Geschrieben am 30. Januar 2013 von für Litmag, Porträts / Interviews

Zum 150. Geburtstag: Ein Besuch beim egomanischen Schöngeist Gabriele d’Annunzio

Gabriele_D'AnnunzioSammlerwut, Größenwahn und Liebesrausch

– Er war total aufs Exzessive getrimmt: Als militanter Nationalist unternahm Gabriele d’Annunzio (1863–1938), der vor 150 Jahren geboren wurde, auf eigene Faust militärische Abenteuer, als Kunstsammler und Bauherr wollte er sich selbst ein monumentales Denkmal setzen und auch als Dramatiker und Romancier besang er seinen eigenen, eitlen Größenwahn und das Leitmotiv seines Lebens, nämlich „Piacere“: „Lust“. So heißt auch sein 1889 veröffentlichter Roman. Das Leben als narzisstisches Selbstbespiegelungskunstwerk verstand wohl niemand so schwülstig zu zelebrieren wie dieser italienische Schöngeist. Bei einer Exkursion an den Gardasee sollte man sich sein aberwitziges Festungsmuseum nebst Mausoleum „Il Vittoriale“ samt protziger Trödler-Villa jedenfalls nicht entgehen lassen.  Von Peter Münder

Sollte hier in Gardone Rivera, an diesem hoch über dem See gelegenen monströsen Monument vielleicht „Fitzcarraldo“, Teil zwei, gedreht werden? Wer vom Westufer des Gardasees aus auf den oberhalb von Gardone gelegenen Berg blickt, sieht direkt auf den einbetonierten Bug des martialisch anmutenden Kreuzers „Puglia“ – blieb der etwa beim Transport über den Berg hängen? Verwirrend und exotisch ist hier eigentlich alles, denn das Amphitheater für 1200 Zuschauer, der Kreuzer, der unter der Museumsdecke hängende SVA-Doppeldecker, mit dem der Draufgänger d’Annunzio 1918 – noch vor Kriegsende – im Alleingag Tausende von Flugblättern mit Anti-K.u.K-Propaganda über dem feindlichen Wien abwarf, dann die bombastische Isotta Fraschini-Luxuslimousine und all die Antiquitäten, Gemälde sowie die vielen Perlmuttbürstchen, Vasen, Tische, Tässchen und der gesamte Trödler-Schnickschnack – all das soll hier vor allem der Selbstbespiegelung des Meisters als Super-Ästhet dienen und seine unvergleichliche Grandezza würdigen.

Gabriele D'Annunzio_LustWir werden hier, wo der Exzentriker von 1921 bis zu seinem Tod 1938 lebte (er ist im bombastischen Mausoleum zusammen mit den Kämpfern des Fiume-Kommandos begraben), nämlich Zeuge eines modernen Geniekults und sollen einen Kriegshelden, Künstler und Sammler bewundern, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat – so hatte es sich der Mussolini-Sympathisant d’Annunzio jedenfalls vorgestellt. Man hat daher den Eindruck, hier direkt an der Quelle des Narzissmus zu weilen.

Während der verwirrte Besucher noch über die Widersprüche zwischen militärischem Abenteurertum, sensualistischer Wagner-Schwärmerei und exzessiver Fixierung auf gesammelten Kitsch grübelt, haben die italienischen Besucher längst ihr enormes Interesse an dieser exotischen Kultfigur signalisiert: Geduldig stehen sie in langen Warteschlangen vor dem Museum und warten auf die nächste Führung. Die ist wegen der neunzehn engen Räumlichkeiten nur für kleine Gruppen von maximal zehn Personen vorgesehen. Und dann wird man beim Rundgang durch Arbeitszimmer und Bibliothek, durch Schlafräume, Musikzimmer, Küche, Speisesaal, „Werkstatt“, „Schlafzimmer des Krüppels“, Kriegsmuseum, und das mit Statuen, Lampen und Nippes vollgestopfte „Dalmatische Oratorium“ fast erschlagen von all diesen Objekten, die dem Schöngeist so viel bedeuteten.

