Posted On 27. Oktober 2008 By In Litmag, Neuer Wort Schatz I With 1979 Views

Neuer Wort Schatz (9): Nadja Küchenmeister

anvertraut

Nadja Küchenmeister

du stehst noch einmal hinterm haus


du stehst noch einmal hinterm haus
, es sieht
dich niemand für den augenblick bist du
im sonnenlicht dir anvertraut, dem scharren

deiner füße im sand, dem knacken der zweige
im gebüsch, vom lärm des rasenmähers ab-
gelöst zählst du die mückenstiche auf der haut.

die linien deiner hand, du kennst sie gut,
den himmel kennst du nicht. du folgst dem
schweif des düsenjets. jemand ruft jetzt

deinen namen, zwei silben, die du gerne
sprichst: na-dja, na-dja. du folgst dem schweif
des düsenjets, der sich im tiefen blau verliert.

Ein „kleines“ Gedicht, verständlich und alltagsnah: Eine junge Frau zählt auf, was sie sieht, hört, fühlt – lauter Sinneseindrücke, an den Moment gebunden und scheinbar wenig bedeutsam. Dann schaut sie einem Flugzeug nach und auch das scheint zu nichts zu führen. Schlicht, ist der erste Eindruck. Aber das Schlichte ist so legitim wie das Komplizierte, wenn es genügend Tiefenschärfe besitzt.

Wer in der Literatur ‚Ich‘ sagt, hat ja immer schon die vorgebliche Einheit, die das Pronomen bezeichnet, zerrissen und dieses Ich in (mindestens) zwei gespalten: Sprecher und Besprochener, Erkennender / Erkannter usw. „Denn Ich ist ein anderer“, sagt Rimbaud und deutet auf die Wunde. Aus ihr strömt der Schmerz, der die Dichtung nährt. Aber, und das zeigt sich hier, die Doppelung erzeugt nicht nur Distanz und das Sich selber fremd werden, sondern auch freundliche Koexistenz. Sobald ich mich zum Du erkläre, mir in mir selbst ein Gegenüber schaffe, bin ich nicht mehr allein, sondern habe Gesellschaft, die vertrauteste und allerliebste. So geschieht es in diesem Gedicht, gleich mit den ersten, eröffnenden Worten, und das ist ungewöhnlich.

„du stehst noch einmal hinterm haus“, ein Abschied also, welcher Art, bleibt unklar. Vielleicht eine kurze, schon gewohnte Trennung, denn von Erschütterung, von Gefühlen überhaupt ist nicht die Rede. Geschildert wird ein Augenblick des Für-sich-seins, in dem die Sprechende sich unbeobachtet weiß und einzig sich selber „anvertraut“ ist, eine zauberhafte Formulierung, die das Ich als gleichzeitig schutzlos und schützend, Hüter und behütet darstellt. Dieses Einssein umschließt auch die folgenden Details, das Scharren der Füße im Sand, das Knacken der Zweige. Ein kurzer, inniger Glücksmoment, in dem die Mückenstiche wie die winzigen Übel wirken, die der Mensch angeblich braucht, um das Gute bewusster zu spüren. Dazu Helligkeit, Wärme, Stille: der Rasenmäher lärmt woanders, er stört nicht.

Die dritte Strophe beginnt mit einer Gegenüberstellung: ‚Handlinien‘ und ‚Himmel‘ sind zwar durch Alliteration verbunden, aber durch die Antithese bekannt – unbekannt getrennt. Und natürlich durch den extremen Unterschied der Größe. Doch aus meinen Handlinien, so winzig sie sind, kann ich, wenn ich daran glaube und diese Kunst beherrsche, mein Schicksal lesen. Wenn ich das als Hokuspokus verwerfe, gehören sie aber auf jeden Fall zu meinem Körper und sind ‚ich selbst‘.

Die Linien hingegen, die der Düsenjet in den unermesslichen Himmel zeichnet, geben mir keinen Aufschluss, enthalten keine Botschaft außer: Ferne, das Sehnsuchtswort par excellence. Und schon lässt das Ich sich verführen, es folgt dem Flugzeug, und da ‚mit den Augen‘ weggelassen ist und die Aussage in der letzten Strophe wiederholt wird, wirkt das wie ein Vorsatz, ins Unbekannte, in die Weite aufzubrechen, zumindest in Gedanken.

Aus dem Kleinen geht es übergangslos fort ins Große, ja Unendliche, das Ich genügt sich auf einmal nicht mehr, obwohl es doch bei seinem Namen gerufen wird, dem Namen der Autorin. Sein Klang gefällt der Sprecherin, so dass sie ihn zweimal nicht nur schreibt, sondern spricht, unbekümmert darum, ob ihr das als Eitelkeit ausgelegt wird. Unwillkürlich murmelt der Leser mit, als sei er selbst der „jemand“, der da ruft. Aber eine Antwort bleibt aus.

Trotz aller Informationslücken sieht man Nadja vor sich, wie sie da im Sonnenlicht hinterm Haus steht, ganz eins mit sich, und abwechselnd die Mückenstiche zählt oder ihre Handlinien betrachtet und dann wieder den Kopf hebt, um die Kondensstreifen des Jets zu verfolgen, die bald nicht mehr zu sehen sein werden. Während wir sie betrachten (und gern tun wir das), erinnern wir uns dunkel der These, dass solche Gedichte „auf seltsame Weise sprachlos“ seien, da sie auf Visualisierung zielen, auf den optischen Eindruck, der die Sprache gleichsam hinter sich lässt wie der Düsenjet den Schweif (Ulf Stolterfoht in Bella triste 17).

Ja, da mag etwas dran sein. Aber im Nachvollzug des Augenblicks, den das Gedicht kristallisiert, ist uns das ganz egal.

Gisela Trahms

Zu Neuer Wort Schatz (10): Norbert Hummelt

Zu Neuer Wort Schatz (8): Herbert Hindringer


Das Gedicht ist zu finden in:

poet (mag) 2
Das Magazin des Poetenladens
Hg. v. Andreas Heidtmann
Leipzig 2006
Poetenladen