Geschrieben am 19. Oktober 2009 von für Litmag, Porträts / Interviews

Norberto Bobbio zum 100. Geburtstag

Das andere Italien

Die wirklichen Gegner der Demokratie, so die immer wieder von Bobbio formulierte paradoxe Position, sind nicht ihre erklärten Feinde, sondern ihre unkritischen Claqueure. Ein Porträt des Philosophen Norberto Bobbio, dem ‚Maestro‘ des demokratischen Italiens, der am 18.Oktober vor 100 Jahren in Turin geboren wurde. Von Carl Wilhelm Macke

Wenigstens an einem Tag wird auch in der deutschen Öffentlichkeit das ‚andere Italien‘ sichtbar, das in den vergangenen Jahren fast vollkommen unter dem Gag- & Skandalfeuerwerk des Silvio Berlusconi vergessen wurde. Italien, das ist ja nicht nur Korruption, Mafia, Steuerbetrug, Einschränkung der Medienfreiheit und eben jener unsägliche Mailänder Medienmogul, der ein ganzes Land in sein Firmenimperium eingegliedert hat. Italien, das ist ja auch ein sehr integrer antifaschistischer Staatspräsident Napolitano, eine ungemein reiche kulturelle Stiftungskultur, eine lebendige Bewegung an Bürgerinitiativen und freiwilligen Sozialinitiativen und das ist auch eine republikanisch-demokratische Intellektuellenkultur, für die beispielhaft der Turiner Philosoph Norberto Bobbio und der Triestiner Schriftsteller Claudio Magris stehen. Sicherlich ist es nur ein Zufall zeitlicher Planung, aber Beiden ist der 18. Oktober 2009 gewidmet. Magris wird an diesem Tag in der Frankfurter Paulskirche der ‚Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ verliehen. Und Norberto Bobbio, einer seiner Lehrer und engsten Freunde, wäre genau an diesem Tag 100 Jahre alt geworden. Dem Schriftsteller Claudio Magris sind in den Tagen vor der Frankfurter Buchmesse viele Beiträge in den Medien gewidmet worden. (Auch im Titel-Magazin wurde er in den letzten Jahren mehrfach vorgestellt). Norberto Bobbio aber ist in Deutschland (fast) unbekannt. Er verdient deshalb eine größere Würdigung…

Ein unentwegt publizierender, debattierender und intervenierender politischer Philosoph

Geboren wurde Bobbio am 18. Oktober 1909 in Turin. Rechtswissenschaft studierte er an der Universität Turin u.a. bei dem späteren italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi. Ab 1935 nahm er aktiv am Widerstandskampfes der Gruppe „Giustizia e Libertá“ um Carlo Rosselli teil, dessen theoretisches Hauptwerk Socialismo liberale (liberaler Sozialismus), zeitlebens für Bobbio ein Programm seines politischen Denkens blieb. Wissenschaftlich beschäftigte er sich in den ersten Jahren seiner akademischen Karriere vornehmlich mit der Phänomenologie Husserls und Schelers.

Anfang der vierziger Jahre wurde Bobbio als Hochschullehrer an die Universitäten Siena und Padua berufen. Nach der Niederschlagung des Faschismus arbeitete er als Mitglied der konstituierenden Versammlung an der Ausarbeitung einer neuen demokratischen Verfassung seines Landes mit. Als seine Partei, der fast ausschließlich von Intellektuellen geführte Partito d’Azione, bei den Wahlen von 1946 eine katastrophale Niederlage erlitt, zog sich Bobbio für immer aus der aktiven Parteiarbeit, nicht aber aus dem öffentlichen politischen Streit, zurück. Von 1948 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1984 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie des Rechts und der Politik an der Universität Turin inne.

Als Bobbio Mitte der achtziger Jahre emeritiert wurde, begann für ihn erst so richtig der Unruhestand eines unentwegt publizierenden, debattierenden und intervenierenden politischen Philosophen. In Krisenzeiten, in denen das Land gezwungen wurde, sich seiner Identität zu versichern, wartete die intellektuelle Öffentlichkeit immer gespannt auf das Wort des Alten aus Turin.

