Posted On 1. August 2017 By In Litmag, News, SEXMAG, Specials With 1123 Views

Norbert Kron: Du sollst Sexszenen schreiben!

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Du sollst Sexszenen schreiben!

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Dass die erotische Phantasie sich am Verbotenen entzündet, an ausgefallenen Szenarien, an tabuisierten Phantasmen, ist in jedem Sex-Ratgeber nachzulesen. Als Problem für den aufgeklärten Erotomanen stellt sich allerdings die Tatsache dar, dass so gut wie nichts mehr tabuisiert ist. Flagellation mit der neunschwänzigen Katze? Hat man das nicht letzte Woche im BR-«Tatort» gesehen? Fissuren beim weiblichen Analverkehr? Ging es darum nicht in einem vieldiskutierten Bestseller? Selbst wenn ein verschnürter Sadomasochist, wie es vor kurzem in Darmstadt geschah, nach dem nächtlichen Besuch eines einschlägigen Szene-Etablissements beim Warten auf den Bus im vollen Fetisch-Ornat in einen Brunnen stürzt, erstattet die anrückende Polizei keine Strafanzeige – nein, die Uniformierten erweisen sich als Freund und Helfer und veröffentlichen ihre Samariter-Tat in einer Pressemitteilung.

Als Gradmesser dessen, was als tabubesetzt gilt, kann nicht mehr das Gesellschaftliche herangezogen werden, sondern nur noch die private Scham. Was dem einen längst ein abgedroschenes Allerweltsspielchen ist, mag beim anderen noch den Kitzel des Besonderen auslösen. Oder: Was für den Teenager noch heiliger Wunsch gewesen sein mag, ist im Prozess des Älterwerdens meist entmystifiziert, enttabuisiert worden. Der erwachsene Mensch hat es nicht leicht, wenn er sein Sexleben noch mit dem Stoff auffrischen möchte, aus dem verbotene Phantasien gemacht sind.

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Auch der Schriftsteller steckt in der Klemme. Wenn es in der Realität keine Verbote mehr gibt, gibt es sie auch im Ästhetischen nicht mehr. Welches Sujet und welche Form er auch wählt, alles ist in der Literaturgeschichte längst erprobt. Das gilt auch für das Sexuelle, dessen explizite Schilderung lange ein literarisches Tabu war und nach und nach in allen erdenklichen Spielarten exploriert worden ist. Literaturhistorisch lässt sich das Schreiben über Sexualität als kontinuierlicher Prozess einer Überschreitung fassen, als sprachlicher und thematischer Entgrenzungsprozess, der parallel zum Niederreißen gesellschaftlicher Tabus mit permanenter Skandalgarantie stattfand. Heute steht der Schriftsteller vor einem Anything goes, das ihm den Freibrief gibt, über alles zu schreiben.

Die Folge ist paradox: Wenn es kein gesellschaftliches Tabu mehr gibt, das den Autor hindert, sich am Sexuellen abzuarbeiten, so entsteht umso mehr ein ästhetisches. Es ist gewissermaßen die Scham des Literarischen, die hier wirkt, das ästhetische Gewissen, das auf einer höheren Ebene ein neues Verbot formuliert: Du sollst keine Sexszenen schreiben! Hinter diesem Verbot steht immer derselbe prosaische Subtext: Man kann über das Mysterium der Sexualität nichts Neues schreiben, es ist zu diesem Thema alles schon geleistet, Sexszenen gehen immer schief und profanieren den Rest des Textes.

Auf paradoxe Weise hat man als Schriftsteller dem Rest der Welt also etwas voraus. Wenn es in der schamlosen Gesellschaft schon nichts mehr gibt, was verbotene Phantasien entzündet, so gibt es wenigstens im Ästhetischen etwas, das Lust auslöst: die Lust am verbotenen, am erotischen Text. Oder persönlich formuliert: Je öfter ich die Aussage hörte, dass man über Sex nicht schreiben soll, desto mehr reizte es mich, es mit diesem Gegenstand aufzunehmen. Die schmutzigste Phantasie eines Schriftstellers ist es, eine Sexszene zu schreiben, die sogar dem Literaturkritiker Lust bereitet.

