Posted On 1. November 2017 By In Litmag, News, queerNOTqueer, Specials With 577 Views

Moritz Simons: Manifest Hybrosexueller Freiheit

Moritz Simons

Manifest Hybrosexueller Freiheit

 

hybrid [lat.], allg.: aus Verschiedenem zusammengesetzt, gemischt;

von zweierlei Herkunft; zwitterhaft

Die beschleunigte Entwicklung westlicher Gesellschaften, durch Wissenschaft und Aufklärung, Technologie und Kapitalismus, hat Freiräume sexueller Vielfalt eröffnet, ohne jedoch zuerst eine notwendige liberale Grundeinstellung zu verankern. Die überholte, historische Auffassung männlich projizierter und produzierter Geschlechtsidentität ist weiterhin bestehendes Lot menschlicher Verweisung und dient der Erkennung von Abnormen; trotz Sozialisierung und Politisierung des Feminismus und Lesbianismus, trotz der Öffentlichkeit von Homosexuellen-Bewegungen, trotz der sexuellen und neosexuellen Revolution. Nur in manchen ›westlichen‹ Metropolen scheint nicht-normative Sexualität zu Teilen akzeptiert zu sein; es sind Zonen, in denen eine quasi-liberale Gesellschaft ein Nebeneinander akzeptiert; Multikulturalismus statt Transkulturalismus.

Solange ein Mensch die Verpflichtung empfindet, sich outen zu müssen; solange ein Mensch, zur besseren Einordnung eines Menschen, ihn anhand seiner Sexualität klassifiziert; solange ein Mensch, der zwischen den Geschlechtern steht, sich für eines entscheiden muss, und solange er verachtet wird, wenn er nicht einem Einzigen entspricht: solange müssen die antiquierten, gesellschaftsgliedernden Systeme dekonstruiert werden!

Der Heterozentrismus in seiner Verneinung aller nicht der heterosexuellen Norm entsprechenden Sexualitäten; die zweigeschlechtliche Auffassung des Binarismus in seiner simplen Unterteilung der Geschlechter in ›Mann‹ und ›Frau‹; der Phallogozentrismus in seiner Reduktion des Binären auf die Vorherrschaft des ›Männlichen‹ und seiner Diffamierung des weiblichen Subjekts. Diese Denkmodelle gehören der Vergangenheit an! Sie haben Unheil und Zerstörung gestiftet, Leben unterdrückt und vernichtet und tun es noch immer!

Noch besteht die Gelegenheit, die Träger der vorherrschenden Systeme zu dekonstruieren, bevor sich ihre Struktur sexueller Gesetzmäßigkeiten irreversibel verhärten wird. Diese Verhärtung wird in einer Gesellschaft abseits ehemaliger Auffassungen von Sexualität münden: Sie wird ihre neue Befriedigung im Ausleben von Aggressionen erfahren.

Um dies zu verhindern, um die Sexualität der westlichen Gesellschaft zu befreien, zu reformieren und zu liberalisieren, werden die exklusiven, konfigurierenden Systeme zersprengt und in einem Akt der Hybridisierung erneuert. Aus ihren Ruinen wird eine neue, zukünftige und liberale Fluidität hybrosexueller Freiheit erschaffen.

Die Normierung der Geschlechter hat in westlichen Gesellschaften die Funktion den Binarismus aufrecht zu erhalten: Sie definiert den Unterschied zwischen Mann und Frau. Diese Unterscheidung ermöglicht eine soziale, physische und psychische Klassifizierung, einen ›Kolonialismus‹ der Körper, zur Einordnung und Einschätzung der Menschheit.

Durch das inklusive Verhalten einer Norm geht ihr ein exklusives voraus. Alles was über die Norm hinaus geht, gilt als abnormal, nicht der Norm entsprechend. Um die Varianz der geschlechtlichen Möglichkeiten wahrzunehmen, braucht es besagte Norm.

Die binäre Normierung agiert nicht als übergeordnete Begrifflichkeit, sondern als untergeordnete Basis. Die Norm ist Humus, der nicht in einem Nebeneinander, sondern einem durchmischten Ineinander besteht. Erst die Durchmischung und die darin begründete Auflösung lässt eine Variabilität zu, aus der Neues und Wahrhaftiges entsteht. Das Individuum, das sich entgegen seines biologischen Geschlechts empfindet, ist nicht abnormal, sondern der Norm übergeordnet.

