Posted On 4. März 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 1815 Views

Michael Zellers Seh-Reise (94): Georg Friedrich Kersting

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Lesender bei Lampenlicht” von Georg Friedrich Kersting.

KerstingLesender

Der Schatten an der Wand

Einer, der im Kopf auf Reisen geht, fiel mir spontan ein, nachdem die Kunstpostkarte „Lesender bei Lampenlicht“ vom Stapel gefallen war, ein kleines Ölbild von Georg Friedrich Kersting. Ein Thema, dass es mir warm wird ums Herz. Einen Menschen eine Woche lang zu beobachten bei der subtilsten Art der Fortbewegung: dem Lesen …

Doch von Wärme nicht die Spur beim morgendlichen Aufbrühen meines Tees. Von Tag zu Tag verkühlte ich mich mehr an diesem grünlichen Aquarium, ähnlich dem Unterwasserbecken eines Zoos. Statt exotischer Fische darin ein Schatten an der Wand, eine diffus gestreckte Gestalt, und ich kam nie mit mir ins Reine: Entsteht die Figur lediglich aus den Schatten, die Lampe und Lesender werfen, oder ist es nicht doch eine frei erfundene Figuration dessen, was da gerade im Kopf des Lesenden geschieht – eine Hieroglyphe dieses geheimnisvollen Prozesses Lesen, das Menetekel einer „Schrift an der Wand“?

Auch, dass das Regal leer von Büchern ist, irritierte mich. Ich fand, hinschauend, keinen Grund, warum dieses mächtige, dunkle Möbel, das dem Lesenden wie ein Alptraum im Nacken sitzt, offenbar seine Funktion verweigert. Nimmt ein Drittel des Bildes weg, drückt den an sich schon bescheidenen Raum um den Lesenden noch einmal zusammen, dass der sich, eingezwängt zwischen Sessel, Buch und Lampe, kaum mehr rühren kann. Merkwürdiges Lesen! Klaustrophobische Enge eher als die sich öffnende Weite eines Ideen-Himmels.

Das Bild als eine gemütliche abendliche Lesestunde mit zu genießen, gelang mir nie. Dabei war doch alles dazu da: Das bürgerlich elegant eingerichtete Lesezimmer, von biedermeierlicher Intimität. Im Mittelpunkt ein Mann um seine Dreißig, unabgelenkt auf das Buch vor ihm konzentriert, eine braune Wolldecke über die Beine gelegt. Nichts zu entdecken, was seine Muße stören könnte. Die eine Hand stützt den Kopf ab, indem sie ins wohlfrisierte lange Haar greift, die andere ruht auf dem Buch. Die junge Dame im Lederrähmchen links von der modischen Empire-Lampe ragt als wohltuende Erinnerung an ein Draußen hinein in seine Lesewelt.

Ebenso bequem wollte ich es mir als Betrachter auch machen in der biedermeierlichen Idyllik dieses zeit- und weltverlorenen Lesens, doch es gelang mir nur für Momente. Immer wieder wurde ich hinaus geworfen. Der Maler sendet zu viel verstörende Unstimmigkeiten aus, die mich vor Fragen stellten. Nicht nur der leere Bücherschrank. Wozu sind die drei Schachteln gut? Was gehört in den roten Kasten links, der so demonstrativ geöffnet ist? Und dann, immer wieder: Wie habe ich diese dominante Schattenfigur in lichtem Wassergrün zu deuten?

Da geht es doch nicht mit rechten Dingen zu!

Erst als ich heute Morgen den „Lesenden“ aus seinem Rahmen befreie, um ihn, darüber schreibend, mit auf die SEH-REISE zu nehmen, gehen mir die Augen nicht nur auf, sie gehen mir über.

Georg Friedrich Kersting hat, sehe ich, sein Bild 1814 gemalt, genau in dem Jahr, in dem Adalbert von Chamisso seinen „Peter Schlemihl“ veröffentlicht. Seit Tagen lese ich, in einem anderen Zusammenhang, diese wahrlich „Wundersame Geschichte“ wieder, in demselben Reclam-Heftchen, in dem ich sie als Untertertianer vor einem halben Jahrhundert kennengelernt hatte. Muss ich sagen, worum es da geht? Um einen jungen Mann, im Alter von Kerstings Lesendem, der seinen Schatten verkauft an einen Mann im „grauen Rock“ (natürlich der Teufel) gegen ein unerschöpfliches „Glückssäckel“ voller Dukaten. Danach ist er zwar reich wie Hans im Glück, doch zeitlebens muss er ohne seinen Schatten durchs Leben gehen und wird deshalb von aller Welt gemieden. Zuletzt verliert er deswegen auch noch seine Herzallerliebste (die im Lederrähmchen?) und bleibt verlassen und allein zurück.

1814: In einem Jahr thematisieren zwei annähernd gleichaltrige deutsche Künstler das Thema schattenhafter Existenz, der Schriftsteller Chamisso in Berlin und der Maler Kersting in Dresden. Sie können voneinander nichts gewusst haben, und doch treibt sie, in aller Verschiedenheit, das Gleiche um.

Welche Unsicherheiten, welche Ängste haben da auf den Seelen zweier empfindlich-empfindsamer Menschen in deutschen Landen gelegen, die wir Heutigen aus dem Abstand von genau zweihundert Jahren als die Epoche des Biedermeiers einordnen – die „gute alte Zeit“ behaglichen Bürgertums? Für die, die die Antennen dafür hatten, muss sie voller Dämonie gewesen sein, von unergründbarer Rätselhaftigkeit. Die Schattenexistenz ist dafür eine sehr brauchbare Chiffre. 1814: Da war Kersting gerade aus den „Befreiungskriegen“ zurückgekehrt, tief enttäuscht, in die er sich als Freiwilliger in schäumender Begeisterung hineingeworfen hatte, bei Lützows Jägern, wie die besten seiner Generation, Maler, Dichter, Akademiker.

Schade. Hätte ich doch unter dieser Woche schon etwas von der schriftstellerisch-malerischen Parallelaktion Kersting-Chamisso gewusst! Es wäre ein reicheres Schauen geworden.

Michael Zeller

Georg Friedrich Kersting: Lesender bei Lampenlicht. Öl auf Leinwand. 47,5 x 37 cm. 1814. Museum Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur.

Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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