Posted On 22. April 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 1107 Views

Michael Zellers Seh-Reise (98): Richard Long

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Circle in Huesca a 5 Day Walk in the Pyrenees” von Richard Long.

long_Circle

Tagtraum in den Pyrenäen

„So ‘nen S-tein musst du kaputt kieken, nich kaputt hauen.“ Es war in Lauenburg an der Elbe, wo mir ein alter Steinmetz diese Regel seines Handwerks verriet. Die Mauern und das Straßenpflaster der Altstadt dort bestehen aus Granit, in allen Farben, wie er nach der Eiszeit von Skandinavien herunter südwärts geschoben und gerollt wurde, und ich konnte schwer verstehen, wie man es geschafft hatte, dieses harte Gestein zu handlichem Baumaterial zu zertrümmern.

Kieken – nicht hauen. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich mir jetzt Richard Longs Kunstkarte von seiner – ja – Plastik in den Pyrenäen anschaue. Wobei es ihm, dem englischen Landschaftskünstler, überhaupt nicht ums Mauern geht. Ihm reicht das bloße Sammeln und Anhäufen. Aber Kieken muss auch er, und das nicht zu knapp, wenn er sich auf seine Fuß-Wanderungen macht, um mit dem vor Ort aufgefundenen Gestein seine Figuren zu bauen, einen Kreis, eine Gerade.

Dieser Kreis hier, von lockerer Umrisslinie, rundet sich auf einer kleinen Hochebene in den spanischen Pyrenäen. Die Berge im Hintergrund liegen zum großen Teil noch unter Schnee. Richard Long hat auf einer mehrtägigen Wanderung im Gebirge diesen Fleck schneefreier Ebene entdeckt und in seiner bildnerischen Qualität erkannt. Um diese karge Schönheit zu sich selbst zu bringen, setzt er ein Zeichen. Nicht von außen, sondern aus den eigenen Beständen. Der Naturbildhauer sammelt die herumliegenden Steine, mit seinen Händen (wie auch sonst?), und legt sie in Kreisform aus. Indem er dem Gelände den Stempel einer menschlichen Grundform aufprägt, den Kreis, belebt er ein Stück öder Natur, ohne Mensch und Vieh weit und breit, zumal in dieser Jahreszeit. Er steckt seine Kraft und Anstrengung und Zeit, all sein Können hinein – wozu? Um zu zeigen, dass hier, fern von allem, ein Mensch gewesen sei. Das Goethesche „Auch ich in Arkadien“ vielleicht?

Das ist es mit Sicherheit auch, als ein Dank für die Schönheit der Welt, selbst noch in ihren unwirtlichsten Winkeln, Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, das uns gegeben ist für eine Weile. Und dieser Dank will jubeln, er will Form finden, so ist der Mensch gemacht. Ein frommer Mensch würde still und spräche ein Gebet. Einen Künstler macht der Dank aktiv und tätig. Er baut etwas, wie das Kind am Meeresstrand seine Sandburg buddelt, aus Lust am Spiel, Freude an der eigenen Geschicklichkeit.

Richard Long legt eben Steine aus, in der Einsamkeit des Wanderns, allein mit sich, seinen Gedanken und Träumen, bildet einen Kreis – die Idealform geometrischer Vollkommenheit, das Symbol des Bleibens. Zusammengetragen aus dem, was hier so herumliegt ohne Nutzwert, nach dem schieren Zufall der Witterung, der Klimazone. Kein Mensch beobachtet ihn dabei, und nur ganz wenige Menschen, Wanderer oder Hirten, werden eines Tages Longs Werk entdecken und wahrnehmen, solange es hält: Hier ist, vor unbestimmter Zeit, jemand gewesen und hat gespielt. Ein Künstler.

Natürlich hat Richard Long immer sein Fotogerät dabei und hält seine Spuren fest, die er ins Leben legt. Und wenn dann irgendwann ein Betrachter, in einer Galerie oder einem Museum, vor diesem Abbild steht, sieht er ein Werk von außerordentlicher Schönheit, von einer formalen Ausgewogenheit mit seiner natürlichen Umgebung, die dem britischen Landschaftskünstler in Kunstkreisen weltweites Renommee und zahlreiche Preise eingetragen hat.

Präziser könnte man eine Fotografie in einem hochgerüsteten Studio nicht komponieren: In der Mitte ragt ein nackter Berg, unter den Resten von Schnee, der sich in weiße Höhen verliert. Davor die kleine Ebene aus bloßer Erde, mit Steinen übersät. Nur vorne sind sie, wie nebenbei, zu einem Kreis arrangiert. Und alles überzogen vom Grau in Grau eines lichtlosen Wintertags. Mehr nicht.

Wie einfach Kunst sein kann, wie schön. Um sich darin zu verlieren und als ein anderer wiederzufinden.

Ja! Und eines Tages wird aus dem Schnee ein bunter Kiesel ans Licht kommen und zu Tal kullern, zu uns. Es muss nur ein bisschen wärmer werden in der Welt …

Michael Zeller

Richard Long: Circle in Huesca a 5 Day Walk in the Pyrenees. 1994. Dortselbst.

Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

Tags : , ,