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Dennoch: Wie könnte man die sexuelle Ausschweifungskraft der Weltliteratur überbieten? De Sades Extremismus, seine Engführung sexueller Perversion mit egoistischem Gesellschaftsterrorismus, brächte, verstünde man sie als Handlungsanleitung, auch heute noch jeden hinter Gitter. Ähnliches gilt für Apollinaires «Elftausend Ruten», einen Text, dessen Drastik ihn auf den Index der Bundesbehörde für jugendgefährdende Schriften brachte (wo bekanntlich nicht mal Killerspiele Eingang finden). Wer diese Texte zur Hand nimmt, erkennt, dass wir heute in einer äußerst prüden Epoche leben und lässt, wie freidenkend auch immer, lieber die Finger davon, sich an solch literarischer Libertinage zu messen.

Die französische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich dennoch nicht davon abhalten lassen, die Linie des sexuellen Schreibens fortzusetzen. Dies gilt für die «Geschichte der O» ebenso wie für Anaïs Nins «Delta der Venus», eine Kurztextsammlung, die bekanntlich explizit als Broterwerbspornografie – eine Seite Sex für einen Dollar – entstand. Dass beide Texte bis spät ins 20. Jahrhundert unter Pseudonym publiziert wurden, zeigt, dass sie auf andere Art durchaus revolutionär waren: In ihnen nahmen erstmals Autorinnen die männliche Domäne des erotischen Schreibens durch den weiblichen Blick in Besitz.

Aber auch in der angloamerikanischen Tradition gibt es bekanntlich Maßstäbe setzende Texte – wobei Henry Millers Erotika zweifelsohne nicht ohne den Hintergrund seines französischen Exils zu begreifen sind. Wo das «Opus Pistorum» ans Limit des Hardcore-Trash geht – mit äußerst unangenehmen pädophilen Szenen –, verwandelt der «Wendekreis des Krebses» die erotische Thematik zum Sinnbild der Boheme-Existenz schlechthin und erreicht als Künstlerroman die Höhen der Weltliteratur. Aber schon zuvor, außerhalb Frankreichs, hat D. H. Lawrence mit «Lady Chatterley» weltliterarische Standards gesetzt. Fernab jeder David-Hamilton-Weichzeichner-Ästhetik, deren Ruf dem Buch vorauseilt, verschmelzen hier erotische Schilderungen und gesellschaftlicher Diskurs zum vollendeten Zeitroman.

Auch da, wo das Sexuelle gewissermaßen pur im literarischen Zentrum steht, sind mit Harold Brodkeys Erzählung «Unschuld» Grenzen der Darstellung erreicht. Die Detailfreude, mit der der Erzähler auf gut fünfzig Seiten den quälend sich hinziehenden Versuch eines Mannes beschreibt, seine Geliebte zum Orgasmus zu bringen, entfaltet ein fast enzyklopädisches Repertoire der Ausdrucksformen. Brodkey spielt filigran auf der Klaviatur des sexuellen Vokabulars: Wie sollte jemand, der sich am selben Oktavsystem des Erotischen versucht, sich dabei nicht die Finger verbrennen?

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In der deutschen Literaturgeschichte fehlt eine Tradition sexueller Literatur fast völlig. Explizit Sexuelles gibt es fast nur in der Trivialliteratur. Auch das mag dazu beitragen, dass sich hierzulande hartnäckig die These hält, die beste Sexszene sei die, in der nur angedeutet oder ausgespart wird. Ist das der Grund, warum das Sexuelle es nur im Trivialliterarischen zu einigem Aufsehen gebracht hat? Im Sachbuch und in der Belletristik räumen die Sex-Seller ganz oben in den Charts ab, von Sonia Rossis «Fucking Berlin» bis zu Charlotte Roches «Feuchtgebiete».

Doch was ist, wenn literarisch ambitionierte Texte mit Sexuellem zu tun haben? Sexualität ist ja nicht einfach deshalb, weil die Werbung sie als Hauptbetätigungsfeld entdeckt hat, aus unserem Leben verschwunden. Und so abgedroschen die Formel sein mag: Es ist etwas dran an dem Klischee, dass der Schriftsteller sich nicht den Stoff sucht, sondern der Stoff sich einen Autor. So spielt in den beiden Romanen, deren Geschichten ich erzählen wollte, das Sexuelle eine fundamentale Rolle. Im ersten, «Autopilot», wird die biologische Zeugungsunfähigkeit eines Mannes, der im beruflichen Leben ein potenter Medienproduzent ist, zur Krisenerfahrung seiner männlichen Bilderbuchexistenz. Im zweiten, «Der Begleiter», wird die Prostitution, zu der uns die Marktgesellschaft – gerade im Kulturbereich – zwingt, parabelhaft am Fall eines freien Kulturjournalisten erzählt, der bei einer Escort-Agentur anheuert und dort seine Haut zu Markte trägt.