Das Individuum wird als hybrider Mensch geboren – es ist das Erzeugnis einer Zusammenkunft von weiblichen und männlichen Elementen – und trägt somit beide Geschlechter in sich. Die Medizin aber zerteilt es in ›Mann‹ oder ›Frau‹. Ist das Individuum weder das eine noch das andere – intersexuell – so wird es auf ein Geschlecht reduziert. Hermaphroditismus wird beseitigt, als widernatürlich angesehen und behoben. Der Säugling soll klassifiziert sein. Doch niemand hat das Recht, das Geschlecht eines anderen zu bestimmen, geschweige denn es zu formen!

Das Individuum begreift sich als ein geschlechtloses, um sich von der radikalen Klassifikation, ihrer Reduktion und Exklusivität zu emanzipieren. Von diesem selbstgeschaffenen und reflektierten Nullstand aus kann es die Vielfalt einer Wahl aus den universellen Möglichkeiten der Sexualitäten erfahren und diese in den eigenen Körper, in das kognitive Archiv einschreiben.

Durch die Durchmischung und Auflösung der binären Norm entwächst ihr eine unendliche Vielfalt. Diese Vielfalt zeichnet sich durch die geringsten Nuancen in der Wahl der Gewichtung zwischen allen erdenklichen Geschlechtern aus.

Aus der gemeinsamen Indifferenz der geschlechtslosen Körper entsteht durch die individuelle Wahl aus der universellen Mikrovariabilität Differenz. Sich zu differenzieren bedeutet, die Zusammensetzung der eigenen Mikrovariabilität als Ganzes zu erfassen und in sich und durch sein Gegenüber bestätigt zu bekommen. Differenzierung bedeutet die Erkenntnis und universelle Akzeptanz der Varianz, eines ›Exotismus‹ des Anderen.

Differenzierung ist kein negatives ›Sich-Abgrenzen-Von‹. Die negative Energie schürt in ihrem exklusiven Verhalten Hass. Hass aber ist in zwischenmenschlicher, geschlechtlicher Hinsicht unzulässig. Er richtet sich gegen jene, die das antiquierte heteronormative und phallozentrische System als einzig wahres, unverrückbares verteidigen.

Die Zuordnung und Einordnung in Erkennungssysteme zur Reduktion von Komplexität ist im gesellschaftlichen System tief verankert (ob durch Rassifizierung, Sexualisierung, Kolonialisierung etc.). Die normierende Kategorisierung von Sexualität ist ein historisches Konstrukt der binären und heterozentrischen Geschlechterordnung, die auch auf Homo- | Bi- | Inter- | Trans*sexuelle und weitere übertragen wurde; sie ist statisch.

Hybrosexualität beruht auf der Fluidität des Geschlechts, seiner ständigen Möglichkeit des uneingeschränkten Wandels in Rückgriff auf das individuelle, rhizomatische, eingeschriebene Archiv. Eine fixierte Geschlechtszuschreibung verhindert das gelöste Ausleben der unbeständigen Sexualität.

Eine andauernde Zuordnung ist nie gegeben, da sich das Individuum zu jeder Millisekunde entscheiden kann, die Variablen des eigenen Geschlechts – entsprechend seines Empfindens – neu zu justieren. Es ist die flexible Erkenntnis multipler und wandelbarer Geschlechtlichkeiten.

Sex wurde durch die heterozentrische und phallozentrische Auffassung zu einem Idiom, das seine Erfüllung in der männlichen Penetration der Frau zur Zeugung von Nachkommen erfuhr. Sex ist keine Voraussetzung mehr zur Zeugung von Nachkommen. Sex ist keine Reduktion auf Penetration, ob im hetero- oder homonormativen Kontext, ob vaginal, anal, oral.

Hybrosexualität empfindet Sex in einem universellen, experimentierfreudigen und transhumanen Kontext neu. Das sexuelle Erleben ist von antiquierten Vorstellungen losgelöst. Es beginnt in einem immer neuen Aushandeln und Erfahren der fluiden Möglichkeiten des universellen Zwischenraums. Es ist immer Novum!

