Posted On 6. Dezember 2017 By In Klassiker Special 2017, Litmag, Specials With 304 Views

Ted Lewis – Working Class Hero

GBH
 
Wolfgang Franßen

Working-Class Hero

Werden Schriftsteller gemacht? Müssen sie wie ein mainstreamtauglicher Serienkiller eine öde, beschädigte Kindheit vorweisen? Mit Filmhelden wie Robert Mitchum, Kirk Douglas, James Cagney aus dem Alltag entfliehen? Nachts den Stapel literarischer Vorbilder abarbeiten? Im Genre am besten noch in einer Absteige schreiben, um den eigenen Mythos zu begründen? Wie wird jemand zum Klassiker? Gemeinhin gilt als Bezugsgröße für die Bedeutung eines Werks der Ausdruck: Ein Klassiker ist der, auf den andere sich beziehen, dessen Werk so bahnbrechend war, dass die nachfolgenden Generationen ihre Bücher in Bezug auf einen dieser Vorläufer geschrieben haben, ohne dass sie gleich zu Epigonen wurden. Nicht selten genreübergreifend direkt vom Buch in den Film. Was wäre Chandler ohne Humphrey Bogart, was Highsmith ohne die wiederkehrenden Verfilmungen Ripleys?

Ted Lewis ist weitgehend vergessen. Zwar ist gerade erst eine Biografie von Nick Triplow „Ted Lewis and the Birth of Brit Noir“ über ihn erschienen, die nachweist, dass er mit der Get-Carter-Trilogie inmitten der 1960er-Jahre der muffigen Kriminalroman-Szene Großbritanniens die Stirn bot und die Geburtsstunde des Brit Noir einläutete. (Siehe dazu auch die Besprechung in den „Bloody Chops“ vom November 2017.)

Wer nur Jack Carter kennt und sich gleich an die kongeniale Darstellung von Michael Caine erinnert, der sollte zu seinem letzten Buch „Schwere Körperverletzung“ (im Original GBH) greifen. Er wird einem Schriftsteller begegnen, der stilistisch ein Wagnis eingegangen ist. Lewis überließ das Verbrechen sich selbst, zeigte sie als abgeschlossene Welt, die um sich selbst kreist.

Der Begriff Klassiker ist eher was für verstaubte Regale, gebiert sich als Totengräber, deren Namen Gralshüter als ihren Besitz ausgeben, die aber nicht selten im Regal verstauben. Viele Storylines spuken noch durch unsere Erinnerungen, selten lesen wir sie wieder. Mancher dieser Autoren überlebt allein der Rechte wegen. Mit jeder neuen Generation Leser verschwinden Unmengen an Autor/Innen, weil sie nicht mehr auf dem Markt sind und deren Bücher im besten Fall von Insidern in Umlauf gebracht werden.

michael caine get carterSo lautet die Frage: Ted wer? Na der, der „Get Carter“ geschrieben und Michael Caine zu einer Weltkarriere verholfen hat. Zwar ist es eine Beleidigung, wenn man den Film, aber nicht den Autor kennt, aber was soll’s, wenigstens überlebt so ein Hauch von Klassik in schnellen Zeiten, in denen das Geschichtenerzählen wieder wichtig ist, aber in der zur Film- und Serienware verkommt. James McCain und „Wenn der Postmann zweimal klingelt“. Klar, das ist doch der Film mit Jessica Lang und Jack Nicholson. Willst du als Autor eine Spur hinterlassen, schau, dass du in einem erfolgreichen Film landest.

In „Schwere Körperverletzung“ geht Ted Lewis am Ende einer imposanten wie wilden Schriftstellerkarriere nochmal ein Wagnis ein. Als gebe es da die eine Geschichte, die er noch erzählen müsse. Zwei Erzählstränge, die erst nach einer gewissen Zeit zu erkennen sind, rasen auf ein gemeinsames Finale zu. George Fowler hat sich gezwungenermaßen, damit niemand seinen Aufenthaltsort kennt, nach Maplethorpe zurückgezogen. Er war der Kopf eines äußerst lukrativen Pornorings, der ganz Großbritannien mit dreckigen, kleinen, lustvollen Filmchen versah, deren Vertrieb eigentlich verboten war. Wir wissen alle, dass sich mit Verbotenem gute Geschäfte machen lassen. Wir lernen ihn als einen Mann kennen, der eine Last zu tragen hat. Er lebt an der Oberfläche das Leben eines Privatiers, der am liebsten sein Leben vergessen würde. Im zweiten Erzählstrang bewegen wir uns mitten durch seine schmutzigen Geschäfte, erleben Verrat wie Rache und begegnen seiner großen Liebe. Es geht um nichts Geringeres als um einen Machtkampf im Pornomilieu. Wenn so viel Geld so leicht zu verdienen ist, weckt das Begehrlichkeiten. Ted Lewis trennt die Zeit. Was nur ein paar Monate zurückliegt, fällt unter die Überschrift: „Rauch“. Alles, was mit dem Versuch, ein neues Leben zu beginnen, zusammenhängt: „Die See“. Verschiedene Orte, verschiedene Zeiten, nur der Charakter einer hermetisch abgeschlossenen Gangsterwelt hält alles zusammen. Vertraut sind die Häuser, die Bars, die Keller, in denen gemordet oder gefoltert wird. Vertraut ist der Verrat, die verhängnisvolle Liebe zu Jean, deren Mann bei einem Unfall getötet wurde. Wobei wir nie den Verdacht loswerden, ob Fowler das nicht selbst veranlasst hat. Wir stecken längst fasziniert in einem realsurrealistischen Zerfall fest. Durch sprachlich ausgefeilte Landschaftsbeschreibungen liefert Lewis seinen George Fowler dem Scheitern aus. Ein Gangster ohne Skrupel, der wie in Shakespeares Königsdramen genau weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Der König ist tot, es lebe der König. Auf die Welt des Verbrechens bezogen: Hast du deinen Laden nicht mehr im Griff, wird ein anderer ihn übernehmen.