„Ich benötige aufgrund einer Veranlagung, eines Instinkts, das Überflüssige“, hatte d’Annunzio als 23-jähriger Dichter und Mitarbeiter der Zeitschrift „La Tribuna“ an den Eigentümer des Magazins Fürst Maffeo Sciarra Colonna geschrieben. „Meine Geistesbildung verleitet mich unwiderstehlich zum Erwerb schöner Dinge. Auf beinah fatale Weise wollte ich Sofas, wertvolle Stoffe, Perserteppiche, japanisches Porzellan, Bronze- und Elfenbeinstatuen, Reliefs und sonstigen Tand, all diese schönen und unnützen Dinge, die ich mit tiefster, ruinöser Leidenschaft liebe.“

Von diesen schönen, kitschigen, prätentiösen und völlig überflüssigen Dingen sieht der Besucher des Vittoriale Unmengen – sie wirken irritierend, verführen aber auch dazu, den Schritt vom voyeuristischen biografischen Blick aufs Werk zu wagen. Dann offenbart sich trotz aller Schwülstigkeit und selbstgefälliger Gespreiztheit auch die selbstkritische Potenz einiger autobiografisch eingefärbter Romane. Die geile Erotik des hedonistischen Verführers und Lebemanns Andrea Sperelli wird vom Autor nämlich als hochstaplerische Attitüde eines verunsicherten Mannes entlarvt, der sich seiner Potenz und Identitätsstärke permanent vergewissern muss.

Ohne Luxus keine Literatur? Offenbar war dies die Maxime und Inspirationsquelle des Genussmenschen, der 1863 in Pescara als Sohn wohlhabender Bauern geboren wurde, als 16-jähriger frühreifer Lyriker mit dem Gedichtband „primo vere“ bekannt wurde , dann in Rom studierte und als Journalist arbeitete. Das Schwelgen im dekadenten Luxus ermöglichte ihm aber erst 1883 die Ehe mit der reichen Gräfin Marie Hardouin von Gallese, mit der er drei Kinder hatte. Die Ehe verlief unglücklich, aber die Gräfin wollte sich nicht scheiden lassen und tolerierte im gesellschaftlichen Abseits all die Affären und Liebesabenteuer, auf die d’Annunzio dann auch in seinen Romanen („Lust“, „Das Feuer“) anspielte.

Leben voller Rätsel und Widersprüche

Als dichtender Patriot, entschlossener Krieger und empfindsamer Über-Ästhet wird d’Annunzio heute noch von vielen Italienern verehrt. Angesichts einer permanenten Krise in Zeiten einer grassierenden „Bunga“-Mentalität, mafiöser Machenschaften und ewig leidend an einer korrupten Politkaste tendiert man in Bella Italia offenbar dazu, diese exzentrischen Großmachtposen eines Außenseiters nostalgisch zu verklären. Die Widersprüche im Leben des Hedonisten mit großen Sympathien für Mussolini sind in diesen Zeiten rigider Bevormundung und strikten Anpassungszwängen vielleicht das eigentliche Faszinosum: Einerseits schwelgte d’Annunzio im Luxus und hielt sich in seiner mondänen Villa bei Fiesole 15 Diener, 10 Pferde, 38 Windhunde und über 200 Tauben – neben all den antiken Vasen und Möbeln.

Andererseits flüchtete er vor den erbosten Gläubigern nach Frankreich, wo er für längere Zeit abtauchte. Er genoss zwar die aristokratische Attitüde des einsamen Dichters im glänzenden Elfenbeinturm, doch er hatte keine Skrupel, in einer Nacht-und Nebel-Aktion im September 1919 mit seinen Kampfgenossen mit einem Schnellbootgeschwader die Hafenstadt Fiume zu erobern, die er als rebellischer Kommandant gegen die allzu „beschämenden“ Bedingungen des Versailler Vertrags für Italien zurückerobern wollte und tatsächlich über ein Jahr lang verwaltete. Für diesen „patriotischen Akt“ wurde er dann 1924 von König Viktor Emmanuel mit dem Titel „Fürst von Nevoso“  ausgezeichnet.

Am Eingangstor sieht sich der Besucher mit einer großen güldenen Bronzebüste des kahlköpfigen Pseudo-Renaissancefürsten konfrontiert: Der „Ecce Ego“-Nietzscheaner, der sich selbst so gern als Übermensch zelebrierte, hatte sich 1928 nach einem scharfen Duell eine große Narbe auf dem Schädel zugezogen und als talentierter Exhibitionist wollte er mit dieser Blessur die Öffentlichkeit beeindrucken – deshalb ließ er sich den Kopf kahl scheren. Später verlor er bei einem Fliegerangriff ein Auge – daher trägt er dann häufig ein Monokel.

Wer war dieser prätentiöse Erotomane, dem die legendäre Schauspielerin Eleonore Duse, für die der Meister viele Stücke schrieb, regelrecht verfallen war? Kann man ihn heute einfach als überdrehten Egozentriker in der Schublade „schrill, aber unbedeutend“ verschwinden lassen? Wie konnte er zu seinen Lebzeiten zu dieser enormen Bedeutung gelangen?

Im Garten des Dichters. Vom Deck der Puglia hat man einen wunderbaren Blick auf den Gardasee.

Im Garten des Dichters. Vom Deck der Puglia hat man einen wunderbaren Blick auf den Gardasee.

Mehr Raffer als Schaffer?

