Geschrieben am 15. Juni 2003 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Schlechte Zeiten für Pointilisten

Von Thomas Wörtche, 03.03.2001

Den täglichen Irrsinn kann man nicht mehr einzeln kommentieren. Also bleibt – according to Luhmann – nur der Griff zur Struktur. Heute zu der, die – according to Dieter Krebs, dem Großen – „dann entfällt auch das Ficken“ heisst. Denn obwohl uns unsere schicken Wochenblätter seit geraumer Zeit mit Partnerdebakel-Stories quälen, hat sich noch niemand getraut, dem Elend auf den Grund zu gehen. Das Elend ist nämlich schon ein gutes Dezennium alt und wurzelt im mächtigsten aller Medien, im Werbefernseh. Dort weiss man natürlich auch, dass Sex sell-t, aber noch verkaufsfördernder ist, wenn der Trieb – according to Freud – sublimiert wird in Verzehr von geldwerten Waren. Damit aber die Werbebotschaft nicht allzu sublim sei, hat man den Ersatz-Sex entdeckt – resp. ersatz-sexähnliche Handlungen und Substanzen. Um die ganze strukturellle Tiefe – according to Deutscher Geist – ausloten zu können, müssen wir ein wenig ausholen.

Seit ca. 15 Jahren ist das Symbol, die Ikone, die Allegorie der sexuellen Aktivitäten bei uns und in verwandten Gesellschaften der S/M-Klempner. Der musste nämlich mit Zängchen und Hammer immer ausschwärmen und völlig unbegabte S/M-Freizeit-Adepten (nicht Leute, die wirklich darauf stehen) befreien, aus der doppelten Kettenquetsche mit dreifachem Aufschrei, in die sie sich im rustikalen Hobby- resp. Partykeller heillos verwurschtelt hatten – da entfällt freilich das Ficken. Oder bei Leuten mit eher ungünstiger Figur, die sich erst mit Mehl bestäuben müssen, um sich in Gummi- resp. Taucheranzüge quetschen zu können. Nach zwei Stunden Ächzen sind sie drin – und es entfällt logischerweise wieder das Ficken. Das, wie gesagt, war nur das Vorspiel, das aufkommt, wenn alle Welt deviant sein will. Denn was tarnt die nackte Angst vorm Ficken, wo man’s mit Impotenz und Frigidität zu tun kriegen könnte, besser als programmatisches Vermeiden ?

Die zweite Stufe war dann bekanntlich das Piercing. Hier hilft der S/M-Klempner als Grobmotoriker nicht mehr so sehr. Da muss der Gynäkolog mit feineren Zängchen das Vaginal-Piercing wieder wegknipsen, und von den Folgen der Cervical-Piercings schweigt des Strukturalisten Höflichkeit. Das – zusammen mit männlichem Genital-Piercing – hat natürlich die klare Folge: Es entfällt dann – according to Mechanik für Anfänger – wiederum das Ficken.

Soweit also die Grundlagen. Die werbefilmliche Umsetzung ist nun wenig raffiniert, aber wirkungsvoll: Weil in der fröhlichen, gutdraufenen, gutdurchtrainierten und gutdotierten Partnerschaft das Ficken nunmal entfällt, kommt der Ersatz zum Einsatz. Anders lassen sich zum Beispiel die ganzen Fertigsoßen und Tütensuppen und Fruchtjoghurts und andere schleimige Flüssigkeiten nicht erklären, die aus allen Fernsehkanälen quellen. Eine Orgie in kalter Bauer pur (als Fertigsoße) und kalter Bauer mit allerlei suspekten Anhaftungen (als Joghurt) – da entfällt nicht nur der Blow Job (dessen Resultat liegt ja schon auf dem Teller), sondern wg. Zwecklosigkeit und Depression auch…? Schon wieder das Ficken. Und bei tollen jungen Paaren, die sich gegenseitig die Margarine wegstibitzen – das muss man sich – according to real life mal vorstellen – und sich Alk-Obst und viereckig gepressten Klärschlamm vulgo Riegel ekstatisch aus den Mündern brokeln, um es höchstselbst wegzumümmeln – nu, da brauchen wir nicht zu raten, was dann garantiert entfällt. Impotenz und Frigidität aber bleiben bestehen. Die nun wieder im allseitig beruflichen Alltag sublimiert – according to siehe oben – führen irgendwann zu dem Totalwahnsinn, den man nur pointillistisch geisseln kann. Na also.

Thomas Wörtche