Vielleicht hätte man den Verzicht auf explizite Szenen in diesem Fall auch als besonders originellen Kunstgriff gestalten können – es gab hier aber eine zwingende Notwendigkeit, explizit über Sex zu schreiben: die Tat­sache, dass die Selbstinfragestellung sich beiden Männern nirgendwo so deutlich darstellt wie im Akt des Beischlafs: In «Der Begleiter», wenn der Protagonist zum ersten Mal professionell mit einer Kundin schläft und dann nach und nach eine befremdliche Routine in seinem Tun entwickelt; in «Autopilot», wenn der Held nach dem Unfruchtbarkeitsbefund zum ersten Mal wieder mit seiner Freundin Sex hat, nun aber vor dem veränderten Hintergrund, dass der Akt seine ursprüngliche biologische Aufladung eingebüßt hat.

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Wer dem Geheimnis näherkommen will, wie man auch heute noch über Sex schreiben kann, muss – wohin auch sonst – nach Frankreich schauen. Michel Houellebecq und Catherine Millet sind der Beleg dafür, dass dieses Unterfangen immer an private Geschmacks- und literarische Schamgrenzen rührt und daher umstritten sein muss. Millet entwirft in «Das sexuelle Leben der Catherine M.» ein quasi philosophisches Raster sexueller Praktiken, dem gerade Frauen immer wieder nachgesagt haben, höchst unerotisch zu sein. Die Tatsache, dass die geschilderten Erlebnisse nicht in der chronologischen Reihenfolge einer Entwicklungs­geschichte präsentiert werden, sondern als wiederkehrende Muster promiskuitiver Verhaltensweisen, entpsychologisiert deren Darstellung und führt damit zu einer irritierenden Quasi-Wissenschaftlichkeit.

Houellebecqs sexuelle Schilderungen sind als abstoßend, frauenverachtend, unerotisch kritisiert worden. Das Drastische ihrer Darstellung verweist auf die Verlorenheit der Individuen in der liberalisierten Gesellschaft. Statt dass sie in der Erotik einen letzten Freiraum fänden, wird diese im Gegenteil zur erweiterten Kampfzone des Kapitalismus, in der sich das Gesetz der Marktgesellschaft in seiner ganzen Konsequenz zeigt. In beiden Fällen dient Sexualität als Erkenntnismittel. Ihre zugespitzte Beschreibung wird zum Brennglas, durch das ein besonderer Blick auf die Wirklichkeit möglich wird. Das setzt voraus, dass weder die Sexualität noch ihr Vokabular denunziert werden (wie es Elfriede Jelinek in ihrer feministischen Pornografie-Parodie «Lust» versucht hat). Weder Millet noch Houellebecq haben eine «neue Sprache» für das Erotische erfunden – ihre Texte schöpfen im Gegenteil schamlos aus dem Wort- und Bilderschatz, den die Gesellschaft für das Sexuelle zur Verfügung stellt.

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Es gilt also, mit einem Grundirrtum aufzuräumen: Guter Sex in einem Roman ist nicht eine Frage des verwendeten Vokabulars , sondern eine Frage der Perspektive (im Flaubertschen Sinn des Stils: «le style étant une manière absolue de voir les choses»). Es gibt keine Regel dafür, welche sprachlichen Ausdrücke man heute noch verwenden kann und welche nicht. Hochsterile Termini wie «Penetration» können dem Autor genauso zu Sexspielzeugen seines Schreibens werden wie der oft unerträgliche Wortschatz der Gosse von der «Pflaume» bis zum «Kolben».

Alles, worauf es ankommt, ist, aus welcher Perspektive der Text das Geschilderte zeigt, was durch das Brennglas, das jede Sex-Szene in einem literarischen Text ist, erkennbar wird. Im literarischen Text blickt der Leser nicht durch ein voyeuristisches Loch auf eine voll ausgeleuchtete Kopulationsszene, die den Akt als «echten» Koitus erscheinen lässt. In der Peepshow der Literatur fällt das Licht aus einem besonderen Winkel auf die Darstellung, so dass etwas Besonderes beleuchtet wird, sei es durch das Schattenspiel, das sich auf den Wänden rings umher abzeichnet (die Peepshow als platonische Höhle), sei es durch das Licht, das die anderen Gucklöcher drum herum mit den Augen dahinter erhellt.

