Posted On 22. September 2008 By In Litmag, Porträts / Interviews With 2122 Views

Zum 120. Geburtstag von T.S. Eliot

Schamane mit Bowler

Als das TIME-Magazine zum Millennium eine Liste der einflussreichsten Männer und Frauen des 20. Jahrhunderts zusammenstellte, war für „poetry“ nur ein einziger Platz vorgesehen, und wer ihn einnehmen würde, stand außer Frage: Thomas Stearns Eliot, der Europäer aus St. Louis, Missouri. Zum 120. Geburtstag von T.S. Eliot und der Neuübersetzung von The Waste Land ein Porträt des Autors von Gisela Trahms.

Eliots gewaltiger Ruhm ruht auf einem schmalen Werk. Sein erster Gedichtband, erschienen 1917 in London, enthielt ganze zwölf Gedichte. Der sperrige Titel lautete Prufrock and other Observations. „Beobachtungen“ also – nicht gerade das, was von Gedichten erwartet wurde. Das Titelgedicht hieß zwar The Love Song of J. Alfred Prufrock, aber schon dieser Name deutete ja auf eine eher trübselige Person, die sich durch das vorangesetzte J. aufzuplustern versucht. Kann so einer überhaupt lieben? Und was sollte er wohl zu singen haben?

Zaubrisches, Magisches. Let us go then, you and I, / When the evening is spread out against the sky / Like a patient etherised upon a table;… So fängt es an, und sofort ist man in Bann geschlagen und folgt den Worten durch die neblige Dämmerung einer Hafenstadt… Oh, do not ask, ‘What is it?’ / Let us go and make our visit.

Alles ist da, wodurch Eliots Verse das Ohr betören und das Bildgedächtnis erobern: Die Melodie, die Evokationen, der Wechsel der Rhythmen und Sprachebenen, die Zitate, die scheinbare Zusammenhanglosigkeit der Tableaus, die doch ein Ganzes ergibt, der Humor, die Trauer. Und das, obwohl das Ich, das hier spricht, tatsächlich wenig einnehmend ist, sondern Durchschnitt, mit ausdünnendem Haar, korrekt gekleidet, dennoch fast lächerlich. Endlose Selbstzweifel und das nagende Gefühl, dass das Leben Großes weder gebracht hat noch bringen wird: I have measured out my life with coffee spoons, befindet es trocken. Umgetrieben von einer seltsamen Unruhe, weiß es doch nicht, was es eigentlich fragen will, und wenn es spricht, muss es immer wieder feststellen: That is not what I meant, at all. Von Jugend und Genuss ist keine Rede, auch nicht von erotischem Furor, vielmehr bereitet das herannahende Alter Sorgen, das in einer Weise charakterisiert wird, dass man unwillkürlich an sich herunterschaut, ob es schon soweit ist: I grow old… I grow old… / I shall wear the bottom of my trousers rolled

Auf die Zeitgenossen wirkte der mehrere Seiten umfassende Text verstörend. War das überhaupt ein Gedicht? Was sollte der sinnlose und doch so suggestive Refrain, der es durchzog? In the room the women come and go / Talking of Michelangelo… Welcher Raum? Welche Frauen? Was hatte Michelangelo ausgerechnet bei Prufrock zu suchen? Eingängig waren sie jedoch, diese beiden Verse, das mussten selbst die Kritiker zugeben, ein Ohrwurm, wie man heute sagen würde. Rasch zu einer Art Synonym für moderne Lyrik geworden, wurden sie von einem Spötter parodiert: „Into the room the women trot / Talking of Mr. Eliot.“

Zermürbungsmaschine Kultur

Als Eliot 1910 mit den Skizzen für den Love song begann, war er Anfang zwanzig. Das lange 19. Jahrhundert, das im Blut und Grauen des Ersten Weltkriegs unterging, ja die ganze abendländische Kultur erweist sich in seinen frühen Gedichten als Zermürbungsmaschinerie, die, was das empfindsame Subjekt angeht, vor allem eins produziert: Schlaffheit. Dies allerdings in einer Schönheit und Musikalität, deren subtiles Fluktuieren unwiderstehlich ist. Die in den Schlussversen beschworenen Meerjungfrauen mögen vielleicht nicht für J. Alfred Prufrock singen, sehr wohl aber für den Leser, der ihm durch die Verse nachgleitet.