Sex beginnt in einer Wahrnehmung, ob interozeptiv oder exterozeptiv; ob taktil, olfaktorisch, gustatorisch oder auditiv | visuell. Das Auslösen von elektrischen Schwingungen der Synapsen – die Übertragung von Erregung. Erregung gipfelt nicht im Orgasmus, der ein vorläufiges Ende des energetischen Austauschs bedeutet. Sex ist ein andauernder Austausch energetischer Schwingungen, zur Steigerung positiv universeller Wahrnehmungen.

Die gängigen Praxen subversiven Protests sind unwirksam. Adaption und Reformierung, Durchmischung oder Neukodierung bestehender Attribute des hegemonialen Systems eröffnen nur noch eine geringe Potenz aufbegehrenden Ausdrucks. Dieses Verfahren ist zu einem modisch akzeptierten, populären Phänomen, zu Kulturen, und somit antiquierten Bestandteilen gesellschaftlicher Sichtbarkeiten und Repräsentationen geworden.

Will das Individuum in dieser, von aggressiver Kommunikationskultur geprägten Gesellschaft, wirken, muss es sich in seiner Darstellung, seinem Habitus, seiner Erfahrbarkeit noch bestimmender abheben und Zeichen setzen, um Aufsehen zu erregen und Diskurs anregen zu können.

Um die unerschöpfliche Wandelbarkeit des hybriden Körpers zu ermöglichen, befreit sich das Individuum erst von Attributen seines festgelegten Biogeschlechts; es reduziert seinen Körper. Dieser Zustand ist Nullstand, ist eigenmächtige Antisexualität: Das Individuum steht im Off der sexuell erfüllten Welt, ist an sich nichts und doch alles und betrachtet von seiner Warte aus das Treiben der Wechselwirkungen. Von diesem Nullstand aus kann es frei, eine seinem Gefühl entsprechende Variation der Variablen erkennen und sein Geschlecht konstruieren, aus seinem Selbst heraus transferieren und Diversität in sich einschreiben.

Performance führt zu Diskurs, Diskurs zu Erkenntnis, Erkenntnis zur Eingliederung in ein neues, hybrosexuelles, universelles und damit grenzenloses System. Es ist an der Zeit, das neue Äon universeller Akzeptanz individueller Geschlechtlichkeiten und Sexualitäten auszurufen!

Die sechs Thesen des Manifests Hybrosexueller Freiheit bedeuten einen wandelbaren Anfang. Das Manifest empfindet sich entsprechend seiner Thesen: es ist fluide und erweiterbar, es will hybridisiert werden. Die sechs Thesen dienen als Basis, auf der, in gemeinsamer Erarbeitung, weitere Ausführungen folgen werden, folgen müssen. Denn der Zeitpunkt seiner Entstehung ist mit seinem Abschluss überholt. Das Manifest ist kein Teil einer Vergangenheit, sondern – in seinem Anspruch auf fluide Wirklichkeit – ein zukünftiges.

Um eine Hybridisierung weiter voranzutreiben, um einem fluiden Denken und Forschen Raum geben zu können, sei jede*r angesprochen mitzuwirken: proceed@hybrosexual.com

Ausführungen dieser nie abzuschließenden Entwicklung werden auf www.hybrosexual.com veröffentlicht.

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[Vorschau auf: Moritz Simons, Manifest Hybrosexueller Freiheit, in: Claudia Reiche, Andrea Sick (Hgs.), DEBATTERIE! Antagonismen aufführen, Bremen (thealit) 2018]

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Moritz Simons, geboren in Bonn, war Ensemblemitglied des Jungen Theater Bonns, bevor er Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste, Essen studierte. 2016 gründete er den temporären Ausstellungsraum SFSEX [Studio for Subjective Experiences]. In Zusammenarbeit mit Maximilian Schneider erarbeiteten sie drei Gruppenausstellungen mit insgesamt 16 Künstler_innen*, deren Positionen u. a. sexuelle Diversität und Subjektwerdung in einer anhaltend restriktiven Gesellschaft reflektierten.

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