Geschrieben am 21. November 2012 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Wie die SPD Steinbrück aufgeben & damit gewinnen könnte

Noch (oder: was möglich wäre)

– Eine Glosse von Wolfram Schütte.

Noch könnte die SPD bei der kommenden Bundestagswahl die Chance haben, wenn auch nicht stärkste Partei gegen Merkel & ihre CDU/CSU, so doch eine so starke Zweite zu werden, dass sie zusammen mit den Grünen in der Lage wäre, die „Bleiernen Jahre” Angela Merkels doch noch zu beenden.

Noch.

Denn noch ist ihr designierter Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nicht offiziell von einem Parteitag nominiert, jedoch schon weidlich demontiert, desavouiert & destabilisiert worden: durch seine privaten Hauptgeschäfte als hoch dotierter Redner in der zurückliegenden Zeit seiner Neben(un)tätigkeit als Bundestagsabgeordneter. Während dem nassforschen politischen Entertainer in wenigen Jahren der Durchmarsch zum €-Millionär gelang, war jedoch sein Nominierung zur SPD-Kanzlerkandidatur ein einziger Fehlstart & ein sich lange hinziehender Irrlauf ins Abseits.

Natürlich haben ihm seine direkten & indirekten politischen Gegner, die Pharisäer von CDU/CSU & FDP, dabei kräftig geholfen & die Springer-Presse war natürlich auch höchst munter dabei. Aber er hat es sich selbst zuzuschreiben, dass er jetzt am Pranger oder wie ein begossener Pudel dasteht.

Nun mag Geld ja nicht stinken; aber manche Wege, sich zu ihm zu verhelfen, haben  (schwäbisch gesprochen) doch ein fatales Gerüchle.

So hat Steinbrück nichts anderes getan als andere Parlamentskollegen von den anderen „bürgerlichen Parteien” auch, die neben Steinbrück im Bundestag sitzen; von den Abkassierern Fischer & Schröder ganz zu schweigen. Und es mag sogar so sein, dass Steinbrück für seine redende Anwesenheit bei Firmen & Banken so häufig & so hoch bezahlt wurde, weil er amüsanter reden konnte als seine Kollegen von CDU oder FDP. (Nur der ebenso freche Redner Kubicki von der holsteinischen FDP könnte dem Rhetor Steinbrück das Wasser reichen.) Denn sie alle verraten ja keine Geheimnisse, sondern streichen bei diesen Gelegenheiten den pekuniären Mehrwert ihrer Prominenz ein – & den Verlust ihres Gewinns zahlt die Allgemeinheit, weil ihre großzügigen Honorierer ihre Freigiebigkeit steuerlich absetzen.

Aber politisch wie moralisch unverzeihlich von dem ehemaligen Finanzminister & SPD-Bundestagsabgeordneten Steinbrück war es zum einen, bei seinen privaten finanziellen Fischzügen in gleich drei SPD-geführten nordrhein-westfälischen Kommunen, die bekannterweise finanziell klamm sind, seine Netze ausgeworfen zu haben.

Das war moralisch schamlos.

Zum anderen, aufgrund dieser wie sonstiger prallen Einnahmen aus seinen Vortragstätigkeiten nicht vorausgesehen zu haben, dass er – nicht nur für Neidhammel – damit eine breite Angriffsfläche für seine Gegner & Kritiker bieten würde & allein deshalb für die Kanzler-Kandidatur ungeeignet sei.

Das war politisch dumm.

Man wird sogar so weit gehen & behaupten können: einem Charaktertypus, wie er in Steinbrück verkörpert ist, würden als CDU/CSU- oder FDP-Mann solche Anrüchigkeiten weniger schaden. Man denke doch nur an Franz-Josef Strauß oder Otto Graf Lambsdorff. Aber für einen SPD-Mann sind derartige finanzielle Nebenkapitalien absolut prekär, weil eben sein Hauptkapital moralische Glaubwürdigkeit, resp. Tadellosigkeit ist.

Dieser moralischen Integrität hat sich aber Steinbrück auf seinem Weg zum privaten Reichtum entledigt. (Dass er aus seiner finanziellen Sinekure ins politische Rampenlicht zurückgekehrt ist, war sein Fehler und ihn dahin gerufen zu haben, der Fehler seiner Partei.) Das hat ihn im direkten Vergleich mit der Bundeskanzlerin – die sich möglicherweise mit der Macht mästet, aber nicht mit Euros – von vornherein ins Hintertreffen gebracht & die Partei, die ihn aufstellen & für sich ins Rennen um die Macht schickt, in eine prekäre Ausgangslage.

Noch aber kann sie sich, kann er sie daraus befreien: indem sie einen andern Stein ins Rollen bringt & er sich zurückzieht. D.h. indem sie Steinmeier wählt & Steinbrück zurückpfeift.

Noch hat sie diese Möglichkeit & wenn Steinbrück auch noch eine Spur sozialdemokratischen Ethos besitzt (& politisch so klug ist, wie er sich immer gibt), wenden beide im letzten Augenblick die ihnen drohende, absehbare Niederlage noch ab. Steinmeier, sofern nicht auch er bislang unbenannte Leichen im Keller hat (außer seiner bekannten Mittäterschaft an Hartz IV), kann als Person wenigstens mit der Niere punkten, die er in höchster Not & Gefahr für seine schwerkranke Frau gespendet hat. Das zeigt sowohl persönlichen Mut als auch verlässliche Solidarität – & ist für einen Politiker nicht die schlechteste Empfehlung.

So rhetorisch amüsant & schlagfertig wie der nassforsche Steinbrück ist der langsame Steinmeier gewiss nicht, sondern als Redner eher so dröge wie die Kanzlerin. Aber sowohl er als auch seine Partei könnten mit dieser „last-minute-rescue” das Blatt noch einmal zum Besseren für sich wenden, weil potentielle Wähler diese zweifellos riskante Schubumkehr womöglich mit Respekt an den Wahlurnen honorieren würden.

Noch könnte also die SPD ihre derzeitig prekäre Lage mit dem waidwund geschossenen Steinbrück mit einem Schlag ändern – allerdings nur dann, wenn dieser sich & seine Macht-Ambitionen & gleichzeitig sich Steinmeier als Kanzlerkandidat „opferte”.

Aber das ist nach allem, was bisher geschehen ist, nicht zu erwarten. Deshalb dürfte uns ein Vizekanzler Steinbrück im nächsten Jahr so sicher sein wie das Amen in der Kirche.

Wolfram Schütte

Foto: http://www.dts-nachrichtenagentur.de/nachrichtenbilder/, freigegeben nach Wikipedia Commons. Quelle.

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