Spotlight: So nah am Tod – Afghanistan im zehnten Kriegsjahr (ARD)


Wer sind die Guten? Wer die Bösen?

Die Afghanistan-ARD-TV-Doku von Ashwin Raman wollte vor allem den brutalen Alltag deutscher Soldaten zeigen. Doch der beeindruckende Doku-Realismus kann etliche analytische Defizite nicht kaschieren. Von Peter Münder.

Zerfetzte blutige Leichen werden nach einem Bombenattentat auf einen Transporter gehievt, ein deutscher Militär-Konvoi wird bei einer heiklen Versorgungsfahrt zu einem Stützpunkt im Taliban-Gebiet gezeigt, wir sehen Trauer-Zeremonien für gefallene  deutsche Soldaten und erleben auch, wie ein US-Minenräumkommando auf seinem elf Kilometer langen, sieben Stunden andauernden Himmelfahrtskommando mit den deutschen Schützenpanzern im Schlepptau durch vermintes Gebiet kriecht: Ashwin Raman, 65, aus Indien stammender Doku-Einzelkämpfer, der im letzten Jahr mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, hat sich mal wieder – nach Einsätzen in Somalia, Irak und Pakistan – in gefährliche Kampfzonen vorgewagt, um den am Hindukusch ausgetragenen Krieg gegen den Terror in möglichst vielen paradoxen und widersprüchlichen Facetten zu dokumentieren.

Raman will keine vorgefertigten Thesen illustrieren und keine Vorurteile bestätigen – der Zuschauer soll sich selbst ein Bild von den Ereignissen machen. Das funktioniert gut, wenn er afghanische Soldaten beim Unterricht zeigt: 85 Prozent sind Analphabeten und lernen nun Lesen und Schreiben. Oder wenn er in die Kantinen der Deutschen und der Afghanen blickt, um so die kulturellen Unterschiede festzumachen: Die Afghanen werden wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse öfter von Krankheiten heimgesucht und versuchen nun, die deutschen Standards zu kopieren. Am eindringlichsten sind Szenen nach Bombenattentaten, bei denen die Einheimischen erschüttert, wütend und ratlos ihre Toten beklagen: „Seht Euch das an“, schreit ein verzweifelter Afghane, „All diese Toten! Es sind Frauen und Kinder! Und alles im Namen des Jihad!“

Es gibt aber auch Szenen, in denen die Grenzen dieses Doku-Realismus sichtbar werden, weil Raman die Bilder ohne kritische Hintergrundanalyse unkommentiert stehen lässt. Da erscheint ein afghanischer Polizeichef bei einer Versammlung, um übergelaufenen Taliban ihre Waffen abzunehmen, sie zu umarmen und ihnen das traditionelle Gewand um die Schultern zu hängen. Der grinsende Polizeichef, die verwirrten, wie hilflose Filmstatisten auftretenden Taliban a.D., die nicht wissen, wie ihnen geschieht – das alles wirkt für die Reportage so inszeniert, um den Eindruck einer sich anbahnenden Versöhnung und eines bevorstehenden Happy End dieses aberwitzigen militärischen NATO-Abenteuers zu suggerieren.

Was natürlich völlig abwegig ist: Auch nach dem für 2014 anvisierten Abzug der westlichen Truppen dürfte das Gemetzel weitergehen, bis sich die Taliban wieder in den meisten afghanischen Provinzen etabliert haben. Weder im Weißen Haus noch beim US-Militär oder bei den europäischen NATO-Partnern hat man offenbar etwas dazu gelernt nach den desaströsen Niederlagen im vietnamesischen Guerillakrieg. Die schwerbewaffneten russischen Invasoren wurden aus Afghanistan verjagt, die britischen Imperialisten sogar mehrmals – dass die zerstrittenen afghanischen  Stammesfürsten die fremden Invasoren noch mehr hassen als ihre eigene völlig korrupte Zentralregierung in Kabul hat offenbar keiner der entscheidungsfreudigen Polit-und Militär- Strategen bemerkt.

Und mit einigen verschenkten Solar-Radios wird man die Einheimischen auch nicht unbedingt von der Überlegenheit demokratischer Strukturen und eines aufgeklärten Abendlandes überzeugen. Eine Szene ist bezeichnend für die Hilflosigkeit, mit der die  ausländischen Militärs beim Afghanistan-Einsatz zum Handeln verdammt sind. Im Gespräch mit einem deutschen Soldaten, mit dem Ashwin Raman auf einer Erkundungsfahrt durch Talibanzonen in ein Dorf gelangt, das die Aufständischen unterstützt, beklagt sich der Soldat, dass das afghanische Militär sich in letzter Zeit so rar macht: „Uns begleiten jetzt immer weniger Afghanen bei diesen Missionen – wie sollen wir denn so erkennen, wer die Guten sind und wer die Bösen?“

Damit ist aber auch eine diffuse Grauzone der Berichterstattung angedeutet. Heißt Filmen, Zeigen, Sehen eo ipso schon Verstehen? Der Kriegsreporter Raman möchte ja  gefährliche afghanische Kampfzonen und den Alltag in deutschen Bundeswehrstützpunkten zeigen und beschreiben, ohne sich auf wertende Kommentare festzulegen. Aber dieses Dilemma kann eine klare Einschätzung der gezeigten brisanten Situationen nicht erleichtern.  Ohne vertiefende Hintergrundinformationen kann sich der Zuschauer auch nur ein unzureichendes Bild über diesen inzwischen zehn Jahre andauernden, Milliarden Dollar und Euro verschlingenden Krieg mit fünfzig deutschen Gefallenen machen, der ja von deutscher Seite ursprünglich nur als harmlose Brunnenbaumission verkauft wurde.

Das erinnert fatal an den paradoxen Kommentar des US-Kriegsreporters Peter Arnett, der auf Zypern während des Bürgerkriegs griechische und türkische Soldaten in einer  erbittert ausgefochtenen Panzerschlacht beobachtete und dann kryptisch konstatierte:  „Ich wusste zwar nicht genau, worum es bei diesem Konflikt ging, aber ich konnte wenigstens beschreiben, was ich sah“.

Peter Münder

So nah am Tod – Afghanistan im zehnten Kriegsjahr. ARD-Dokumentation vom 21. November 2011. Von Ashwin Raman. 45 Minuten. Von 22:00 Uhr – 6:00 Uhr verfügbar in der Mediathek: hier. Bilder: SWR. Video-Quelle: ARD über Youtube.