Posted On 6. März 2017 By In Kolumnen und Themen, Litmag With 534 Views

Primärtext: Martin Spieß: Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme. Roman

Pop und Protest im Wendland.

„Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“ ist ein literarisches Roadmovie und eine schlagfertige Komödie voller Abenteuer, Freundschaft, Dope, Liebe und schmerzlichem Verlust. Martin Spieß erzählt mit dem Blick einer Generation, die beim Betrachten der Welt immer auch all ihr sekundäres Erleben aus Filmen, Musik und TV-Serien mitdenkt.

Zwei Freunde fahren nach Gorleben ins Wendland, um gegen den Castortransport zu demonstrieren. Jäger, der beste Freund des Erzählers, ist der Meinung, bei diesen Protesten ließen sich nicht nur Abenteuer erleben, sondern auch gut Frauen aufreißen – schließlich sei Politik seit Snowden wieder total in.

Sie mogeln sich als britische Reporter, benannt nach Schauspielern der TV-Serie »Doctor Who«, durch Polizeikontrollen und Absperrungen – doch dann wird Jäger vor dem Zwischenlager in Gorleben von einem Räumfahrzeug überrollt … und sein bester Freund reist in Gedanken in ihre gemeinsame Vergangenheit.

Vielleicht stirbt Jäger, vielleicht nicht – aber am Ende ist das gar nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass die beiden die beste Zeit ihres Lebens hatten – weil sie Freunde sind.

Eine warmherzige Erzählung über Kifferfreundschaft und die Flucht in populäre Kultur.

spieß_eiscreme_240Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme

1

Irgendetwas piept an Jägers Geräten, anders als zuvor. In Filmen schreckt der am Bett wachende Besucher in Momenten wie diesen auf, berührt – als könne er damit irgendetwas bewirken – den Arm des Patienten und sagt seinen Namen. Einmal. Zweimal. Dann Stille. Er sagt leise »Schwester«, dann schreit er es, unzählige Male, voller Furcht, dass dies der Moment ist, in dem es zu Ende geht. Und irgendwo in ihm die leise Hoffnung, dass seine schnelle Reaktion genau dieses Ende verhindert.

Wäre das hier mein Film, würde es bis zum Abspann keine Dialoge mehr geben, nur Bilder, unterlegt von Musik: The National mit Hard To Find.
Eine Montage aus der in Slow Motion zum Krankenzimmer laufenden Ärztin, hinter ihr Pfleger und Schwestern.
Den weinenden Eltern, die ihre Hände im Rücken des anderen verkrallen.
Dem besten Freund, der sich gegen die Festhalteversuche zweier Pfleger aufbäumt, die ihn davon abhalten, ins Krankenzimmer zu stürmen, wo er lediglich die Ärztin an ihrer Arbeit hindern würde.
Der Ärztin, die voller Enttäuschung die Kellen des Defibrillators von sich wirft, ein langgezogenes stummes »Fuck« auf ihren Lippen.
Der Ärztin, die auf die Uhr schaut und man, ohne es zu hören, weiß, was sie sagt: »Zeitpunkt des Todes.«
Wie sie danach auf den Krankenhausflur, auf dem Jägers Eltern und ich warten, hinaustritt.
Dann eine über zehn Sekunden lange Einstellung des Bettes, auf dem Jäger liegt: mit entblößter Brust, offen stehendem Mund, in dem noch der Beatmungsschlauch hängt, und weit aufgerissenen Augen. Seine Arme hängen an den Seiten herunter, Kabel und Schläuche überall.
Und so wie uns die Tränen immer heftiger die Augen füllen, wird das Bild immer körniger und unschärfer, bis es irgendwann gänzlich weiß ist: das Weiß aseptischer Krankenhausflure.
Bei einer Minute und zwölf Sekunden gibt es eine kurze Pause in Hard To Find. Die wird genutzt für einen–
–Schnitt.
Nahaufnahme von mir in schwarzem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Die Kamera zoomt heraus, ich stehe neben Jägers Familie an seinem Grab.

