Posted On 1. Februar 2016 By In Litmag, News, Porträts / Interviews With 1688 Views

Verlagsporträt: Zehn Jahre Limbus Verlag

Bernd Schuchter by FotowerkAichnerKritisches Denken und anspruchsvolle Gegenwartsliteratur

– Ein Verlagsporträt von Senta Wagner.

In Österreich dreht sich geografisch gesehen alles um Berge, Täler und Gewässer. Dazwischen liegen verstreut die Städte und Dörfer. Zu den Nebenflüssen der Donau gehört der Inn, ein Dreiländerstrom, an dem Innsbruck liegt, umgeben von viel Bergraum. Das Präfix im Namen bezeichnet die Brücke über den Fluss. Wir sind in Tirol, aus der Vogelperspektive betrachtet am Hals der liegenden Landesgitarre. Inzwischen ist Schnee gefallen, die Gebirgsspitzen sind weiß. Die Tage dürften „wegen dem Föhn blau und sonnig und wolkenlos“ sein. Das Bild verblasst. Die Worte stammen aus dem Erzählungsband „Jene Dinge“ von Bernd Schuchter, Schriftsteller und Verleger des Limbus Verlags. Innsbruck, das ist Provinz, sagt er.

Verlegen in der Provinz

Dennoch oder gerade deshalb ist dort etwas seit zehn Jahren gewachsen. Der Limbus Verlag, der 2005 von dem gebürtigen Innsbrucker Bernd Schuchter gegründet wurde, feiert sein erstes rundes Jubiläum. Im Frühjahr 2006 kam dann das erste ganz kleine Programm auf den Markt, in Zeiten der Wirtschaftskrise geschah dies alles aus eigener Kraft, „alles ohne Erbe, drei Jahre nebenberuflich“ und „chaotisch“. Vorausgegangen waren dem Leidenschaften wie das eigene Schreiben und die Arbeit im Antiquariat. Die Jahre ab 2003 waren geprägt von einer regelrechten Gründerzeitwelle im Verlagswesen, hauptsächlich in der Hauptstadt. Da fallen Namen von Independents, die heute noch am Werk und groß geworden sind wie der Luftschacht und der Klever Verlag. Die Community sei überschaubar, man kennt sich und schätzt die Konkurrenz. Die Provinz ist weit weg von Wien, Limbus musste sich nicht gegen die Mitbewerber durchsetzen.

Zwei Bücher legten also damals den Grundstein für inzwischen hundertdreißig Bücher, von denen knapp hundert lieferbar sind, digital hält man ebenfalls Schritt. Lauter Gründe zu feiern. Im Literaturbetrieb ist man schon lange angekommen und auch anerkannt, sagt Schuchter. Mit schönen Büchern. Man werde wahrgenommen und gelesen. Limbus ist ein Verlag mit Gesicht. „Gute Literatur funktioniert überall.“ Mit den ersten beiden Titeln schlug der Verlag auch gleich den Weg ein, den er gehen wollte. Hauptsache engagiert und speziell: „Limbus steht für furchtloses kritisches Denken und für anspruchsvolle deutschsprachige Gegenwartsliteratur.“ Mit dem Anspruch, „die Leser zu bewegen, zum Denken anzuregen“. Der Fokus liegt dabei klar auf der österreichischen Literatur, Romanen, Erzählungen, etablierter Schreibender wie Nachwuchsautorinnen und -autoren, mit einem Extraschwerpunkt auf Tirol und Vorarlberg. Ein vierjähriges Intermezzo in Vorarlberg brachte zudem auch noch Schweizer Autoren ins Haus. Auch thematisch ist man bei Limbus keinen Moden unterworfen, sondern bewegt sich mal mehr mal weniger in einer Nische: etwa mit jüdischer wie NS-Erinnerungsliteratur, Frauenleben und Milieugeschichten, schlicht und realistisch erzählt. Besonders verfolgt den oben genannten Anspruch eine „lesbare“ Essayreihe, die sich mit verschiedenen relevanten gesellschaftspolitischen Themen befasst, kurz „Fragen an das Leben stellt und darauf Antworten versucht“. Die kartonierte Reihe Limbus TB setzt auf eine bemerkenswerte Einbandgestaltung, dort finden sich immer frisch die Highlights der letzten zehn Jahre.

