Posted On 29. September 2008 By In Litmag, Neuer Wort Schatz I With 816 Views

Neuer Wort Schatz (5): Uljana Wolf

breut

Uljana Wolf

auf einen alten tornister

auf einen alten tornister

dem beutel geht kein deut voraus
den ich eindeutig heut versteh
dem beutel steht kein deut hervor
wenn ich mich leufig neu verdreh
mit stimme und schnalle
mit faust und kralle
mich ins dunkle leder streck
kunst war leda schwan verreck
ich bin die breut
und nichts gescheut
dem deutel geht kein beut voraus
in neuen heuten geh ich aus

Der alte Tornister! Da liegt er im Winkel der Abstellkammer, verstaubt und eingedellt, und sein Anblick schwemmt eine Flut von Kindheitserinnerungen heran, bittere und süße… So denken wir uns das, wenn wir den Titel lesen, und täuschen uns gründlich. Denn hier wird, wie es scheint, in zwölf Zeilen eine einzige Bizarrerie entfaltet, und zwar eine, die vor allem klingt: ein Liedchen in eu-Dur sozusagen, ein Leudchen. Was, der Schrift nach, abweicht, wie ‚läufig‘, ‚Braut‘, ‚Häuten‘, wird einfach in den eu-Bezirk transponiert und angeglichen und sieht dann merkwürdig schmalbrüstig und schön schräg aus, als handle es sich um die Orthographie von Drittklässlern.

Aber kindlich oder nostalgisch ist hier nichts. Strack und entschieden teilt ein weibliches Ich mit, dass es die Sicherheit des Verstehens im Sinne von Eindeutigkeit aufkündigt. Egal! Erotik ist nun wirklich wichtiger, und damit sieht es trübe aus in der Welt, der der Tornister entstammt. Nichts tut sich im Beutel, obwohl doch die Frau lockt und fordert und ihre Wünsche mit mancher Körperdrehung und dem schönen Doppelsinn von „leufig“ unmissverständlich signalisiert.

Allerdings tritt sie ja geradezu furchteinflößend auf: mit Stimme (schrill, denkt man), Schnalle, Faust, Kralle – da braucht’s schon Unerschrockenheit von Seiten des Mannes. Das Leder, das zunächst ein Rückverweis auf den alten Tornister zu sein scheint und das man sich mürbe, dunkelbraun und abgeschabt vorstellt, färbt sich in dieser Wortumgebung glänzend schwarz.

Und so gewandet steht sie nun da, la Belle Dame sans Merci, und zieht über ‚Leder‘ eine klassische Schwester aus dem mythologischen Abgrund: Leda, von Zeus beglückt, der die Gestalt eines Schwans angenommen hatte. Tausendfach gemalt, tausendfach besungen, aber leider (?) sind die Zeiten vorbei, da ein Göttervater freudig empfangen wird. „schwan verreck“, heißt es bloß. Ein wahres Triumphgeschrei neuer Weiblichkeit wird angestimmt, nichts und niemand scheut diese Braut, die aufs Hergebrachte pfeift und in neuen Häuten ausgeht, die sie sich selbst geschneidert hat. Und was immer „dem deutel geht kein beut voraus“ heißen mag außer dem Scherz der Umkehrung der ersten Zeile, am Selbstbewusstsein der Sprecherin gibt’s jedenfalls nichts zu deuteln.

Dies alles wäre natürlich nervend und ziemlich unerträglich, wenn es auf die feministische Fahne gestickt daherkäme. Aber so ernst ist es glücklicherweise nicht gemeint. Voller Selbstironie probiert das Ich den forschen Gang auf High Heels und geriert sich als Femme fatale, der die Männer nicht gewachsen sind. Die Sprache tänzelt und erheitert sich an sich selbst und lacht über tradierte Rollenbilder und jene korrekten Wörter, die den Duden füllen. Wozu muss man denn alles verstehen? Wozu soll man regelgeleitet reden, wenn es doch viel phantasievollere Möglichkeiten gibt, wenn man singen kann? Und über so trockene Gegenstände wie Schule und Lernen schweigt das Gedicht schon ganz und gar. Sie sind einfach alt, die alten Tornister, eines Tages taugen sie nicht einmal mehr für sentimentale Seufzer und das, bestätigen wir heftig nickend, ist auch gut so.

Gisela Trahms

Zu Neuer Wort Schatz (6): Ron Winkler

Zu Neuer Wort Schatz (4): Jürg Halter


„auf einen alten tornister“ ist zu finden in:

Uljana Wolf
kochanie ich habe brot gekauft
Kookbooks, Berlin 2006

Autorinnenfoto: Timm Kölln