Posted On 23. November 2009 By In Litmag, Neuer Wort Schatz II With 993 Views

Neuer Wort Schatz II (10): Benjamin Maack

Nadeln

Benjamin Maack

ZIMMER MIT AUSBLICK

Vorgestellt von Stefan Beuse

ZIMMER MIT AUSBLICK

Drüben
in der Psychiatrie
bekommen die Irren jetzt das Stricken beigebracht.
Sonntags dürfen die Irren Postkarten
an Ballons hängen und fliegen lassen.
Dann ist drüben über der Psychiatrie
der Himmel voll mit Ballons.
Rote mögen sie am liebsten.
Alle Ballons sind rot.

An langen Tagen
trägt der Wind
das Klappern von
Nadeln
in mein Zimmer.

Gedichtrezensionen sind im Grunde absurd. Ein Gedicht ist eine extreme Verdichtung, eine Zuspitzung von Wirklichkeit, ein bestenfalls welthaltiges Konzentrat, ein Brühwürfel, eine Badekugel: Just add water. Das Wasser, natürlich, ist der Rezipient, in ihm entfaltet das Gedicht seine poetische Kraft. Oder eben nicht. Mir jedenfalls passiert es oft, dass der Brühwürfel in seiner silbernen Folie verschlossen bleibt und sich gar nichts verströmt; ein nutzloser Brocken, Fremdkörper, Ärgernis.

Ich will mir ein Gedicht nicht intellektuell erarbeiten müssen, es stößt auf Resonanz oder verhallt. Wenn es erklärt werden muss, um zu wirken, hat es verloren.

Benjamin Maack ist eine Art Punk-Romantiker. Keiner von der Hölderlin-Sorte, eher einer, der die Poesie auch in Multiplexkinos sucht. Der einerseits den Ausverkauf der Gefühle beklagt, wütend, traurig, komisch, der andererseits Oasen errichtet, poetische Inseln, wenn nötig auf dem Grund einer Coladose, und diese Inseln, um mal ein Bild zu verwenden, das Benjamin Maack hassen würde, weil es so aufgedonnert ist, trotzen dem stärksten Tsunami. Der stärkste Tsunami kann ein Werbeblock auf RTL II, eine Gerichtssendung am Nachmittag oder die bigotte Verlogenheit von Biomarkt-Kunden sein. Anders als viele seiner Kollegen verzweifelt Maack nicht am Dreck; er sensibilisiert seine Leser für den Goldstaub darin; er siebt den Schlamm und findet regelmäßig Nuggets (auch wenn er sie wahrscheinlich als ChickenMcNuggets tarnen würde).

„Zimmer mit Aussicht“ ist ein untypisches Gedicht des 1978 in Winsen an der Luhe geborenen Hamburgers, weil es weder mit Versatzstücken der Warenwelt arbeitet, noch einen Beitrag zur Poetisierung des Alltäglichen leistet. Es funktioniert auf einer fast parabelhaften Ebene, und wie eigentlich alles, was je über psychiatrische Einrichtungen geschrieben wurde, spielt auch „Zimmer mit Aussicht“ mit dem Gegensatzpaar „wir“ und „die“, „normal“ und „verrückt“, „hier“ und „drüben“, aber nicht auf moralisierende Weise. Maack sagt nicht „gib acht, der Grat ist schmal, und vielleicht sind die Normalen ja die wahren Verrückten“; in diesem Gedicht geht von der Irrenanstalt ganz ambivalent eine Verlockung und gleichzeitig eine Bedrohung aus. Das Klappern der Nadeln, das als böses Gewisper, aber auch als verführerische Einflüsterung, als seltsamer Lockruf in „mein Zimmer“ dringt, in den Raum also, in dem man sich geschützt fühlt, geborgen, weil alles bekannt und vertraut ist, und dann die roten Ballons, die für Kindheit, Reinheit, aber auch für Träume, für Freiheit und Unbeschwertheit stehen mögen und die am Ende in ihrer Bedeutung gedreht werden, wenn die Stricknadeln nur noch Nadeln sind (und jeder weiß, was mit Luftballons passiert, sobald sie auf Nadeln treffen); das alles sind Bilder, die stets umzuschlagen drohen, auf die man sich nicht verlassen kann. Dann steht die Farbe rot (für das Blut, die Leidenschaft, das Triebhafte) gegen den kleinteiligen Versuch, alles unter Kontrolle zu halten, nicht ausbrechen zu lassen, gefangen zu halten in einem engmaschigen Netz: die Irren bekommen das Stricken beigebracht. Es ist dieser Versuch, einen drohenden Ausbruch zu verhindern, der dem Text etwas so Unheimliches gibt.

„Zimmer mit Aussicht“ ist ein Vexierbildgeflacker, ein Traum, der sich tief in die Seele senkt und etwas mit einem anstellt; ein Ballon mit einer Postkarte dran, einer Botschaft, die in die andere Richtung fliegt, hoch in den Himmel, bis sie nur noch ein kleiner Punkt und schließlich gar nicht mehr zu sehen ist. Du aber erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.

Stefan Beuse

Gedichte mit Neugier und Genuss zu lesen – das ist das Ziel der Reihe Neuer Wort Schatz II, die jede Woche einen zeitgenössischen Text vorstellt. Zusammengestellt wird sie von GISELA TRAHMS und DANIEL GRAF.

Zu Neuer Wort Schatz II (11): Alexandra Bernhardt

Zu Neuer Wort Schatz II (9): Uljana Wolf

Zur ersten Staffel von NWS geht‘s hier

Das Gedicht ist erschienen in:
Benjamin Maack:„Du bist es nicht, Coca Cola ist es“
Minimal Trash Art Verlag, 2004

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