Obwohl Bobbio gerade auch Werke von Philosophen deutscher Tradition (Hegel, Marx, Max Weber) zu seinen wichtigsten geistigen Inspirationen gezählt hat, nahm man ihn in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie so recht zur Kenntnis. Leider, denn die etatistisch orientierte Reformlinke, die anti-autoritären ’68er und die marktvergötternden Liberalen in Deutschland hätten von Bobbio vieles lernen können. Erst mit dem Band Die Zukunft der Demokratie (1988) konnte das deutschsprachige Publikum wenigstens eine Ahnung von dem politischen Denken des Norberto Bobbio gewinnen. Ansonsten genoss er nur in kleineren akademischen Zirkeln und gelegentlich in links-liberalen Zeitungsredaktionen eine gewisse Bekanntheit. Der Wagenbach-Verlag hat aus Anlass des 100. Geburtstages von Bobbio jetzt wenigstens einen schmalen Band mit einer kleinen Auswahl von Texten von ihm und über ihn publiziert (Norberto Bobbio Ethik und die Zukunft des Politischen, Berlin, 2009)

Gerade weil Bobbio so leidenschaftlich und stoisch an den großen Idealen von Aufklärung und Demokratie festhielt, insistierte er so unnachgiebig darauf, sich mit dem „anderen Gesicht der Demokratie“ zu beschäftigen. Die wirklichen Gegner der Demokratie, so die immer wieder von ihm formulierte paradoxe Position, sind nicht ihre erklärten Feinde, sondern ihre unkritischen Claqueure. Nicht mit dem monotonen Verweis auf die großen Errungenschaften der Demokratie wirbt man für diese „am wenigsten schlechte Staatsform“, sondern mit dem steten Einklagen ihrer nicht realisierten Versprechungen. Das machte Bobbio zu einem so selten gewordenen demokratischen Realisten, der auf die Utopie nicht verzichten wollte.

Ständige Versuche zu überzeugen

Typisch für die Argumentationskultur von Norberto Bobbio ist, dass er sich mit in seinen grundlegenden wissenschaftlichen Arbeiten und politisch-publizistischen Interventionen weniger an die Sympathisanten der eigenen Überzeugungen richtete, sondern vornehmlich an die jeweiligen Gegner. Für die in den späten sechziger Jahren von rebellierenden Studenten formulierte Forderung nach mehr direkter Demokratie und plebiszitären Abstimmungen hatte Bobbio nur wenig Verständnis. „Niemals“, so polemisierte er oft gegen seine linken Freunde, „hat die Linke klar umrissen, wie das andere System aussehen wird, mit dem die repräsentative Demokratie abgelöst werden soll.“ Fanatiker und es gab viele von ihnen im Umfeld von ’68, waren Bobbio von ganzem Herzen zuwider. Distanziert war sein Verhältnis auch zu den basisdemokratischen Versammlungsformen der Studentenbewegung von ‚68′. Demokratie in seinem Verständnis bedarf auch klarer Regelungen, mit denen die Rechte schwächerer Minderheiten geschützt werden.

Als es aber Ende der achtziger Jahre bei vielen ehemaligen verbalradikalen Linken Mode wurde, sich ihrer politischen Vergangenheit wie ein altes Kleidungsstück en passant zu entledigen, erinnerte sie ausgerechnet der liberale Bürger Bobbio an die immer noch uneingelösten alten Ideale eines demokratischen Sozialismus. Nicht die Antworten des Sozialismus seien wichtig gewesen, sondern seine berechtigten Zweifel an dem Freiheitspathos des Kapitalismus. Gegenüber den Liberalen klagte er deren allzu egoistische Staatsdistanz ein, die alles dem Markt anvertrauten und nichts einer demokratischen Regulierung überlassen wollten. 1994 erschien das in Italien außergewöhnlich erfolgreiche Buch Rechts und links. Nach dem Zusammenbruch der alten europäischen Nachkriegsordnung versuchte eine verunsicherte italienische Öffentlichkeit in den Thesen Bobbios offensichtlich eine Orientierung im Ruinenfeld der politischen Begriffe zu finden. 1996 machte dann De Senectute Furore, in dem der alte, von den jahrzehntelangen politischen Interventionen müde Philosoph mit weiser Gelassenheit eine Bilanz seines Lebens zieht, um sich dann mit angelsächsischer Nüchternheit den letzten Dingen und dem Abschied von dieser Welt zuzuwenden.

„Mein Leben kann ich erzählen, gestützt auf meine Erinnerungen und die Erinnerungen derer, die mir nahestanden, mit Hilfe von Dokumenten, Briefen und Tagebüchern. Ich kann dieses Leben bis zu seinen letzten Minuten erzählen. Von meinem Tod kann ich nicht mehr erzählen. Das können nur die anderen tun.“ Gegen die drohende Regierungsübernahme durch Berlusconi hatte Bobbio noch einmal in einem viel beachteten Manifest gewarnt. Heute wissen wir, dass dieser Aufruf ohne Erfolg geblieben ist. Und wir wissen wie recht Bobbio hatte mit seiner Warnung vor unklaren Trennungen staatlicher Macht und privatwirtschaftlichen Interessen.

Wenn aber wieder in deutschen Medien allzu einseitig und schnell über die verkommene politische Kultur Italiens hergezogen wird, sollte man wenigstens auch an Bobbio denken, auch an Magris und die, die Beiden verbindende republikanische, demokratische weltoffene Tradition des ‚anderen Italiens‘.

Carl Wilhelm Macke