Posted On 20. Mai 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 1140 Views

Michael Zellers Seh-Reise (101): Katharina Fritsch

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Mann und Maus” von Katharina Fritsch.

Fritsch_Mann und maus

Von Mäusen und Menschen

Walter Benjamin war wohl der erste, in Deutschland jedenfalls, der die Einbußen benannt hat, die ein Kunstwerk „im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ erfährt: dass ihm sein Original-Charakter abhandenkommt im „Hier und Jetzt“, „sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet“. Mit tapfer unterdrückter Wehmut diagnostiziert Benjamin den Verlust der „Aura“ um ein Kunstwerk, wenn es abfotografiert und abgefilmt wird, um in massenhafter Vervielfältigung rund um den Erdball verfügbar zu sein: für Jedermann, zu einem erschwinglichen Preis.

Unsere SEH-REISE profitiert davon, wenn es sich der Institution der Kunstpostkarte bedient, die, inzwischen ehrwürdig geworden, auch die neuesten Reproduktionsmöglichkeiten der letzten Jahrzehnte spielend überlebt hat. Die ständig umlagerten Kartenständer in den Museumsläden aller Welt beweisen das tagtäglich (außer montags). Ein Federgewicht, so eine Karte. Mühelos in die Jackentasche zu stecken und in kleinster Münze zu erwerben, ist sie wohl noch eine ganze Weile unersetzlich.

Dass die Kunstpostkarte ihre engen ästhetischen Grenzen hat, muss man keinem von uns sagen, wenn er sich hier hin und wieder mit auf diese SEH-REISE begeben hat. Dass sie aber auch den Charakter eines Werkes, das sie abbildet, geradezu verfälschen kann, ist mir in dieser Woche schlagend klar geworden, da die Plastik „Mann und Maus“ von Katharina Fritsch in meiner Küche hing.

Die Diskrepanz zwischen dem Original, wie ich es vor Monaten in der Düsseldorfer „Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen“ sah, und diesen 14,5 x 10,5 Zentimetern Karton in meiner Küche war einfach nur noch zum Lachen. Die Wirkung dieser großräumigen Plastik hat sich auf der Karte in ihr genaues Gegenteil verkehrt.

Dort sieht man ein rabenschwarzes Mäuslein, wie es auf dem Bett eines Schlafenden hockt. Gut, die Maus ist um ein Vielfaches größer als der Schläfer in seinen Kissen, und ihre Schwärze hat auch noch im Bonsai-Format etwas Bedrohliches. Und doch fühlte ich mich eher an eine witzige Comic-Zeichnung erinnert. Der Schreck jedenfalls, der mir durch die Glieder fuhr, als ich im Museum vor der leibhaftigen Plastik stand, konnte ich keine Sekunde wieder herstellen.

Im „Hier und Jetzt“ der Kunstsammlung NRW liegt, lebensgroß, ein kalkweißer Mann in seinem Bett zwischen Klinik-weißen Kissen, mit geschlossenen Augen. Er schläft. Und auf ihm thront eine riesengroße Maus in böser Majestät, von erdrückender Massigkeit und erschreckendster Schwärze. Diese Wucht aus Schwarz und Masse von annähernd zwei Metern Höhe drückt nicht nur den alpträumenden Schläfer nieder, sondern auch den Betrachter, einen Zwerg gegenüber diesem Ungetüm. Die Gewalt, die von seiner Körperlichkeit ausgeht, steckt selbst ein abgebrühter Zeitgenosse nicht so ohne weiteres weg, da muss er schon mal Luft holen. Gewalt wird Ereignis, selbst noch im symbolischen Raum eines Museums. Friedrich Schiller hat in seinen ästhetischen Schriften von dem Schrecken gesprochen, der leibhaftigen Erschütterung, die in der Antike der Zuschauer einer griechischen Tragödie im Theater erfahren hat.

Etwas davon habe ich vor dieser gewaltigen Maus der Katharina Fritsch gespürt. In der maßstabslosen Übersteigerung eines kleinen Nagers von wenigen Zentimetern, getaucht in die Schwärze des Schwarzen Mannes, mit dem man Kinder früher das Fürchten lehrte, lebt die Angst weiter, die Urangst des Menschen vor Gewalten, die sich jedem Begreifen verweigern und von keinem besseren Wissen beruhigen lassen. Man sei nur einmal in mondlos dunkler Nacht auf unbekanntem Gelände unterwegs, und vor einem springe ein Mäuslein ins raschelnde Laub…

Abend für Abend wird der Zeitgenosse, dieser globale Dörfler, von Bildern mit unvorstellbaren Grausamkeiten aus allen Weltregionen heimgesucht und muss sich dagegen wappnen. Er stumpft ab, um in diesem realen Bilder-Inferno nicht unter zu gehen. Kunst hat hier, gerade weil sie im Raum des Als ob „spielt“, auch heute noch ihre fundamentale Aufgabe, nicht anders als in den Tagen eines Aischylos oder Sophokles. Allerdings, und da hat Walter Benjamin Recht behalten, muss sie dazu im „Hier und Jetzt“ die „Aura“ ihrer Gegenwärtigkeit entfalten können. Dann ist sie, bis heute, jeder Fotografie und jedem Film überlegen – sogar unserer unverwüstlichen Kunstpostkarte.

Michael Zeller

Katharina Fritsch: Mann und Maus. Polyester und Farbe. 240 x 130 x 225 cm. 1991/92 Sammlung Ackermans.

Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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