Von ebensolcher Art ist der Fokus, der sich auch bei den Sexszenen in meinem Roman «Der Begleiter» von selbst ergab. Dabei stellt der Text durchaus den Versuch dar, einen erotischen Gesellschaftsroman zu schreiben. Es ging hier nicht darum, Prostitution als etwas genuin Verachtenswertes zu schildern – schließlich tauscht der Protagonist mit seinen Kundinnen Intimitäten aus, die auch ihm sexuelle Lust bereiten. Aber: Es sind keine privaten Begegnungen, bei denen es um einen Liebesakt im Wortsinn geht. Schon dass die Figur bei ihrem Job unter dem Pseudonym Felix agiert, weist auf den Blickwinkel seiner Erfahrungen hin: Wie ist es, auf Vertragsbasis miteinander zu verkehren? Was sagt dies aus über eine Gesellschaft, in der alles, auch das Privateste, kommerzialisiert ist? Bewusst zeigt der Roman also nur den mehr oder weniger glückenden Vollzug eines Geschäftsakts – von der knapp umschifften Impotenz bis in die groteske Ekstase hinein –, spart aber grundsätzlich die wirkliche Intimität aus, auf die Alexanders (so sein richtiger Name) Geschich­te im Privaten hinzielt. Erst die Abweichung macht das Erotische darstellbar – während aus der glücklichen Normalität kein Erkenntnisgewinn zu ziehen ist.

In «Autopilot» ist es ähnlich – wenn auch vor umgekehrtem Hintergrund. Hier wird eine private Sexszene gezeigt, die aber nur deshalb in den Fokus des Textes gerät, weil sie aus dem neuen Blickwinkel der erfahrenen Zeugungsunfähigkeit geschildert wird. Jahrelang sind Lindberg und seine Freundin miteinander ins Bett gegangen, ein tiefvertrauter Beischlaf, bei dem beide längst nach Autopilot verkehren, bis Lindberg erfährt, dass das normale Zeugungsprogramm bei ihm ausgefallen ist. Erst aus diesem Blickwinkel wird der Akt literarisch erzählbar. Der fremde Blick, den der Held nun auf sein eigenes Tun hat, offenbart etwas, das in der Selbstverständlichkeit der Every-Day-Sexualität untergegangen ist. Er verweist auf die eigentliche Kraft des Sexuellen, jenseits von Lustgewinn und Selbstbestätigung: auf das übersehene Schöpfungspotential, dessen der Zeugungsfähige sich gar nicht bewusst ist. Gleichzeitig weist er damit auf eine Gesellschaft zurück, die Sex zum Dauer-Medienbild hat werden lassen und nur noch den geschmeidigen nackten Warenaustausch der Bilder kennt: eine pornografische Medienrealität, in der es für den Protagonisten plötzlich keinen Sinn mehr gibt.

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Es gibt keinen Safer Sex in der Literatur. Wer dem Sexuellen mit dem Kondom der Andeutungen zu Leibe rücken will, kann sich zwar nicht schmutzig machen, wird aber auch nicht zu tieferen Erkenntnissen vorstoßen. Dass das Schreiben einer expliziten Szene schiefgehen kann – auf solche Risiken und Nebenwirkungen muss sich der Autor einlassen. Wer aber das Sexuelle aus einer spezifischen Perspektive beschreibt – in seiner Abweichung von der Normalität, in seinem Scheitern oder in seiner Komik –, hat gute Chancen, etwas Fundamentales über die Sexualität und die menschliche Existenz überhaupt zu enthüllen.

Du sollst keine Sexszenen schreiben! Dieses Verbot zielt somit vor allem auf eine sexuelle Spielart, von der man wohl tatsächlich besser die Finger lassen sollte: die der seelischen Verschmelzung im romantischen Sinn. Das mystische Glück eines Liebesakts, das auch Liebende in der Realität selten finden, droht sich zu entziehen, wenn man es mit Worten einzufangen versucht. Sein Ort ist die Wortlosigkeit – was aber nicht mit dem Thema Sex zusammenhängt. Doch wenn Literatur die richtige Perspektive wählt und einen fremden Blick auf die Dinge wirft, vermag sie etwas davon aufscheinen zu lassen, ob von einer Epiphanie-Erfahrung beim Betreten einer Waldlichtung, dem Einssein mit der Welt beim Biss in ein Teegebäck oder vom rauschhaften Stillstand der Dinge im Augenblick eines Orgasmus.


Norbert Kron


Norbert Kron
lebt als Schriftsteller und TV-Journalist in Berlin. Er arbeitet regelmäßig für „titel thesen temperamente“ und veröffentlichte soeben das Buch „Ein Zuhause in der Fremde“.

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