man die Bücher des Mailänder Adelphi Verlags zunächst gar nicht bemerken. Im Eingangsbereich, in unmittelbarer Nähe der Kassen sind mit oft knallbunten, zum Kauf animierenden Titelbildern die jeweiligen Neuerscheinungen der großen Verlagshäuser Feltrinelli, Mondadori, Sperling & Kupfer etc. in großen Stapeln aufgereiht. Mit Sicherheit wird man dort die vollkommen unauffälligen, dazu noch im Format kleinen Bücher von Adelphi nicht finden. Man muss schon genauer hinschauen oder von Kennern der italienischen Verlagsszene darauf hingewiesen werden, dass irgendwo in den Ecken der Regale Schätze lagern. In der „Piccola Biblioteca“ von Adelphi ist eine atemberaubende Liste von Autorennamen versammelt, die man, gäbe es so etwas, zu dem Kanon europäischer Geisteswissenschaften rechnen muss. Zur Illustration nur eine kleine Auswahl: Musil, Canetti, Savinio, Wittgenstein, Joyce, Swift, Kafka, Benjamin, Kierkegaard, Leopardi, Bernhard, Simenon, Mandelstam, Dürrenmatt, Pessoa. Einen regionalen Schwerpunkt bildet in dieser Reihe sicherlich die mitteleuropäische Literatur mit einem ganz besonderen Akzent auf deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Viele Jahre lang hat Roberto Calasso diese Reihe betreut und ihm ist auch das bis heute erlesene Niveau dieser kleinen Bibliothek großer Literatur zu verdanken. Vor allem hat er „100 Briefe an einen unbekannten Leser“, die Klappentexte, vulgo die „Waschzettel“, zu den jeweiligen Neuerscheinungen verfasst. Einige der von Calasso hier vorgestellten Autoren und deren Werke sind bei uns wohlbekannt. Frank Wedekinds „Lulu“, Joseph Roths „Hiob“, Bruce Chatwins „In Patagonien“ oder „Lolita“ von Vladimir Nabokov seien stellvertretend für andere genannt. Dann aber stellt er hier auch weniger bekannte Bücher vor. Wer kennt schon Jules Renards „Der Schmarotzer“, Nell Kimballs „Memoiren aus dem Bordell“, Norman Douglas’ „Looking back“ oder Christina Steads „A little tea, a little chat“?

Jede dieser kurzen Einführungen in die Bücher ist so klug, so unglaublich verführerisch geschrieben, dass man sofort in die nächstbeste Buchhandlung rennen möchte, um sie sich zu besorgen. Für einen durchschnittlich vermögenden Leser wäre es jedoch der Ruin, würde er alle die hier vorgestellten und ihm nicht bekannten Bücher erwerben wollen. Aber wer denkt schon an so schnöde Dinge, wenn man in einem Sessel „with a little tea“ sitzt und sich von einem so belesenen Autor wie Roberto Calasso auf den Kontinent der Literatur entführen lässt. Und jetzt will ich mir endlich auch einmal die Zeit nehmen, die Romane von Calasso zu lesen. In zehn Jahren wird man dann ja auch noch etwas zu seinem nächsten Lebensjubiläum schreiben müssen.

Carl Wilhelm Macke

Roberto Calasso: 100 Briefe an einen unbekannten Leser. Aus dem Italienischen von Roland Wiegenstein. Hanser 2006. 208 Seiten. 17,90 Euro. Zum Adelphi-Verlag.