Ähnlich wie der junge Hofmannsthal schien Thomas Stearns Eliot ein sehr altes Europa zu inkarnieren, das schwer an der Last seiner Kultur trug. Er wurde jedoch am 26. September 1888 als das jüngste von sieben Kindern einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie in St. Louis geboren, und der „Fluss“, der durch viele seiner Gedichte strömt, bewahrt auch die Erinnerung an den heimatlichen Mississippi. Das Meer erlebte der junge Eliot in Gloucester, Massachusetts, wo die Familie ein Sommerhaus besaß. Eliot war ein leidenschaftlicher Segler und Schwimmer, und die Sommer auf Cape Ann gehörten sicher zu den glücklichsten Zeiten seines Lebens. In ihnen erfuhr er mit allen Sinnen einen mythischen Raum, noch ehe der Verstand sich den Begriff aneignete, und so verwundert es nicht, dass „die See“ in seinen Texten beinahe allgegenwärtig ist.

Sommersemester in Marburg

Paul Natorp

In Harvard studiert er Sprachen und Philosophie, 1910 finanziert ihm sein Vater widerstrebend ein Jahr in Paris, von wo aus er nach Italien und München reist. Die klassischen antiken Texte liest er im Original, ebenso Dante, der ihn von allen Dichtern vielleicht am meisten beeinflusst. Französisch beherrscht er perfekt und fühlt sich im Deutschen so sicher, dass er im Juli 1914, ausgestattet mit einem Stipendium, für einen philosophischen Sommerkurs an die Universität Marburg kommt. Bei dem berühmten Neukantianer Paul Natorp (oben in einer Zeichnung von Eliot) macht er einen Antrittsbesuch. Marburg gefällt ihm, auch sein Quartier mit Familienanschluss bei dem lutherischen Superintendenten Theodor Happich, wo er gut bekocht wird (wir alle essen sehr viel, schreibt er an eine Freundin). Die Idylle ist kurz: Im August bricht der Krieg aus und Eliot rettet sich nach England. Erst 1921 kann er seiner Gastfamilie den noch ausstehenden Betrag für Kost und Logis zukommen lassen: Zehn englische Pfund, gleich 2400 Mark.

Er blieb in England. Den Lebensunterhalt für sich und seine Frau Vivien erarbeitete er zunächst als Lehrer (Gehalt: 140 Pfund im Jahr), später bei einer Bank, wo er als geschätzter Manager im Auslandsgeschäft das Vierfache verdiente. Obwohl dies ein tagesfüllender Job war, schrieb er nebenher Aufsätze und Kritiken, die ihn als Autorität etablierten. Für Dichtung blieb kaum Zeit, kaum Kraft. Ezra Pound, der genialische amerikanische Freund und umtriebige Organisator, versuchte Sponsoren zu finden, deren Spenden es Eliot ermöglichen sollten, die Bank zu verlassen und sich der Literatur zu widmen. Als Eliot davon hörte, war er eher verärgert. Wer den Dreißigjährigen auf Fotos aus jener Zeit sieht, untadelig gekleidet mit Stock und Bowler, weiß sofort, dass diesem Abkömmling der Puritaner nichts so fern liegt wie Risiko und Bohème (darin ähnelt er Thomas Mann). Er arbeitet und überfordert sich bis zum Zusammenbruch. Schließlich stellt ihn die Bank drei Monate frei. Für einige Wochen zieht er sich in ein Sanatorium am Genfer See zurück: By the waters of Leman I sat down and wept…

Neudefinition der Dichtung

Später trat er in das Verlagshaus Faber & Faber ein, in dessen Leitung er über Jahrzehnte wirkte. Dort erschien auch die von ihm gegründete Zeitschrift „Criterion“, die ihre siebzehnjährige, nur mäßig erfolgreiche Laufbahn mit einem Paukenschlag begann: The Waste Land, ein Langgedicht in fünf Teilen, das Eliots Weltruhm begründete und Dichtung neu definierte, eröffnete 1922 die erste Nummer.

Einen Teil des Ruhms kann Ezra Pound für sich beanspruchen. Verzweifelt vom jahrelangen Arbeiten am Text, überließ ihm Eliot die Fragmente, und Pound korrigierte und kürzte und fügte zusammen wie ein Berserker. Eliot war klug genug, Pounds Vorschlägen zu folgen und widmete das Poem dem miglior fabbro, dem „besten Schmied“. Obwohl diese Bezeichnung Dantes Göttlicher Komödie entstammt, dürfte sie Pound nicht besonders beglückt haben.

