Posted On 3. April 2013 By In Litmag, Neuer Wort Schatz III With 1011 Views

Neuer Wort Schatz 3: Sünje Lewejohann

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Sünje Lewejohann

Salzbleich

Vorgestellt von Carolin Callies

 

Salzbleich

Salzbleich/ Wäre ich eine Taube, ich hätte kein
Gesicht. Ein Schnäbelchen nur und zwei
punktgroße Augen.  Bliebe ein nacktes, ein
immernacktes Ich. Nur in manchen Träumen
triebest du mit dem Strandgut an das Ufer. Läge
ein salzblasser Körper zwischen Tang und
Feuerstein. Geschliffenes Glas an Zehen und
Scheitel. Mit den Klauen kratzte ich diesen
Umriss nach. Ein Halbmond auf deinem
Gesicht. Dann böte ich gurrend meine Gurgel
feil.

Und rupfte man mir die Federn aus, bliebe mir
ein feines Knochengerüst zum Wandeln
zwischen Dachziegeln und Lehm. Zum Picken
mit knöchernem Schnabel. Zum Flügelrasseln
und zum Zeichensetzen in feinem Waldmulch.
Als letztes noch würde ich mir ein
Menschengesicht schnitzen, eine Stirn, zwei
Augen, Nase, Mund. Ich schnitzte mir ein
schiefes Lächeln hinein, ein Grübchen und eine,
nur eine einzige, ausgefallene Wimper.

 

Die Schönheit des Paradoxen

In der Literatur ist schon vieles passiert: Midas hat sich in einen Esel verwandelt, ein Frosch in einen Prinzen und Gregor Samsa in einen Käfer. Dieses Gedicht von Sünje Lewekohann mit dem Titel „Salzbleich“ ist das eines Ichs, das überlegt, eine gesichtslosen Taube zu sein, die sich „als letztes“ ein Menschengesicht schnitzt. Es beginnt also mit einer Tierverwandlung und endet mit einer Gesichtsbehandlung.

Die Taube, so behauptet das Ich, hätte kein Gesicht, aber „ein Schnäbelchen nur und zwei punktgroße Augen“ – ein glatter Widerspruch in zwei aufeinander folgenden Sätzen, ein Paradox. Aus mehr als aus einem Schnabel und zwei Augen besteht ein Taubengesicht nun mal nicht. Und das Gedicht endet wiederum mit einer solchen scheinbar unsinnigen Behauptung: Das Ich würde sich „ein Menschengesicht schnitzen, eine Stirn, zwei Augen, Nase, Mund. Ich schnitzte mir ein schiefes Lächeln hinein, ein Grübchen und eine, nur eine einzige, ausgefallene Wimper.“ Wie sieht eine ausgefallene Wimper geschnitzt aus?

Was also ist die Schönheit des Gedankens dieser ersten und letzten Zeilen? Oder die der Zeilen von Günter Eich, ebenfalls tierisch wie paradox: „Was ich schreibe, sind Maulwürfe, weiße Krallen nach außen gekehrt, rosa Zehenballen, von vielen Feinden gern als Delikatesse genossen, das dicke Fell geschätzt.“ Was ist es? Es liegt daran, dass sie das Nichtmögliche als das Mögliche begreifen. Das ist es, was Sprache ureigens vermag: das Nichtmögliche zusammenzubringen, die Realität per Worten ad absurdum zu führen, um wieder auf sie zurückzukommen. Es ist die Lust an dem Gedanken, dass etwas ist wie etwas anderes, das x zu einem y machen, wie Raoul Schrott für die Metapher formuliert hat: „Daß etwas wie etwas anderes ist, dieses Aha-Erlebnis, macht das Vergnügen an einer Metapher und ihrer Erkenntnis zugleich aus. Darin steckt die elementarste Form der Sinnstiftung, die wir kennen. Das Neue wird erst durch das Bekannte greifbar, weil wir Dinge immer nur durch den Vergleich mit andren Bereichen des Denkens erklären können.“ Literatur (und Lyrik insbesondere) sind das absolute „was-wäre-wenn-Spiel“. Das zeigt sich grammatikalisch auch gerne an der Verwendung des Konjunktiv oder der Hilfsverben, die eine Möglichkeit erörtert: wäre, hätte, könnte. Wie hier bei Sünje Lewejohann, aber auch bei Ron Winkler („wie würde, gesetzt es ginge, der Mai sich beschreiben?“, aus „après Ski und Eisheiligen: Maiwiese (-weise)“) oder bei Kenah Cusanit. („als stehe der tisch zweimal // da, sei das feld ferner als sonst“, aus „weiter“).

