Geschrieben am 2. Dezember 2016 von für Litmag, LitMag-Lyrik

Weltlyrik: Adam Zagajewski/ Tomas Tranströmer/ Philippe Jaccottet

oliveEin Augenblick des Glücks

Klangbilder von Burkhard Reinartz zu Gedichten von Adam Zagajewski, Tomas Tranströmer und Philippe Jaccottet.
„Eine Olive des Nichts“, der Titel dieser außergewöhnlichen CD, ist einem Gedicht des polnischen Schriftstellers Adam Zagajewski entnommen:

Simone Weill blickt in das Rhone-Tal

Plötzlich begreift sie nichts mehr
und schaut nur:
Die Erde öffnet sich zum Tal der Rhone,
darüber tauchen alte Dörfer auf,
die breite Schrift der Weingärten, Brunnen voll Verlangen.

Die Platanen erwachen aus dem Traum,
die Hähne rüsten zum beharrlichen Marsch,
die Habichte kehren zum Himmel zurück,
und sie sieht fast die leichten Atemzüge der Lerchen,
die von schwarzen Maulwürfen getragenen Erdhügel,
die Dächer der Bauernhäuser, die Nußbäume,
die Kirchen mit Türmen, gerollt wie Tabakblätter,
die dunklen Flecken des reifen Getreides, das Blitzen der Sensen;
die Weintrauben liegen in Weidekörben,
der Tod versteckt sich im Wacholderschatten,
und der Krieg ist nah.

Unten fließt das Quecksilber der breiten Rhone,
es trägt Barken und Boot
und eine Minute der Vergebung,
einen Augenblick des Glücks,
ein Olive des Nichts.

Aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius

 

Es kommt gelegentlich vor, daß für einen kurzen Moment Gedichte gehört, die irgendjemand bei offenen Fenstern laut vor sich hin rezitierte? „Es ist selten, daß man aus den Wohnungen Gedichte hört“ bemerkte einmal Adam Zagajewski in einem Rundfunkgespräch über die öffentlich Wahrnehmung von Lyrik in unserer Zeit. Es könnte aber sein, daß man in einer ruhigen Seitenstrasse irgendeiner deutschen Stadt tatsächlich Stimmen hört, die Gedichte vortragen zu denen im Hintergrund eine ganz wunderbar ruhige, zum Innehalten verführerische Musik erklingt. Und es könnte sogar sein, dass jemand die bei dem Münchner Label ECM erschienene CD mit Gedichten von Adam Zagajewski, Tomas Transtömer und Philippe Jaccottet aufgelegt hat.

In dem Programm der ansonsten ausschließlich auf Jazz, Klassik und ambitionierte ‚Weltmusik’ (mit diversen Crossover-Produktionen) spezialisierten Musikproduzenten um Manfred Eicher, sind mit Texten besprochene Aufnahmen nur ganz, ganz selten zu finden. Umso mehr reibt man sich die Augen, besser, hört man erstaunt zu, dass hier eine CD produziert worden ist, auf der gesprochene Lyrik im Mittelpunkt steht, die akustisch dekoriert wird durch Stücke von Interpreten, die fast ausschließlich auch im Programm von CEM vertreten sind. Unter anderem wird Musik von Elvind Aarset, den Stefano Battaglio Trio, von Morton Feldmann, Arve Henrksen Tomasz Stanko und Stevan Kovacs Tickmayer zwischen den Texten eingespielt.

In dem beigefügten Booklet führt Burkhard Reinartz, der verantwortliche Produzent der CD in diese irritierend verzaubernden ‚Klangbilder’ ein. Es handelt sich um „zeitgenössische Musik und Gedichte, die wie aus der Zeit gefallen scheinen, ruhig und konzentriert. Poesie braucht keine Musik und ist doch selber Musik.“ Man könnte sich ganz einfach ‚fallen lassen’ in diesen Klangteppich aus Gedichten und Zitaten von Zagajewski, Tranströmer und Jaccottet. Alles umspült von einer Musik, die wie ruhige Wellen an den Strand unserer Ohren rauschen. Alles schön und gut und zur Meditation verführend – aber etwas mehr Aufklärung über das Gehörte hätte man sich doch gewünscht. Welche der eingespielten Gedichte stammen von welchem Dichter und wer spielt die jeweils eingefügte Musik? Jeder Dichter, zumal wenn es sich um so große zeitgenössische Autoren wie Zagajewski, Tranströmer und Jaccottet handelt, hat doch ein ganz eigenes Werk geschaffen, das man nicht einfach in ein ‚Klangteppich’ einfließen lassen kann, auch wenn er noch so ästhetisch passend komponiert ist. Etwas mehr Informationen über die Musik und über die Dichter hätte man sich doch gewünscht in einem Booklet, das zwar wie immer bei ECM von einer einnehmenden ästhetischen Gestaltung ist, aber wenig Auskunft gibt über das Gehörte. Immerhin sind die Titel der Werke angeführt, aus denen hier Anja Lais, Bruno Winzen und Burkhard Reinartz rezitieren. Wer die angeführten Bücher noch nicht hat, sollte sie sich besorgen. In der zeitgenössischen Lyrik gibt es nur wenig Vergleichbares und das ECM sich auf dieses sehr ambitionierte Projekt eines Hörbuches eingelassen hat, verdient Lob und Dank. Von einer ärgerlichen Arroganz gegenüber den potentiellen Hörern dieser CD einmal abgesehen…

Carl Wilhelm Macke

Adam Zagajewski/ Tomas Tranströmer/ Philippe Jaccottet: Gedichte. Gesprochen von Anja Lais, Bruno Winzen, Burkhard Reinartz. ECM 2435, (München, 2015).

Nachsatz zur Reihe “Weltlyrik”: Die fast tägliche Konfrontation mit Nachrichten von verfolgten, inhaftierten oder hingerichteten Journalisten lässt gleichzeitig auch den Wunsch nach anderen Bildern und einer anderen Sprache wachsen. Immer wieder erfährt man auch von Journalisten, die nicht nur über das Dunkle und Böse in der Welt recherchieren, sondern auch Gedichte schreiben. Wie heißt es in einem Gedicht von Georgos Seferis „Nur ein Weniges noch/ und wir werden die Mandeln blühen sehen…“ (www.journalistenhelfen.org).

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