„Wir machen das, was wir können.“ Es ist alles eine Frage der Entwicklung, der Akzentuierung und Mischung. Aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit den gleichen Autoren, wo dominoeffektartig die eine Empfehlung zur nächsten Empfehlung einer Autorin oder eines Autors führt, entsteht dann so ein Profil mit Niveau, wie es jetzt vorliegt. „Wir machen ja nicht Bücher, sondern Autoren“, betont Schuchter die menschliche, solidarische Seite des Geschäfts. Ohne große Sprünge in Sachen Werbekampagnen tun zu können, müssen sich kleine Verlage auf ihre Überzeugung und ihre Stärken wie ein sorgsames Lektorat konzentrieren. Viel Aufwand wird auch der gedruckten Verlagsvorschau mit Interviewteil gewidmet. Und mit dem Glück dürfen sie immer rechnen, es kommt und geht.

2008 landet man einen ersten größeren Erfolg mit dem „Jahrhundertroman“ „Leutenant Pepi zieht in den Krieg“ von Walter Klier, den es seit 2014 auch als Taschenbuch gibt. Klier wäre ein solcher Hausautor. Auch mit dem Tschernobylroman „Der Elefantenfuß“ von Hans Platzgumer erreichte man das deutschsprachige Feuilleton. Wenn Thema und Qualität passen, kommt man überall rein, ist Schuchter der Meinung.

Limbus2Kulturvermittler und Geschäftsmann

Bernd Schuchter sieht sich als Kulturvermittler, ist aber auch ganz Geschäftsmann. Bücher sind da, um gelesen, also verkauft zu werden. Das sei die Verantwortung den Autorinnen und Autoren gegenüber. Schwerpunkttitel müssen andere mitziehen, das ist nichts Neues. Die „ganz, ganz wichtige“ Basis für das verlegerische Schaffen sei darüber hinaus die Verlagsförderung. Ohne sie gäbe es kaum die Vielfalt an österreichischen unabhängigen Kleinverlagen.

Eine Branche, die im Wandel ist, muss einen kritischen Blick ihrer Akteure aushalten. Dass es dazu kommen wird, davon ist Schuchter überzeugt. Die Sozialisierung mit Büchern sei heute nicht mehr die älterer Generationen. Wenngleich der Verleger das E-Book nach wie vor als Ergänzung sieht.

Nicht unüblich bei Verlagen dieser Größe ist die Symbiose von privat und geschäftlich, es findet alles Platz unter einem Dach, was nicht gegen eine „Grundprofessionalität“ und Aufgabenverteilung spricht.

herrmann_schattenDie Preziosen und andere Empfehlungen

Ein besonderer Hingucker bei Limbus sind die etwa zwölf Bücher der bibliophilen Reihe Preziosen. Lauter schmale Bändchen in feiner gebundener Aufmachung, Juwelen zum Geschenkbuchpreis. Sie sind eine „Hommage an die leidenschaftliche Buchgestaltung der Gründerzeitverlage“. Hier findet auch die Lyrik ihren Platz, der sich der Verlag seit zwei Saisonen verstärkt widmet. Den Auftakt bildeten 2013 die Gedichte von Wolfgang Hermann „Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald“. Der mehrfach ausgezeichnete Dichter, inzwischen ein richtiger Preziosen-Stammhalter, hat eine „wilde Verlagsbiografie“ und ist nicht nur für seinen „Herrn Faustini“ bekannt, sondern vor allem auch für seine Prosaminiaturen geschätzt.

hermann_pbny_preziosen Mehr poetische Prosa als Miniatur ist „Paris Berlin New York“ (2015, Erstveröffentlichung 1992), das im Untertitel Verwandlungen heißt. Und wo es um das Verwandeln geht, ist immer auch ein gewisser Zauber am Werk. Auf knappen hundert Seiten fängt der Erzähler mit der Geduld und Planlosigkeit des Flaneurs durch stille Beobachtungen und drängende Reflexionen die sinnliche Wirkung seiner Metropolenreisen auf sich selbst ein mit erstaunlichem Ergebnis: „… ich wüsste nichts anderes, als von den Farben zu sprechen, vom Leben in Farben wie in Räumen, Nachtfarben, Tagfarben, Farbe der Dämmerung, Farbe der offenen, Farbe der geschlossenen Stadt“.

