Posted On 28. Januar 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 2682 Views

Michael Zellers Seh-Reise (90): Edward Hopper

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Sonne in einem leeren Raum” von Edward Hopper.

Hopper_sun

Echnatons Song of Sun

Bei jedem Blick unter der Woche auf dieses dreifache Licht ist es hell und warm geworden in mir und in meiner Küche, dass es mir diesmal schwerer gefallen ist als sonst, die Quelle einer stillen Freude nach sieben Tagen abzuhängen.

Vielleicht war mir beim Hinschauen das geschenkt worden, was man einen „erfüllten Augenblick“ nennt: An ein Vorher und ein Nachher ist nicht zu denken. Gibt es das denn überhaupt, das schnöde Verrinnen von Zeit? Was zählt, allein, unangefochten, ist dieser Augenblick: Jetzt!

Ein leeres Zimmer, zwei kahle Wände, gerade mal getüncht. Nichts und niemand zu sehen auf diesem Bild. Der einzige Akteur ist die Sonne, und sie ist natürlich ebenfalls abwesend. Kein Stück Möbel. Kein Bewohner. Durch so viele Brechungen ist sie gegangen, und immer noch ist genug von ihr da, um ein Gemälde zu füllen mit nichts als sich selbst. Licht erscheint –

Es ist wohl der hellste und größte Block im Bild, nur leicht aus der Mitte gerückt, der einem Betrachter als erstes ins Auge fällt. In seinem Inneren ist das Licht am Ende jeder Farbigkeit angekommen: es ist weiß geworden. Die Schräge aller Fluchtlinien im Raum leitet den Blick weiter nach rechts, auf das Fenster zu, das das Licht von außen hereinlässt. Der Rahmen ist im Gleißen der Sonne ebenfalls weiß geworden, wie Eisen in der Glut einer Schmiede. Ein Moment, in dem größte Hitze und größte Kälte (Eis) sich in der Unfarbe Weiß vereinen.

Das Auge, das allein auf die Farbe als einzige Information beschränkt wäre, könnte nicht entscheiden, ob es sich an diesem Weiß verbrennt oder ob es daran fest friert. In der Umgebung der warmen Gelb- und Grautöne wirkt das Weiß dieses Fensterrahmes eisig und verkehrt damit den sinnlichen Befund in sein Gegenteil. Zusätzlich wird der Eindruck von Kälte durch das Blau der Fensterleisten verstärkt.

Auch der Blick aus dem Fenster scheint zunächst ein Widerruf von Helligkeit zu sein: ein schwarzes Loch und darüber das Grün eines Baums, fladenhaft gemalt. In diesem überhellen Licht sind Äste und Blätter weggeblendet. Daran wird das Auge nicht satt. Im Gegenteil. Es wendet sich ab, kehrt zurück in den Raum, wo der Maler sein Spiel mit Licht und Schatten treibt, mit sparsamsten Mitteln, einer stark reduzierten Palette, die sich auf die drei Farben Gelb, Braun, Grau beschränkt, in ihrer blassen Version.

Jetzt endlich kommt das kleine Lichtfeld links zur Geltung, vom Bildrand abgeschnitten, das bescheidene Geschwister des großen in der Bildmitte. Auf ihm, hinter einem Mauervorsprung, ist das Sonnenlicht noch einmal abgeschwächt auf den Abglanz eines fahlen, stillen Leuchtens. Doch beide Rechtecke gelten nur miteinander. Das Auge des Betrachters spielt Pingpong mit den beiden und hat seine Freude daran.

Ein leeres Zimmer, kahle Wände, ein Fenster. Das ist alles. Mehr nicht. Lässt sich ein unspektakuläreres Bildthema für einen Maler vorstellen? Und doch ist darin die Grundphilosophie des Malens mit malerischen Mitteln umgesetzt, ja unseres Seh-Sinns selbst. Mit der beiläufig leichten Hand von Kunst.

„Sonne in einem leeren Raum“ heißt das Bild, das Edward Hopper 1963 angefertigt hat. Es ist eines seiner letzten geworden. Gerade deshalb hat mich die Abwesenheit von Personen auch irritiert. Ist ein menschenleerer Raum nicht doch ein enttäuschendes Fazit am Ende eines jahrzehntelangen Malerlebens? Ich habe mir deshalb noch einmal Hoppers Werk vors Auge geholt und entdeckte dabei ein sehr frühes Bild von 1906, noch aus der Phase seiner Lernreisen nach Paris: Innenhof in der Rue de Lille, Paris. Die Malart ist damals eine ganz andere, und das Pariser Fenster geht hinaus in die Nacht. Doch auch hier ist weit und breit keine Person zu sehen. Das Fenster als Scharnier von Innen und Außen war ein immer wieder gewähltes Sujet von ihm. Gerade dadurch, dass Hopper den Menschen wegließ, hat er ihn auf seine Art und Weise sichtbar gemacht.

In den dreißiger Jahren war Edward Hopper gefragt worden, was denn die Absicht seines Malens sei. „Das Sonnenlicht auf einer Hauswand zu malen“, gab er zur Antwort.

So gesehen, wäre das Bild „Sonne in einem leeren Zimmer“, mit dem der Einundachtzigjährige sich verabschiedet hat, ein würdiges Finale seines Malens und Lebens geworden.

Michael Zeller

Edward Hopper: Sonne in einem leeren Raum. Öl auf Leinwand. 73 x 100 cm. 1963. In Privatbesitz.

Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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