Selbst der Berliner Starkritiker Alfred Kerr (1867–1984) widmete dem italienischen Dramatiker in seinem Band „Die Welt im Drama“ (1917) ein Kapitel. Ihn hatte natürlich die Liebesbeziehung der Duse, die er inbrünstig bewunderte, zu dem kapriziösen Dramatiker fasziniert: Es war ja auch eine enge Geschäftsbeziehung, da der Maestro für die Diva Stücke mit Rollen schrieb, deren schwülstig-pathetischer Tonfall – wie etwa in „La Gioconda“ oder in „Der Traum eines Frühlingsmorgens“ – die Duse wunderbar umsetzen konnte. Sie wollte ihn unbedingt auf italienischen Bühnen etablieren, honorierte d’Annunzio fürstlich, finanzierte alle Inszenierungen seiner Stücke und spielte viele seiner Dramen auf Auslandstourneen in Europa und den USA.

Gardasee_Jean PaulFrühlingsmorgen, erotische Irrungen und Wirrungen, der Künstler zwischen zwei attraktiven Frauen – das war alles ganz nach Kerrs Geschmack. Nicht nur das nach blühenden Zitronen duftende Ambiente („der Frühling strömt dionysisch-mild herein, mit keimender Glut, mit geiler Fülle“) goutierte Kerr, er sieht d’Annunzio auch als Enkel der Renaissance, der glorreiche Epochen reanimiert, um ihre Bedeutung für die Gegenwart zu beleuchten. Und dann kommt er doch zum Schluss, dass dieser „Liebes-Ajax“ zu geschwätzig sei, seelische Zwischenstufen banalisiere und er überhaupt von einer rhetorischen „Elephantasias“ heimgesucht werde: „Er steht vor meinen Augen als ein gekreuzigter Schwadroneur“ und sei eben „mehr Raffer als Schaffer“.

Trotzdem könne man diesem „schönen, farbigen, klagenden, posierenden und tobenden Ungeheuer“ nicht feindselig gegenüberstehen. Der Eklektiker aus dem Süden sei eben ein „Raffer“, der sich Stilrichtungen, Stimmungen und Handlungsstränge aus den unterschiedlichsten Epochen zusammenklaube. Dem „Verfallsmenschen“ d’Annunzio gilt dennoch Kerrs Sympathie: Sind wir schließlich nicht alle Verfallsmenschen?

So bleibt auch der große Starkritiker im diffusen Mikrokosmos dieses eitlen Sofa- und Nippes-Sammlers stecken und erliegt dem exotischen Reiz dieses Poseurs. Der schale Geschmack, der sich bei der Lektüre von „Lust“ und „Das Feuer“ ergibt, rührt ja daher, dass der Autor die Leser offenbar für tumbe Groupies hält, die mit großen Augen die Zeilen eines Erlösers lesen möchten und es nicht erwarten können, in diese elitäre Hedonistenschar aufgenommen zu werden. D’Annunzio bildet die gesellschaftliche Realität in seinen Romanen ja nur als Luxuskulisse seiner erotischen Abenteuer ab. Und in den Dramen werden die emotional aufgeladenen Beziehungsgeflechte in so schwülstigen Dialogen präsentiert, dass die evozierte unfreiwillige Komik den Zugang fast unmöglich macht – das ist dann doch zu wenig.

Ganz abgesehen davon, dass sich das Ausblenden von Segmenten des unteren gesellschaftlichen Randes überlappt mit einer chauvinstisch-faschistoiden Gesinnung, die heute nur noch grotesk und antiquiert wirkt. Immerhin hatte d’Annunzio aber das Kunststück fertig gebracht, sein hochverschuldetes „Vittoriale“-Nationaldenkmal dem italienischen Staat als Schenkung zu überlassen und sich so seinen mondänen Lebensstil finanzieren zu lassen.

So kann der Besucher hier die Aussicht auf den herrlichen Gardasee verbinden mit einem einmaligen Blick in ein exotisches Panoptikum und in das Reich eines Egomanen, der sich immer zu Höherem, Samtenem und Glamourösem berufen fühlte.

Peter Münder

Gabriele d’Annunzio: Lust (Il piacere, erschienen 1889). Deutsch von Claudia Denzler. Stuttgart: Reclam Verlag 1995. 423 Seiten. 9,80 Euro.
Ders.: Die Giaconda (La Giaconda, Tragödie in vier Akten, erschienen 1899). Deutsch von Linda von Lutzow. Kessinger Verlag 2010 .
Anna Villari: Gabriel d’Annunzio und das Vittoriale. Ein kunsthistorischer Führer. Silvana Editoriale. Mailand 2009. 96 Seiten. 10,00 Euro.
Porträtfoto: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

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