Die Shepherdson-Brüder haben nicht nur einen Spitzel in Fowlers Gefolgschaft etabliert, sie säen mit dem bloßen Verdacht Zwietracht in Fowlers Reihen. Wer könnte es sein? Wird da nicht gerade der Falsche ermordet, gefoltert und unter Generalverdacht gestellt? Taucht erst einmal die Frage auf, wem man trauen kann, ist die Schlussrunde eingeläutet.

Ted Lewis
Ted Lewis, dessen Stärken sicher in der Beschreibung der kleinen Ganoven besteht, bei denen Ehre und Zugehörigkeit eine lebenserhaltende Maßnahme ist, gelingt es in „Schwere Körperverletzung“, den Zweifel, das Misstrauen so weit auszubauen, dass es wie ein Gift die Wahrnehmungen trübt. Obwohl Fowler noch ein großes Haus und offensichtlich auch genügend Vermögen besitzt, um bis zum Lebensende auszukommen, holen ihn seine Erinnerungen ein, treiben ihn vor sich her. Er zerfällt. Er fühlt sich entwurzelt. Die Zeit, die er durch sein Untertauchen gewonnen hat, führt nicht dazu, dass er Frieden mit sich schließt. Er gibt sich dem Alkohol hin, falschen Verdächtigungen. Er macht Fehler. Was weitaus schlimmer ist, als sich einem Showdown, einem Shooting zu stellen. Mit George Fowler führt Lewis „die Zeit danach“ ein. Aus den Hinterhöfen entkommen, sich nach oben geboxt, um aus dem Schatten heraus zu regieren, könnt er wie Richard III rufen: „Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd.“ Nichts ist schlimmer als auf den eigenen Tod zu warten, wenn man weiß, dass er bereits auf einen lauert.

chop triplow carter 9781843448839In seiner Biografie zeichnet Nick Triplow Ted Lewis disparates Leben nach. 1940 in Manchester geboren, eine Kindheit mitten in der Working Class der 1960er-Jahre in England, bleibt ihm die Flucht ins Kino, entdeckt er den Jazz. Mit dem Erfolg von „Get Carter“ entwächst er plötzlich dem kleinen Leben und findet sich im Glamour wieder, bevor er erneut in der Dunkelheit versinkt. Lewis hat das Leben seiner Helden gelebt. Wie im Rausch. Er ist nur 42 Jahre alt geworden, war ein Kind der Roaring Sixties, arbeitete in der Werbung, fürs Fernsehen, den Film und schrieb neun mehr oder weniger bemerkenswerte Bücher, an deren Ende er sich zu einem großen Kriminalroman aufschwingt, um nach alldem London den Rücken zu kehren und in Humberside zu leben.

Nach vollbrachter Weltumsegelung des kriminellen Londons der 1960er-Jahre. Gutaussehend, vom Kino besessen, exaltiert. Ein Leben und Schreiben, das so vielleicht nur im Exzess möglich war und geradewegs zu jenem Fußtritt führte, den er sich selbst verpasste, um sich wieder hinauszukatapultieren.

„Die Wahrheit ist“, schreibt Nick Triplow, „wenn du einen Raum voller Leute aufforderst, die Hand zu heben, wer „Get Carter“ kennt, wirst du Zeuge von einem Meer voller hochgestreckter Hände sein, aber wenn du nach dem Namen Ted Lewis fragst, kannst du dich glücklich schätzen, wenn sich dir zwei Hände entgegenstrecken.“

Simenon ließ am Ende den Schriftsteller als Berufsbezeichnung aus seinem Pass entfernen. Ted Lewis, als Working-Class Hero, ergab sich standesgemäß dem Suff.

Offensichtlich wollte er sein Ende selber schreiben.

Ted-Lewis+Schwere-Körperverletzung
 

Ted Lewis, Schwere Körperverletzung
Deutsche Erstausgabe: Pulp Master, Berlin, 1990
Überarbeitete Neuauflage 2019

Wolfgang Franßen, Begründer des Polar Verlags, Herausgeber von internationalen Noir Krimis, lebt in Hamburg.

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