Mein Blick geht vorbei am Grab, am Sarg, am Pfarrer, dessen Mund sich tonlos bewegt. Alles, was man hört, ist Adam Berningers klagender Gesang auf dem sentimentalen Instrumental seiner Band. Die Kamera lässt die Trauergemeinde zurück und fährt in Richtung Sonne, das Bild wird allmählich unschärfer und schließlich wird in die letzten Einstellungen des Films übergeblendet:

Jäger und ich auf der Fahrt nach Katalonien, auf dem Weg zur Ferienwohnung meiner Großeltern. Jeder hat eine Dose Bier in der Hand, wir rauchen, wir scherzen und lachen, am Horizont scheint, genauso wie eben am Grab, die Sonne. Aber hier ist alles gut.

Fade to black, dazu Northern Skies von I Am Kloot.
Dann: Credits.

2

Jäger und ich stehen zwischen Dannenberg und Seybruch auf der B191, an der Kreuzung zur Landstraße, die zum Verladekran für Castorbehälter führt. Es ist Mitte November und arschkalt. Ich trage ein Cap, meinen schwarzen Parka mit der Kapuze mit Kunstfellbesatz, Jeans und Clarks Wallabees. Jäger trägt seinen gefütterten Trenchcoat, darunter ein bis oben zugeknöpftes hellblaues Hemd, Röhrenjeans und hellblaue halbhohe Sneakers. Ich habe meinen Vollbart auf ein zivilisiertes Maß gestutzt, und er hat sich sogar die Haare geschnitten. Trotzdem ist uns unsere Berliner Herkunft mühelos anzusehen.
»Sagst du mir noch mal, was wir hier machen?«, fragt er, den Blick auf die näher rückende Hundertschaft Polizisten gerichtet.
»Mir ist der kritische Unterton in deiner so unelegant formulierten rhetorischen Frage keineswegs entgangen«, sage ich. Jäger rollt mit den Augen.
»Wir haben keine Zeit für Ironie!«
»KEINE ZEIT FÜR IRONIE?«, rufe ich theatralisch laut, sodass sich nicht nur einige der um uns stehenden Demonstranten nach mir umdrehen, sondern mich auch drei, vier Cops der immer näher kommenden Reihe ins Visier nehmen.
»Jäger, der Tag, an dem ich aufhöre, Witze zu reißen, ist der Tag meiner Beerdigung! Nur weil wir gleich weggetragen, verprügelt und eingebuchtet werden, werde ich doch nicht zu scherzen aufhören.«
»Nein, natürlich nicht, aber–«
Ich unterbreche ihn.
»Aber was?«, frage ich und schaue Jäger eindringlich an, als könne ich damit die Zeit bis zu einer Antwort verkürzen.
»Aber ich frage mich mittlerweile, ob es so eine gute Idee gewesen ist, hierherzukommen.«
»Moment mal, Alter. Wir stehen hier im Angesicht des beinahe sicheren Todes, und jetzt ist es plötzlich keine gute Idee mehr? Darf ich dich daran erinnern, dass es deine Idee war?«
»Eigentlich nicht.«
»Eigentlich nicht«, mache ich ihn im Moritz-Bleibtreu-in-Lammbock-Stil nach, indem ich meine Stimme nach unten pitche. Dann sage ich, wieder normal: »Darf ich dich daran erinnern, was du gesagt hast? ›Wir müssen unbedingt ins Wendland fahren! Politischer Protest ist nach Edward Snowden wieder total in. Mit nichts anderem werden wir so viel Erfolg bei den Bräuten haben wie damit, bei einem Castortransport gegen Atommüll zu demonstrieren.‹«
»Erstens habe ich nicht gesagt, dass wir unbedingt fahren müssen. Ich habe es sachlich zur Debatte gestellt, und du warst mit von der Partie. Und zweitens habe ich nicht ›Bräute‹ gesagt. Ich bin doch kein Motorradrocker aus TKKG! Mal davon ab, dass es nur ein Aspekt war. Die Hauptsache war und ist doch, Abenteuer zu erleben, um daraus Geschichten zu machen.«

Ich will antworten, doch Jäger zeigt in Richtung Polizisten, die nur noch wenige Meter von uns entfernt sind. Wir kramen in unseren Taschen und holen die gefälschten Presseausweise heraus, die wir uns gebastelt haben, um einer Verhaftung zu entgehen. Weggetragen, gewasserwerfert oder verprügelt zu werden ließe sich, so Jäger, ja irgendwie verschmerzen, aber achtundvierzig Stunden mit Kabelbindern gefesselt in einer Containerzelle zu verbringen, das würde den eigentlichen Sinn unserer Reise – ja, er sagte wirklich Reise, als meine er Erholung oder Urlaub – unterminieren.