hermann_gesaengeEbenfalls 2015 erschienen von Hermann die Erzählungen „Die letzten Gesänge“. „Wir wanderten hinein ins weite Land der Erzählung, das immerschon und immernie untergegangen war.“ Daraus schöpft der Band, der sich auf den virtuosen Umgang mit der Kürze spezialisiert hat. Fünfunddreißig betitelte vielstimmige Geschichten, manche kaum länger als eine halbe oder zwei Buchseiten, erzählen im ganz eigenen Ton Hermanns von Zeiten und Orten (von Bregenz wie Paris), vom Zwischenmenschlichen, vom Großen und Kleinen, von Lebenssplittern und Weltentwürfen, mal heiter, dann ernst, mal sanft und intim, dann wieder kühl und distanziert.

juriatti_strandschattenMit seiner dritten Buchveröffentlichung bei Limbus seit 2012 zählt auch der Vorarlberger Rainer Juriatti zu den Hausautoren. Siebzig Jahre nach Kriegsende legt der Autor mit „Strandschatten“ einen beklemmenden wie zart-bitteren Roman vor über die unvergängliche Liebe eines versehrten leidenschaftlichen Ex-Fotografen und -Piloten, Familientraumata, die in die NS-Zeit zurückreichen, Verleugnung, Schuld und Loslassen. An den geschichtsträchtigen endlosen normannischen Sandstränden des D-Days, den „Orten des blutigen Erinnerns“, zugleich umfangen vom heutigen französischen Flair setzt sich Moritz anhand alter Briefe und Tagesnotizen seinen eigenen ihn peinigenden Erinnerungen aus. Zehn Jahre nach seinem Unglück nimmt er wieder seine Kamera in die Hand und fotografiert: „Zwischen sich und der Welt Sucher und Linse …“ Und leistet damit seiner Frau einen letzten Liebesdienst.

weyr_fernestadtEin letztes Schmankerl: Die Memoiren „Die ferne Stadt“ von Thomas Weyr nehmen die Vaterstadt Wien und Österreich intensiv und facettenreich in Augenschein und leisten damit einen apart geschriebenen und zeitgeschichtlich interessanten Beitrag zum beliebten Genre der Erinnerungsliteratur, auch wenn die „Erinnerung oft dünn ist wie ein Spinnfaden“, wie der Autor schreibt. Zunächst aus der hellwachen Kinderperspektive in den 1920er- reicht der Blick bis in die 60er-Jahre eines Emigranten, dessen „Verhältnis zu Wien zerrissen blieb“.

Limbus_dingeDer Verleger als Autor

Mit wenig Schlaf und dem Ausnutzen von „Leerlaufzeiten“ bei der Verlagsarbeit kommt Bernd Schuchter seiner Leidenschaft, dem Schreiben, nach. So kommt es, dass der Verleger Schuchter für den Schriftsteller Schuchter Werbung macht. Mit der virtuosen, autobiografisch grundierten Erzählung „Jene Dinge“ (2014) hat er einen festen Platz unter den Preziosen. „Föhntage“, sein jüngster Roman, ist 2014 beim Braumüller Verlag erschienen. Schuchter sieht sich eher bei der Gattung Roman, „man wird von Buch zu Buch besser“, seine Erzählweise ist klassisch realistisch. Vom Lesepublikum verstanden werden, das ist ihm wichtig. Das nächste Buchprojekt ist am Werden. Nach ausgiebigen Recherchen geht es dann mit dem Schreiben zügig voran, sagt er – ein Autor ohne Schreibblockaden.

Das eine wie das andere darf für Bernd Schuchter erst einmal so weitergehen. Vielmehr in Österreich sagt man ja gern, schaun mer mal, und so hat er es auch gesagt. Neben den täglichen Herausforderungen, den Routinen stehen die vielen kleinen und großen Freuden, die aus der Arbeit eine schöne machen.

Wir gratulieren zum zehnjährigen Jubiläum und wünschen dem Verlag und dem Autor alles Gute für die Zukunft.

Senta Wagner

Der Limbus Verlag im Netz: www.limbusverlag.at
Porträtfoto Schuchter: FotowerkAichner

Wolfgang Hermann: Paris Berlin New York. Verwandlungen. Innsbruck: Limbus Verlag 2015. 104 Seiten.
Wolfgang Hermann: Die letzten Gesänge. Erzählungen. Innsbruck: Limbus Verlag 2015. 175 Seiten.
Rainer Juriatti: Strandschatten. Innsbruck: Limbus Verlag 2015. 170 Seiten.
Thomas Weyr: Die ferne Stadt. Erinnerungen. Innsbruck: Limbus Verlag 2015. 335 Seiten.
Bernd Schuchter: Jene Dinge. Innsbruck: Limbus Verlag 2014. 101 Seiten.

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