Der Titel Das öde Land klang zwar wiederum wenig einladend, erschien aber nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs nicht abwegig. Der erste Teil trägt zudem die Überschrift Die Bestattung der Toten.. Aber nichts ist dem Werk ferner als etwa der anklagende Aufschrei des deutschen Expressionismus. Vielmehr konterkariert der Beginn die Erwartungen und klingt beinahe hoffnungsvoll: Das öde Land treibt im Frühling aufs Neue den Flieder hervor. Doch der Prozess ist schmerzhaft, ja grausam. Der Eröffnungsvers April is the cruellest month wurde zum geflügelten Wort und sofort als Metapher für den historischen Augenblick und den Zustand Europas verstanden. Einer Anekdote zufolge machten die Studenten in Oxford ein Ritual daraus, ihn täglich zur selben Zeit aus geöffneten Fenstern zu brüllen – ein Akt der Befreiung.

Allerdings empfanden viele Zeitgenossen das Gedicht selbst als „cruel“, da es alles hinwegfegte, was bislang Rüstzeug der Poesie gewesen war. Identifizierbare Themen, festes Metrum, Strophen – nichts davon. Reime nur passagenweise. Stattdessen die kalkulierte Dynamik der Zeilensprünge, eine Vielzahl von Sprechern unterschiedlichster Art, die Masse der Anspielungen und Zitate, auch in fremden Sprachen, deutsch zum Beispiel: Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch. steht da plötzlich, als könne jeder angelsächsische Leser es verstehen und als wäre Deutschland nie Feindesland gewesen… Dazu Dante, Shakespeare, die Bibel, Buddha, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sprachliches Hochgebirge also, doch dazwischen ebenso selbstverständlich ein ganzer Dialog aus Slang, die Songs der Music Halls, der rituelle Ruf der Pub-Wirte vor der Sperrstunde oder einfach nur Weialala weia (die Rheintöchter).

Dem Zauber nachspüren

Hatte da jemand, wie manche meinten, „nur“ seine Bildung durch den Reißwolf gedreht und ein paar der Fetzen neu zusammengefügt? „Dichterische Originalität besteht weitgehend darin, disparatestes und scheinbar unpassendes Material zu einem neuen Ganzen zu formen“, schrieb Eliot 1956. Heute trägt das Verfahren den wohlklingenden Namen „Intertextualität“, gehört zum Abiturwissen und beherrscht sprachliche Äußerungen von der Werbung über Pop-Songs bis zu den Artikelüberschriften seriöser Zeitungen. Längst ist der Schatz der Überlieferung aufgesplittert in a heap of broken images, wie es so eindringlich in dem Gedicht heißt. An der Oberfläche der kulturellen Praxis manifestiert sich das als witzige Anspielung auf ferne Klassiker und stiftet eine Sekunde lang Gemeinschaft zwischen denen, die den Witz verstehen. Darunter flottiert jene Sinnlosigkeit, an die wir uns inzwischen gewöhnt haben. Aus Eliots Versen spricht noch der Schmerz dessen, der als einer der ersten die Diagnose stellt. Noch hat das Zerborstene scharfe Kanten und schneidet die Hände blutig, die zu retten versuchen, was zu retten ist: These fragments I have shored against my ruins (Mit diesen Bruchstücken stützte ich meine Trümmer) heißt es am Ende des Gedichts.

Eliot gab dem Waste Land ein paar sparsame „Notes“ mit auf den Weg, die die Herkunft einiger Zitate klären. Sie öffnen dem Leser den historischen und länderübergreifenden Raum des Gedichts, dennoch sind sie nicht zwingend nötig, um das Gedicht zu verstehen. Denn was heißt bei einem solchen Gedicht „verstehen“? Es heißt, sich tragen zu lassen, den Bildern zu folgen, die Überraschungen nicht abzulehnen, dem Zauber nachzuhorchen. „Verstehen“ ist vor allem eine Frage der Offenheit, des Sich anrühren lassens. „Genuine poetry can communicate before it is understood“, lautet Eliots berühmtes Diktum, und damit trifft er den Kern. Noch bevor der Verstand seinen traurigen Röntgenblick auf das richtet, „was ausgesagt wird“, haben die Verse das Innere des Hörers oder Lesers erreicht, manchmal sogar ein Inneres jenseits aller individuellen Marotten, tiefsitzend und kaum zu kontrollieren. Daher die Verwandtschaft der Dichtung zum Tanz, zu Riten und Beschwörungen, zum Sex.

