Posted On 3. Juni 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 1697 Views

Michael Zellers Seh-Reise (102): Paul Cézanne

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Äpfel und Orangen” von Paul Cézanne.

Cezanne_obst

An Apple a Day Keeps the Doctor Away

Mit diesem Berg von Äpfeln und Apfelsinen in der Küche war nicht nur mein Vitamin-Haushalt für eine Woche gedeckt. Es gab, wie immer bei Cézanne, überreiche Seh-Sensationen, die die Augen auf Trab hielten – und diesmal auch verstörten. Woher zum Henker taucht da links unten dieser Sessel auf? Der hölzerne Knauf einer Lehne, die Sitzfläche mit grünem Samt bezogen – und darauf hält sich, frei in der Luft, wie von den Flötentönen eines indischen Fakirs ins Schweben gebracht, das weiße Tischtuch mit einem schwer beladenen Obst-Teller.

Übersehe ich hier etwas, deute etwas falsch? Oder hat der Meister hier einfach abgebrochen, weil er das, was er malen wollte, für getan hielt? Das hat Cézanne bei seinen Bildern oft gemacht, und durchaus nicht zu deren Schaden. Im Gegenteil.

Bei diesem Stillleben „Äpfel und Orangen“ hatte er sich ja wahrlich auch ein riesiges Pensum gesetzt. Das ist ganz wörtlich zu nehmen: Cézanne hat auf das Arrangieren seiner Stillleben immer die allergrößte Sorgfalt gelegt und die Tische mit den Äpfeln und Tüchern und Kannen und Vasen wieder und wieder umgeräumt, bevor er zu den Pinseln griff. „Man spürte, dass das Anordnen für ihn ein Augenschmaus war“, bezeugt ein Zeitgenosse. Vielleicht hat er sich auf unserem Bild dabei sogar übernommen und deshalb die Arbeit abgebrochen.

Der Tisch ertrinkt förmlich in den Dingen. Von einem zum anderen wird das Auge gehetzt, findet nirgends einen Ruhepunkt. Allein auf dem kleinen runden Teller (der auf der Sessellehne schwebt) drängen sich sechs Äpfel, und dahinter verliert sich noch mal eine Menge davon in dunklem Stoffgeschiebe. Eine Etage darüber, auf der Schale mit hohem Fuß, türmen sich Orangen, und vor dem Fayence-Krug, mit den aufgemalten Blüten, liegen weitere Früchte frei herum, bis sie am äußersten Ende des Tischtuchs fast vom Tisch kullern. An apple a day, fragt sich da auch der des Obsteinkochens unkundige Betrachter: Wohin mit den ganzen Früchten? Lediglich um den einzelnen Apfel, fast genau in die Mitte des Bildes platziert, bildet sich so etwas wie eine weiße Insel der Ruhe.

Scheinbar willkürlich liegt das reichhaltige Angebot von Obst in Rot und Orange über ein weißes Tischtuch verteilt, das sich selbst in unsere Aufmerksamkeit drängt, so dramatisch gefaltet, ja geradezu aufgewühlt, wie es sich gebärdet. Die tief verschatteten Faltenhöhlen und die Stoffpartien im hellen Licht schaffen ein eigenes Geschehen, in das man gerne und lange eintaucht. Damit nicht genug. Im Hintergrund hingeworfen eine schwere Decke, die mit ihrem groben Muster den Most-Krug vor sich übertönt, während das Bild zur Linken in einer dunklen Tonigkeit versinkt, die sich schwer entziffern lässt: eine hölzerne Lehne vielleicht, ein Kissen?

Dieses Stillleben von Cézanne hat jedenfalls nichts Beschauliches. Schon gar nichts von der französischen Entsprechung „nature morte“. Für einen Totenkopf oder eine Sanduhr wie auf den niederländischen Vanitas-Bildern des 17.Jahrhunderts ist auf diesem prall gedeckten Tisch des Lebens kein Millimeter Platz. Hier wird nicht mahnend an die Vergänglichkeit unseres Lebens gedacht, an das unerbittliche Vorrücken der Zeit hin zum Tod. Hier feiert sich in der vitalen Lebenslust der Mittelmeer-Anrainer die Pracht und der Reichtum hiesigen, irdischen Daseins. Kein Wimpernschlag von Melancholie hat mich je berührt beim Hinschauen unter der Woche. Zeit war dingfest gemacht und still gestellt.

Der, der das gemalt hat, in seinen letzten Lebensjahren, muss eins mit sich gewesen sein. Auch wenn die Anerkennung den Maler bis kurz vor seinem Tod gemieden hat, wusste er sich im Recht. Denn er lebte im Bund mit der Natur, die er immer als Quelle seines Malens begriff. „Und was ist hinter der Natur?“ Die Frage immerhin stellte sich ihm auch. „Vielleicht nichts. Die Kunst muss ihr Ewigkeit verleihen.“

Auf der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert konnte ein Künstler in Europa dieses Selbstbewusstsein noch aufbringen. Die religiöse Bindung löste sich auf um diese Zeit, und in das entstandene Sinn-Vakuum drang die Kunst ein und nahm es auf mit der „Ewigkeit“. Von diesem Optimismus haben wir Heutigen uns längst verabschieden müssen. Doch Cézannes Apfelbilder werfen einen Abglanz dieser ungebrochenen Zuversicht bis in diese Tage. Und halten selbst den Arzt von unserer Schwelle fern, wenn man dem Volksmund der Engländer glauben darf: An apple a day keeps the doctor away.

Aber nur einer von diesem Cézanne gemalt!

Michael Zeller

Paul Cézanne: Äpfel und Orangen, Öl auf Leinwand, zwischen 1895 und 1900. Musée du Jeu de Paume, Paris.

Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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