Aber weiter im Gedicht von Sünje Lewejohann: Was hat es auf sich mit dieser Taube, die sich der Logik entzieht und doch einer Logik folgt? Tauben als „Ratten der Lüfte“ sind oft mit Ekel verbunden. Ich selbst bringe sie mit zweierlei in Verbindung: mit dem Land, wo der Ruf der Ringeltaube an ihrem fünfhebigen „Guru-ru-ru-ru“ zu erkennen ist und womit sie also gesichtslos bleibt; und mit der Stadt, wo sie in Massen den Brotkrumen hinterher rennt und verkrüppelte Fußreste hat. Die Taube, die das lyrische Ich hier zeichnet, ist ebenfalls disparat: gesichtslos und gesichhabend gleichzeitig, unwissend („Wäre ich eine Taube, ich
 // wüsste nichts“) und damit naiv oder dumm, „immernackt“, also immerzu verwundbar und verletzlich.

Auf einmal taucht ein „Du“ auf, ein einziges Mal nur, zwischen Unrast, „Tang“, „Feuerstein“ und „Glas“ gestrandet. Wie ist die Taube an den Strand gelangt? Die folgende Zeile „Dann böte ich gurrend meine Gurgel feil“ ist der Höhepunkt des Gedichts, in der starken Alliteration von „gurrend“ und „Gurgel“, die genau in der Mitte des Gesichts steht, und diesem drastischen Bild der Selbsthingabe, das vampirische Züge trägt. Die Taube gibt sich dem Du gegenüber, der nur ein lebloser Körper ist, devot und unterwürfig.  Die Selbstgeißelung, Selbstkasteiung geht weiter: „Und rupfte mir die Federn aus, bliebe mir ein feines Knochengerüst“. Eine Häutung bis auf die Knochen („knöchern“). Das Ich, das gesichtslos sein möchte, häutet sich bis auf das Knochengerüst: körperlicher und körperloser gleichzeitig geht es nicht mehr. Und in diesem Moment schnitzt sich das Ich ein Gesicht, eine weitere Identität. Selbst hier ist das Lächeln nur „schief“. All das deutet in seiner starken Körperlichkeit und in der Fixierung auf das „Du“ darauf hin, dass es sich hierbei um ein Liebesgedicht handelt, um eines, das von einer hingebungsvollen wie vergeblichen Liebe erzählt.

Viele weitere Worte kommen neben der Taube gleich mehrfach vor: Knochen, Salz, Gesicht, Schnabel, nackt und Augen. Zentral, weil im Titel vorkommend und ein zweites Mal im Gedicht selbst, ist das Wort „Salz“, jeweils zusammengesetzt zu „Salzbleich“ und „salzblasser Körper“, mit dem das Du dargestellt wird. Ist Salz hier der Farbgeber? Oder konservierender Stoff? Man bleicht mit Salz, man kann so weiß sein wie Salz. Ist er Körperstoff – als Träne oder Schweiß? Die Fragen bleiben, führen mich aber weiter, denn ein Gedicht führt zum nächsten. Zufällig las ich in diesen Tagen Paul Celans „Schlaf und Speise“, in dem „Salz“ und „Wimpern“ ebenfalls vorkommen: „Sie kämmt dir das Salz aus den Wimpern und tischt es dir auf, // sie lauscht deinen Stunden den Sand ab und setzt ihn dir vor.“ Mit „Sie“ ist hier die Finsternis gemeint („die Finsternis legt sich zu dir“) – ein Gedicht, das also in eine ganz andere Richtung als die von Sünje Lewejohann führt, wenn auch ebenfalls in eine melancholisch-düstere.

Dieses Gedicht „Salzbleich“ von Sünje Lewejohann ist also eine traurige Liebesgeschichte und gleichzeitig ein düsteres Horrormärchen. Das Ich macht mehrere Metarmorphosen, mehrere Wandlungen durch. Damit führt es auch in die Phantastik, führt zu Assoziationen der phantastischen und mythische Halbwesen wie Vampire, die sich an der „Gurgel“ laben, wie Frankenstein, der einen Körper, ein Gesicht gebaut bekommt, oder wie ein Golem, das aus „Lehm“ geformt wurde.

Ich schätze die Lyrik Sünje Lewejohanns sehr, in der sich stets Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, in einer paradoxen wie schaurigen Märchenwelt. Wie ich Gedichte des Unmöglichen per se schätze. Denn die Schönheit des Paradoxen verweist auf ungeahnte Zusammenhänge, mögliche Verbindungen und wundersame Ähnlichkeiten. Das ist es, was Kunst vermag: nicht Abbildung dessen sein, was ist, sondern dessen, was möglich wäre.

Carolin Callies

In Fortsetzung der Neuer Wort Schatz Reihe von Gisela Trahms lesen Sie hier von nun an Neuer Wort Schatz III, jede Woche eine Gedichtrezeption. Die Beiträge werden zusammengestellt von Carolin Callies und Yevgeniy Breyger.

Zur ersten Staffel von NWS geht‘s hier, zur zweiten Staffel hier.

Aus: Sünje Lewejohann: in den Hirschen. Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2013.

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