Posted On 6. Oktober 2008 By In Litmag, Neuer Wort Schatz I With 828 Views

Neuer Wort Schatz (6): Ron Winkler

Gott

Ron Winkler

Atlas der Stiche

Atlas der Stiche

über die Jahre hattest du deine Mückenstiche
auf einer Schaufensterpuppe eingetragen.

denn nichts könne nur Zufall sein,
alles habe System, oder nichtmechanistisch
gesagt: einen Gott im Gepäck.

und jenem System nach sei dein Atlas der Stiche
längst eine nicht zu leugnende eigene Welt.

Ja, der Gott im Gepäck. Kein Haar, sagt die Bibel, fällt ohne seine Zustimmung von unserem Haupte. Könnten wir selbst entscheiden, ließen wir ja das Haar vielleicht lieber, wo es ist, aber wir werden nicht gefragt. Wir müssen uns damit abfinden, im Passiv zu wohnen. Da Gott die Mücken schuf, werden wir gestochen, so ist es eben. Zwar können wir die Mücke erschlagen, und freudig, aber dann sind Patsche und Arm wiederum gottgesteuert, oder, anders ausgedrückt: Teil des Systems. Den Versuch, die Regeln zu entschlüsseln, nach denen das System funktioniert, empfindet das menschliche Hirn als seine vornehmste Marter.

Zu diesem Zweck ist das Du, das hier angesprochen wird, auf eine Idee verfallen, die verschiedene Leute wohl sehr verschieden beurteilen würden. ‚Schrullig‘ wäre vielleicht ein milder Mittelwert. Auf jeden Fall stellt es eine hübsche Übung in Egozentrik dar, die Mückenstiche auf dem eigenen Körper genau zu lokalisieren und dann sorgfältig auf die Puppe zu übertragen.

Naturgemäß kann diese Datenerhebung niemals abgeschlossen sein, solange das Du lebt. Andererseits hofft man doch den Code des Systems bereits zu entschlüsseln, während der Atlas entsteht – worin bestünde sonst sein Nutzen? Allerdings könnte man einwenden, dass jeder Betrachter der Puppe ihr Leser werden kann, also auch ein Nachfahr: Sie ist bereits – nach dem Modell von Schöpfer und Schöpfung – eine eigene Welt geworden, die offen vor aller Augen liegt. Die Frage ist nur: Sagt sie etwas?

Die Voraussetzung dafür benennt das Gedicht in der zweiten Strophe: nichts könne nur Zufall sein. Und das muss natürlich geglaubt werden. Und nur, wenn das geglaubt wird, wird der Atlas der Stiche zur eigenen Welt, nur dann hat die Suche nach Regeln Sinn. Aber wie schön wäre das doch! Und wie gern würde man sich so wichtig nehmen, dass noch die Mückenstiche bedeutungsvoll sind! Der Wahnkranke tut das, er entdeckt Systeme überall: in Autokennzeichen, in Tapetenmustern, in Hausnummern. Immer steht sein Ich im Zentrum und entgeht damit der Marginalisierung. Aber das System kann auch bedrohlich sein, beängstigend, übermächtig.

Das Gedicht stellt uns ein sehr konkretes Bild vor Augen, wir sehen geradezu, wie da jemand die Puppe mit dem Stift betupft, und das nächste Mal, wenn der Mückenstich juckt, denken wir vielleicht an diese Zeilen. Gleichzeitig öffnet die winzige Mücke das Tor zu einem Raum, wie er größer nicht sein könnte: Gott und das Universum nebst allen möglichen Welten wohnen darin, und dieser Kontrast verursacht einen nicht unangenehmen Schwindel. Der Leser fühlt sich vom Hauch des Makrokosmos angeweht, das System scheint zu lächeln, und Platons erhabene Ideen schauen gnädig auf ihr menschliches Abbild, das mittels des eigenen Abbilds Weltschöpfung spielt.

Absurd!, ist vielleicht die erste, spontane Reaktion auf das, was das Du tut. Dabei wird doch nur ein Verfahren geschildert, das jeder täglich vollzieht: Sich selbst abzubilden in Reden, Gedanken und Bildern und sich damit zur Welt aufzubauschen. Zu einer Welt, die System hat, da sich eine wie auch immer beschaffene Macht in ihr manifestiert. Das Bedürfnis danach herrscht ungebrochen, allen Krisen der Religion zum Trotz. Wer weiß, wozu es gut ist!, sagen die Leute selbst bei Nackenschlägen, um sich zu trösten. Hauptsache Sinn! Durch solche Sätze rumpelt Gott, und der Zufall sirrt davon und sticht die Ungläubigen.

Gisela Trahms

Zu Neuer Wort Schatz (7): Jan Christian Elze

Zu Neuer Wort Schatz (5): Uljana Wolf


„Atlas der Stiche“ ist zu finden in:

sprachgebunden
Zeitschrift für Text und Bild
Ausgabe 1, 2005
edition chiméra
www.sprachgebunden.de

Ron Winklers zuletzt erschienener Gedichtband:

Ron Winkler
Fragmentierte Gewässer
Berlin Verlag
Berlin 2007

Ron Winklers Homepage: www.ronwinkler.de