Teil Zwei

Eine Kälte, die auch heute noch frieren macht

Sex wie er freudloser, liebloser kaum sein könnte, steht im Zentrum des dritten Teils von The Waste Land. Danach wird die Einsamkeit nur umso fühlbarer:

She turns and looks a moment in the glass,
Hardly aware of her departed lover;
Her brain allows o­ne half-formed thought to pass:
Well now that’s done and I am glad it’s over.’
When lovely woman stoops to folly and
Paces about her room again, alone,
She smooths her hair with automatic hand,
And puts a record o­n the gramophone.

Das ist, obwohl „traditionell“ gereimt, von einer Kälte, die auch heute noch frieren macht. Der größte Teil der Literatur des 20. Jahrhunderts wird in dieser Kälte zittern. Eliot erlaubt sich im fünften und letzten Teil immerhin die Vision eines „Moments der Hingabe“ und fügt hinzu: By this, and this o­nly, we have existed. Schon vorher haben Anspielungen den Sinn der „Hingabe“ erweitert vom erotischen in den religiösen Kontext bis hin zum „Opfer“, wie es in alten Kulturen vollzogen wurde, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu sichern. Die Nähe des Dichters zum Priester, zum Schamanen hat Eliot früh fasziniert.

In seiner Wirkung ist The Waste Land mit Picassos „Demoiselles d’Avignon“ verglichen worden, zu Recht. In Deutschland allerdings blieb das Echo verhalten, wohl auch aus dem einfachen Grund, dass noch in den Zwanziger Jahren das Englische eine wirkliche Fremdsprache war. Wer sich zu den Gebildeten zählte, beherrschte Latein und Französisch, ja eher noch Griechisch. Die zwölf Jahre des Dritten Reichs errichteten eine weitere Barriere, und danach wurde Eliot vor allem als jener Autor katholisch-konservativer Bühnenstücke wahrgenommen, der er in den Dreißiger und Vierziger Jahren geworden war. Weltweit gespielt, gewiss, aber doch eher einer, der eine Rückbesinnung anmahnte und also aus der Vergangenheit heraus sprach. Dass er in seiner Lyrik weit in die Zukunft vorausgeeilt war, schien hier vergessen.

Ein waches Auge auf die moderne deutsche Dichtung

Gottfried Benn

Eliot hingegen richtete zeit seines Lebens ein waches Auge auf die moderne deutsche Dichtung. Ein Jahr, nachdem der Sechzigjährige 1948 den Nobelpreis erhalten hatte und also zu einer Zeit, da dies im europäischen Kontext keineswegs populär war, kam er für eine dreiwöchige Vortragstournee nach Deutschland. Für ihn gab es auch keinen Zweifel, wer der bedeutendste zeitgenössische deutsche Lyriker war: Gottfried Benn. In dem berühmten Essay über die „Drei Stimmen der Poesie“ von 1953 wird er ihn als Beispiel für die erste, monologische Stimme anführen, mit der der Dichter zu sich selbst spricht, ohne Rücksicht auf andere.

Benn, vom dunklen Hinterzimmer seiner kümmerlichen Praxis aus um Chancen kämpfend, wieder zu publizieren, wird es mit Genugtuung registrieren. Zunächst jedoch schreibt er 1949 an seinen Freund Oelze: „…ich bin von englischer Seite angefragt worden, ob ich in ganz kleinem Kreis an einem Abend hier mit Eliot zusammensein wolle. Ich habe abgelehnt, da ich diese herumreisenden Stars nicht zu amüsieren gedenke… Aber ein wesentlicher Grund war auch, dass ich ja kein Englisch kann und vor Allem, dass ich keinen anständigen Abendanzug besitze…“ Dennoch interessiere ihn „alles Modische“, wie „z.B. Schuhe: wann zieht man eigentlich Lackschuhe an, nur zu Smoking und Frack?“ Eine rührende Frage, denn Benn besitzt keine dieser Herrlichkeiten, und das weltläufige Benehmen, das eine solche Kleidung verlangt, ist ihm vollkommen fremd.

