Geschrieben am 12. September 2007 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Zum 40. Todestag von Varian Fry am 13. September 2007

Es gibt Wege

Varian Fry, obwohl in den öffentlichen Debatten kaum noch präsent, ist in den Netzwerken der ‚Civil Globalisation’ immer noch als ein Vorbild lebendig.

Marseille, August 1940. In einem Zimmer des „Hotel Splendide“, unweit des Hafens. Hans Sahl, der vor den Nazis ins französische Exil geflüchtete deutsche Schriftsteller, steht Varian Fry gegenüber, der im Auftrag des „American Emergency Rescue Committees“ versuchen soll, möglichst vielen antifaschistischen Flüchtlingen zu helfen. Hans Sahl erhält von Fry einige Geldscheine zum Überleben. „Wenn Sie mehr brauchen, kommen sie wieder. Inzwischen werde ich Ihren Namen nach Washington kabeln. Wir werden Sie herausbringen. Es gibt Wege, Sie werden sehen, Oh, there are ways“. „Er goß mir“, schreibt Sahl in seinen Lebenserinnerungen weiter, „ ein Glas Whisky ein. Übrigens brauchen Sie einen neuen Anzug. Sie können nicht mehr so herumlaufen. Wir werden Ihnen morgen einen hübschen Sommeranzug kaufen.“ Sahl war nur einer von tausenden, denen das amerikanische „Rescue Committee“ zur Flucht aus dem vom Faschismus verseuchten Europa der dreißiger, vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verholfen hat. Erwähnen könnte man noch Max Ernst, Heinrich Mann, Franz Werfel, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Siegfried Kracauer, Annette Kolb oder Anna Seghers. Diesem Hilfsnetzwerk, besonders aber seinem europäischen ‚Botschafter’ Varian Fry, verdankt die nach dem Ende von Faschismus und Krieg langsam wachsende demokratische, weltoffene Kultur der Deutschen viel.

In diesem Jahr jährt sich der 40. Todestag von Varian Fry (und gleichzeitig auch sein 100. Geburtstag am 15. Oktober ). Nicht nur diese biographischen Daten sind ein Grund, an ihn zu erinnern. Vor und nach seinem Engagement für das „Rescue Committee“ verlief sein Leben wenig spektakulär. Dass man in Amerika für seine beispielhafte Rettungsarbeit jedenfalls zu Lebzeiten mit undankbarem Desinteresse begegnete, sollte nicht verschwiegen werden. Mit seiner Person verbindet sich auch der Glanz und das Elend amerikanischer Menschenrechtspolitik.

Fry stammte aus einem wohlhabenden Elternhaus in New York. Studierte Kunst- und Politikwissenschaft. Arbeitete als Redakteur bei verschiedenen Magazinen. Nach dem Krieg produzierte er belanglose Filme für das Fernsehen und unterrichtete Latein an einer Schule. Für einen kurzen Abschnitt seines Lebens hatte er aber genau begriffen, was zu tun ist, wenn ein diktatorisches Regime und eine rassistische Ideologie sämtliche humanen Werte zerstört. Man muß dann versuchen, möglichst viele Gegner dieses Regimes zu retten – koste es was es wolle. „Ich verließ Amerika, die Taschen vollgestopft mit den Listen der Namen von Männern und Frauen, die ich retten mußte“ (Varian Fry). „Auslieferung auf Verlangen“ ( Ffm. 1997 ), sein Bericht über diese vorbildliche Rettungsaktion des europäischen Geistes, ist ein Schlüsseldokument für eine demokratische ‚Leitkultur’ jenseits aller nationalen oder regionalen Bekenntnisrituale. Die offizielle amerikanische Politik hat jedoch bei diesen ‚antifaschistischen Befreiungsaktionen’ eine mehr blamable Rolle gespielt. In offener oder geheimer Kollaboration mit dem Vich-Regime haben die US-Behörden versucht, die Aktionen von Fry und dem „Emergency Rescue Comittee“ zu unterbinden oder zu behindern. Nach nur 13 Monaten intensiver Hilfsaktionen wurde Fry durch einen Hinweis der US-Botschaft von der französischen Polizei festgenommen und in die USA abgeschoben. „Er hat Dinge getan, die die amerikanische Regierung nicht glaubt billigen zu koennen“, so schrieb es Präsidentengattin Eleanor Roosevelt an Mrs. Fry. Bis zu seinem Tod am 13. September 1967 hat Fry sich mit diversen schlecht bezahlten Jobs durchgeschlagen.

Varian Fry today

Tradition, so hat es der mit dem „American Emergency Rescue Committee“ eng verbundene Thomas Mann einmal formuliert, das sei das Folgen eines Beispiels auf eine eigene Art. In der Tradition jener legendären amerikanischen Initiativen stehen im heutigen Deutschland etwa die ‚Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte’ , das PEN-Zentrum, die deutschen Gruppen von ‚amnesty international’, die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ und eine erfreuliche Anzahl kleinerer Stiftungen, die auf unterschiedliche Art und ausgestattet mit sehr verschiedenen materiellen Ressourcen Opfern willkürlicher Gewalt zu unterstützen suchen. Aber neben ihren Besonderheiten verbindet die genannten Initiativen auch eine gemeinsame Erbschaft: aus der bleibenden Erinnerung an die anti-nazistische Solidaritätsarbeit gestern Anstöße für eine Solidaritätsarbeit heute unter historisch vollkommen anderen Bedingungen zu gewinnen. Weder beschwören diese Gruppen und Initiativen ständig die Verpflichtung aus der jüngeren deutschen Vergangenheit noch sind sie in den lauten ‚Kampfzonen’ der sog. ‚Globalisierungsgegner’ zu finden. Sie eint vielmehr die Idee, einer einzig an ökonomischer Effizienz (und Profitabilität ) ausgerichteten Globalisierung die Werte und Zielsetzungen einer „Civil Globalisation“ entgegenzusetzen. Und so ist Varian Fry, obwohl in den öffentlichen Debatten kaum noch präsent, in den Netzwerken der ‚Civil Globalisation’ immer noch als ein Vorbild lebendig. An der Arbeit des ‚American Emergency Rescue Committees’ während der faschistischen Jahre in Europa kann man sich orientieren, um heute weltweit Intellektuellen und Journalisten in verzweifelten Situationen politischer Verfolgung und Todesdrohungen zu helfen. Oh, there are ways, you know…

Carl Wilhelm Macke