Michael Zellers Seh-Reise (3): Carl Hofer


1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne, 1 Jahr lang: Ab Juni erscheint bei CULTurMAG wöchentlich für ein Jahr Michael Zellers SEH-REISE in zweiungdfünfzig Ausfahrten, ein „Tagebuch in Bildern”: Betrachtungen zu Kunst und Leben, von den ägyptischen Pharaonen über die griechisch-römische Antike und das Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart. Heute: Carl Hofer: Zwei Frauen.

Dritte Ausfahrt

Wie angenehm es war in dieser Woche, mit dem Aufgießen des kochenden Teewassers, beim kleinen Abwasch nach dem Frühstück, unwillkürlich, für ein paar Sekunden, den Blick zu verlieren an diese beiden jungen Frauen, mit ihrem ernsten Ausdruck! Die Wärme der Farben, das selbstverständliche, nahe Aneinander von zwei Menschen („Menschenkindern“), in schutzloser Nacktheit, ohne einen seelischen Bezug zueinander ahnen zu lassen. Bloß da für sich – und zu zweit. Haut an Haut, doch ohne einander zu berühren. Auch den Blickweg nimmt jede für sich, achtet auf die andere nicht.

Von gleicher Größe, stehen sie da, zu zweit, für sich, nichts darstellend, im Gleichgewicht von Schweigen, Stille, Schauen. Zwei Geliebte, zwei Schwestern? Daran habe ich eine ganze Woche lang keinen Gedanken verschwendet. Fühlte ich mich vielleicht gerade deshalb so wohl als der Dritte im Bund mit diesem Paar? Ein Voyeur von außen war ich keine Sekunde.

Denn ein Paar sind die beiden, auch wenn mir nicht ersichtlich wurde, was sie dazu macht. Bloß ihr „nacktes“ Menschsein am Ende?

Die Linke, Helle, mit der weißen Haut, das kornblasse Haar glatt um den Kopf, als käme sie aus dem Wasser. Einen Arm legt sie sich auf die andere Schulter und verdeckt mit dieser unbestimmten Geste die Hälfte ihrer Brust. Der Blick der Augen geht hinab ins Leere. Jedenfalls trifft er nichts, was zu sehen wäre. Dieses Schauen und die Hand auf sich selbst – ein Rückbezug, ein Nachsinnen.

Die zweite Frau steht, ein Stück weit von der Gefährtin überschnitten, in ihrem Schatten. Das Inkarnat ist braun, wie bei Gauguins Südseefrauen. Auch von ihr ist nur eine Brust zu sehen, so klein, daß ich genau hinschauen mußte, ob sie nicht doch ein Mann sei. Das Schauen ihrer großen Pupillen, schwarz wie das schulterlange Haar, richtet sich hinaus aus dem Bild, auf den Betrachter, auf mich. Da ihr Gesicht fast ganz im Schatten der anderen dämmert, kommt der Blick aus dem Dunkel, und ich glaube nicht, daß auch er etwas wahrnimmt. Die Hände auf der roten Hose gekreuzt, direkt auf der Scham.

Eingebettet sind die beiden jungen halbnackten Frauen, hell und dunkel, von einem schattenden Hintergrund, der nichts zeigt als Blau und Grün und Braun und Grau, keinerlei Raumgedanken zuläßt, sondern in der köstlichen Gedecktheit der Farben nur das Dunkel zeigt, das die beiden umfängt. Und den Betrachter dazu.

Vielleicht war es die Bescheidenheit, das Karge, die Ruhe, die mich so wärmte, eine Stimmung, als die ich meine Kindheit unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Erinnerung habe. Die Armut an allem, die sich (und anderen) nichts vormachen mußte, als das Selbstverständliche der damaligen Existenz. Eine innere Haltung, nach der ich heute manchmal Sehnsucht habe.

Michael Zeller

Carl Hofer, ZWEI FRAUEN, Öl auf Leinwand, 1936. Museum für neue Kunst in Freiburg.

Michael Zeller hat Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays verfasst. Sein letzter Roman „Falschspieler“ erschien 2008 zuerst unter dem Pseudonym „Jutta Roth“ als angebliches Debüt einer 1967 geborenen Autorin. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

 

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