Seine Frau, jünger, unbefangener und des Englischen mächtig, nimmt die Einladung wahr, und so meldet Benn ein paar Tage später nach Bremen: Eliot „trug einen blauen Anzug, silbernen langen Schlips (‚wie ein Hering‘) u. – bleiben Sie bitte sitzen – Lackschuhe!“

Lackschuhe

Lackschuhe“ ist eine treffliche Metapher für das Bild, das man sich in Deutschland von Eliot machte und macht. Elitär, very English (er war seit 1927 britischer Staatsbürger und konvertierte zur anglikanischen Kirche), reserviert und anscheinend frei von jenen Dämonen, die durch Rimbauds oder Benns Verse geistern. Eine Täuschung, natürlich. Eliots Dämonen sind nur andere. The Waste Land ist auch das Dokument einer verzweifelten Auseinandersetzung mit Schuld und Versagen, mit der emotionalen „Dürre“, deutlich vor allem im zweiten Teil, in dem die quälende Kommunikationslosigkeit zwischen Mann und Frau bis in die stockenden Rhythmen hinein spürbar wird. Es dokumentiert zudem eine Suche nach Spiritualität, die den abendländischen Kulturkreis hinter sich lässt: Am Ende wendet sich das Gedicht Indien zu. Auch das ist eine Denkbewegung, die von 1922 bis heute nicht verblasste, im Gegenteil.

Hummelts Neuübersetzung trifft den Ton des Gedichts

Zu hoffen ist also, dass die eben bei Suhrkamp erschienene zweisprachige Ausgabe samt „Notes“ und Nachwort einen frischen Rezeptionsschub in Gang setzt. Die Voraussetzungen dafür sind nun endlich gegeben, denn die neue Übersetzung von Norbert Hummelt trifft den Ton des Gedichts. Diese scheinbar schlichte Feststellung umfasst eine Fülle bewältigter Schwierigkeiten. Die Übersicht über 433 Verse, deren Spannweite von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, von Ovid bis zu den Upanishaden reicht, erfordert einen ebenso scharfen wie weiten Blick. Sie in ein ihnen, aber auch uns gemäßes Deutsch zu übertragen, gelingt wohl nur einem Lyriker wie Hummelt, der „Stimmen“ bis in die Halbtöne hören kann. Nichts wäre beispielsweise fataler, als ein Bildungsgesäusel anzustimmen und etwa aus Unreal city eine „Wahnschaffne Stadt“ zu machen wie Eva Hesse 1972. Nüchternheit, Genauigkeit, Sinn für Absurdes und Komik sowie der Durst nach Transzendenz verbinden sich bei Eliot (darin ähnelt er Kafka) und halten den Text jung. Hummelts Übersetzung betont diese Modernität, spricht beispielsweise schon beim ersten Zitat nicht von „Knaben“, sondern von Jungs und ermöglicht dem Leser einen direkten, unverkrampften Zugang. Im ebenso sachlichen wie sensiblen Nachwort bringt Hummelt das Kunststück fertig, auf neun Seiten den biographischen wie den heilsgeschichtlichen Rahmen des Gedichts zu umreißen und damit der Lektüre ein sicheres Fundament zu bieten, soweit das bei einem solchen Text überhaupt möglich ist. Und da, last but not least, das Englische inzwischen jedermanns zweite Heimat ist, wird nun auch endlich die Musik des Originals hörbar und fühlbar.

Eliot starb 1965. Damals ging für manche Kultur-Kassandren gerade das Abendland im Lärm der Rock-Gitarren unter. Aber vom 21. Jahrhundert aus gesehen, treffen sich der frühe Eliot, der Lennon von „Strawberry Fields“ und der Bob Dylan von „Desolation Row“ zu einem dringlichen Gig, um es zu verteidigen. Fruchtbar bis auf den heutigen Tag, wartet Das öde Land auf unsere Augen.

Gisela Trahms

T. S. Eliot: Das öde Land (The Waste Land). Neuübersetzung von Norbert Hummelt. Suhrkamp Verlag 2008. 68 Seiten. 16,80 Euro.

Eliot liest The Waste Land

Eliot liest The Love Song of J. Alfred Prufrock