Geschrieben am 28. November 2012 von für Litmag, Zellers Seh-Reise

Michael Zellers Seh-Reise (21): Werner Tübke

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne, 1 Jahr lang: Ab Juni erscheint bei CULTurMAG wöchentlich für ein Jahr Michael Zellers SEH-REISE in zweiundfünfzig Ausfahrten, ein „Tagebuch in Bildern”: Betrachtungen zu Kunst und Leben, von den ägyptischen Pharaonen über die griechisch-römische Antike und das Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart. Heute: Werner Tübkes „Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten“. (Alle Folgen hier).

Einundzwanzigste Ausfahrt

Die Reisen, auf die meine Augen seit ein paar Monaten gehen, wenn ich in der Küche die alltäglichen Handreichungen verrichte, die allesamt sich um den Erhalt der Lebenskräfte drehen, die Reisen der Augen und der Zug der Gedanken, der sich anschließt, von den Augen mitgezogen hinein ins Innere des Kopfes, zum Hort der Erinnerungen, hinab zu den Lust- und Unlustschwellungen der Seele, die sich keinen Deut um die Gedanken da oben scheren – Woche für Woche braut sich daraus ein eigenes Stimmungsgemisch zusammen.

Jetzt, da ich meine Woche im Angesicht von Werner Tübkes „Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten“ bilanziere: Jeder Blick in dieses Ölbild löste Lebensfreude in mir aus, Wärme, und mit einem inneren Lachen bediente ich anschließend die Wasserhähne, das Brotmesser und andere Geräte. War mir das schon mal so ungeteilt geschehen auf meiner SEH-REISE? Ich erinnere mich nicht. (Allerdings sind diese Stimmungskräuselungen des Alltags so flach und flüchtig wie er selbst und von geringer Haltbarkeit.)

Ein überstrecktes Querformat von Achtzig auf Einssiebzig gibt dem Bild eine Endlosigkeit ins Weite. Und diese Weite ist Bühne – nichts als eine Bühne. Eine Guckkastenbühne, in mehrere Tiefen hinein. Darauf geschieht allerheiterstes Welttheater. Nur Schönheit, nur Schein sind zu sehen. Nichts will überzeugen, werben, der Welt etwas kundtun. Alles ist so wie es ist, in diesem Augenblick. Es hat keine Fragen an sich und erwartet auch nicht, dass der Betrachter eine stellte.

Der zentrale Raum aufgeschnitten für einen Balkon mit hüfthoher Mauer, die den Blick freilässt in die Landschaft. Die Landschaft Italiens, wie im Quattrocento gemalt, in Siena, Florenz, Perugia. Mehrere Hügelketten hintereinander (im Ganzen wohl vier), kahle Hänge in rötlichem Ocker, Felsgestein oder die Flora Italiens, Olivenhaine, Nadelbäume. Bukolische Idylle, Elysium. Dominiert wird das Naturszenario natürlich von den schwarzgrünen Stelen der Zypressen, die in das Land gestellt sind. Dazu mehrere Stadtsilhouetten, in verschiedenen Distanzen. Fast weiß im Sonnenglast die am nächsten liegende Stadt, ausgebleicht grell neben ausgetrocknetem Flussbett. Bei den ferneren Ansiedlungen auf Hügeln sind nur ein paar Türme eher ahnbar als zu sehen. Und oben, auf dem Gebirge, das in den Himmel hinein verblaut, ragt eine Pyramide.

So ähnlich könnten es auch Perugino oder Fra Angelico oder Filippo Lippi oder Pinturicchio gemalt haben. Es ist aber Werner Tübke aus Leipzig gewesen, der hier 1972 den altmeisterlichen Pinsel des Quattrocento frei laufen lässt und nach Herzenslust diese Epoche italienischer Malerei zitiert und parodiert.

Auf der Terrasse, in lichtem Sandton, posiert der Held der gesamten Inszenierung, der „Sizilianische Großgrundbesitzer“. Das Herz des Bildes. Er steht an die Mauer gelehnt, übergeschlagenen Beines, die Landschaft im Rücken, und verkörpert erlesensten Müßiggang. Vor dem Bauch hält er eine Zigarette, die andere ruht auf der Mauer. Pianistenhände. Makellos weiß die Manschetten. Um einen Mittelscheitel fällt ihm das schwarze gewellte Haar auf die Schultern. Die Augen niedergeschlagen. Was wäre es schon wert, ihm einen genauen Blick zu gönnen, von so hoher Warte herab? Am nobelsten die Haltung des ausgestreckten Beines, in – natürlich – weißer Hose, zu schwarzem Samtjackett, auf Figur geschnitten. Der Fuß im zierlichen hellen Schuh auf die Spitze gestellt. Ein Tänzeln im Stehen. Und der Hund, ein Windspiel, weiß und überschlank, hebt den Kopf hoch zu seinem abgewendeten prächtigen Herrn. Antwort wird ihm keine gegeben.

Diese Lässigkeit des Nichtstuns will gekonnt sein. Die beherrscht man wohl nur, wenn sie schon über Generationen geübt ist und in Fleisch und Blut übergegangen, erste Natur geworden.

Das könnte genug sein, aber ist es lange noch nicht. Im Raum, vor dem Balkon mit Signore und Landschaft, hängen im warmen Tomatenrot der Wände lebensgroße Marionetten an ihren Fäden von der Decke herab, auf zwei Etagen sozusagen. Ritter in goldenen Rüstungen, mit Schild und Helm und Schwert, ein Landsknecht in Pluderhosen, ein türkischer Soldat, den Halbmond auf seinem runden Hut. Ein riesiger Vogel, mit aufgerissenem Schnabel und aufgespannten Flügeln.

Ein Maler zaubert sich und uns eine vergangene Welt herbei, mit all ihrer dahingegangenen, für immer verlorenen Schönheit. Der Betrachter darf sie reuelos betrachten und genießen. Dass Werner Tübke seinerzeit (1972) in einem Staatswesen lebte, das sich als sozialistisch verstand und über die zurückliegenden Epochen ein stramm abwertendes Urteil besaß, kann mich auch nicht einen Millimeter weit bewegen, in das Abbild dieses feudalen Großgrundbesitzers einen Hauch von Gesellschaftskritik hineinsehen zu wollen (und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Maler dergleichen im Sinn hatte). Dieser Staat hat sich längst aus der Geschichte verabschiedet. Das Bild Tübkes aber hat ihn überlebt und lebt weiter als die Verherrlichung des Schönen und Noblen, als ein Hohelied auf die aristokratische Gebärde, die wirklich zu nichts nutze ist – ja, dieses Streben nach Gewinn und Vorteil auf das Schrecklichste blamiert.

Michael Zeller

Werner Tübke: Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten, 1972. Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Michael Zeller hat Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays verfasst. Sein letzter Roman „Falschspieler“ erschien 2008 zuerst unter dem Pseudonym „Jutta Roth“ als angebliches Debüt einer 1967 geborenen Autorin. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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