Bevor wir uns aber als Angehörige der Presse identifizieren können, ist die Hundertschaft herangerückt. Das Kürzel auf ihren Uniformen weist sie als Magdeburger Polizisten aus, die meinen Recherchen zufolge besonders gern hart vorgehen. Der Polizist vor mir schreit »Verpisst euch, ihr Spinner!« und schubst mich. Mein Hinterkopf berührt etwas Weiches, dann höre ich einen Schrei. Während ich falle, kann ich Jäger aus den Augenwinkeln noch sehen. Als ich wieder aufstehe und mich nach ihm umsehe, ist er verschwunden.

3

Ich treffe Jäger im Camp der Sanitäter wieder, die sich nach der Räumung um die Verletzten gekümmert haben, die nicht geflüchtet oder verhaftet worden sind. Er hat eine Platzwunde auf der Stirn und wird gerade genäht.
»Ich bin ganz froh, dass sie uns nicht ins Krankenhaus gebracht haben«, sagt Jäger und lächelt müde. »Eine Platzwunde ist eine so schön dramatische Verletzung, aber wenn du nicht in den Armen einer schönen Demonstrantin bluten kannst, bringt sie dir einen Scheiß.«
Ich setze einen enttäuschten Gesichtsausdruck auf.
»Ja, leider wurde ich nicht so schwer verletzt wie andere hier«, sage ich und zeichne bei »schwer« Anführungszeichen in die Luft.
»Ja, leider«, sagt Jäger und verzieht kurz das Gesicht, weil der Sanitäter an seiner Wunde herumzieht. »Aber du weißt ja, was Alligatoah singt: ›Willst du sie haben, dann brauchst du Narben.‹«
»Narben? Ernsthaft? Du glaubst, dass du eine Narbe zurückbehältst?«
»Ich weiß, dass ich eine Narbe zurückbehalte«, sagt er, schaut dann aber fragend den Sanitäter an, der gerade einen Knoten in den Faden macht. Als der nicht reagiert, fragt Jäger: »Da bleibt doch was zurück, oder?«
Der Sani sagt immer noch nichts, schneidet stattdessen mit einer Schere die Enden des Fadens ab und begutachtet seine Arbeit. Er gibt etwas Jodsalbe auf ein streichholzschachtelgroßes Pflaster und klebt es über die Naht. Erst dann sieht er Jäger – zum ersten Mal, seit der hier sitzt – in die Augen und sagt:
»’ne kleine Narbe, ja. So wie die von Harry Potter.«
Sämtliche Ruhe, Abgeklärtheit und Coolness rutschen Jäger aus dem Gesicht, und ich muss so sehr lachen, dass ich vom Stuhl falle. Als ich wieder hochkomme, stehen drei Polizisten vor mir.

ENDE DER LESPROBE

Martin Spieß_CulturBooks_Jörg Merlin Noack_Ausschnitt1_350Der Autor

Martin Spieß, geboren 1981 in Dannenberg (Elbe), lebt und arbeitet als Schriftsteller und Musiker im Wendland. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Neben Veröffentlichungen in Magazinen, Literaturzeitschriften und Anthologien erschienen bereits zwei Kurzgeschichtenbände, ein Roman und eine Novelle. Er macht deutschsprachigen Indierock unter dem Namen VORBAND. »Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme« ist sein zweiter Roman.

Martin Spieß: Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme. Roman. Klappenbroschur. Februar 2017. 240 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,40 Euro (A). ISBN 978-3-95988-020-6. eBook: 9,99 Euro. Mehr zum Buch.

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