Michael Zeller zum 100.Geburtstag von Franz Tumler


STO LAT! *

Franz Tumler zu Ehren. Ein essayistischer Geburtstagsgruß von Michael Zeller

„immer geschieht etwas anderes, als das, was geschieht“

Ein großes literarisches Werk hat er hinterlassen, kein umfangreiches. Es brauchte Zeit, und die nahm und nimmt es sich, bis heute.

Kaum einen zweiten Schriftsteller kenne ich in diesem Sprachraum, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der den Roman als Kunstform so weit vorangetrieben hat wie er. Der Anschluss gehalten hat an die Kunst des Erzählens, wie sie in der Welt geübt wird. Vor einem Jahrhundert wurde er geboren, in Südtirol. Seit gerade dreizehn Jahren ist er tot, gestorben zu Berlin.

Kennt man ihn heute noch genug im deutschen Sprachraum (mit seinen vielen Grenzen)?

Haben zu Lebzeiten ihn viele erkannt?

Große Erzählkunst, wie sie selten glückt

Lange hat es gedauert, bis ich diesem außerordentlichen Erzähler begegnet bin, in einer jener Bücherkisten vor den Geschäften, die mich nicht an sich vorbeilassen. Ein dünnes Taschenbuch von 1965, so schadhaft, dass ich es normalerweise nicht kaufe. Warum dieses? Gleich in einem Café habe ich dann hineingelesen in das eingerissene Büchlein – mir verschlug es den Atem. Eine solche Erzähltradition gibt es also auch in Deutschland, und davon hast du Jahrzehnte lang nichts gewusst?

„Der Schritt hinüber“ heißt der kleine Roman, 150 Seiten lediglich, erschienen erstmals 1956. Die Geschichte einer Frau, wie ich sie aus der Feder eines männlichen Schriftstellers selten gelesen habe, von einem meiner Sprache schon gar nicht. „Geschichte“ allerdings ist ein Begriff, der das Erzählen dieses Autors allzu stark einengt und den Reiz seiner Prosa bedroht.

„Immer geschieht etwas anderes, als das, was geschieht. Aber dieses andere läßt sich nicht erkennen. Was eigentlich geschieht, läßt sich nicht herunterdrehen auf eine Geschichte. Es geht anders weiter, nicht in ‚bestimmten Tagen‘ oder Briefen, die ankommen. Die Worte kommen an. Aber sie erzählen nicht eine Geschichte. Sie machen selbst das, was geschieht. Die Geschichte hört auf, trotzdem geht es weiter auch nach diesem bestimmten Tag.“

Unwiderstehlich war der Sog, in den ich geriet und der die nächsten Tage anhielt (denn Tumlers Roman, auch wenn es nur 150 Seiten sind, kann man nicht hinunterschlingen. Er muss Wort für Wort gelesen sein.)

Was kann ich sagen von einer Geschichte, in der etwas anderes geschieht als das, was geschieht?

Ein Dorf in Österreich, unter sowjetrussischer Besatzung, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Hier lebt die junge Susanna Jorhan mit ihrem Söhnchen. Zwischen vier Männern steht sie – zwei Gewinnern des Krieges aus Russland, zwei einheimischen Verlieren. Da thront der „Kapitän“, Leiter der russischen Kommandantur, in ihrer ehemaligen Villa. Da lauert ihr Kolja auf, der sie auf einem einsamen Bauernhof entdeckt und verrückt nach ihr ist. Mit Axel von Wilnow, dem von den Sowjets enteigneten Gutbesitzer, hat sie eine Liebesbeziehung angefangen und ist von ihm schwanger. Und als vierter taucht ihr angetrauter Mann wieder auf, im Krieg verschollen, und erwartet „seine“ Frau, jenseits der Grenze, im amerikanischen Sektor: EIN SCHRITT HINÜBER.

Mit jedem dieser vier Männer hat Susanna ihr ganz eigenes „Verhältnis“ – ein Geflecht aus Ängsten und Lüsten, aus Gefühl und Kalkül einer Frau, durchwirkt von dem Willen, sich selbst niemals abhanden zu kommen. Raffiniert und hilflos, in dem engen Rahmen, den ihr die Wirklichkeit steckt, balanciert sie durch ihr Leben. Susanna als die gesellschaftlich Gefährdetste ist der rundeste Mensch von allen. Heldin so wenig wie Opfer. Bloß eine Frau.

„Einmal, wenn mich niemand mehr für seine Frau, seine Geliebte oder Mutter halten wird, dann kann ich mich einfach hinlegen und Ruhe haben.“

Große Erzählkunst, wie sie selten glückt. Diese Susanna Jorhan aus Franz Tumlers Roman „Der Schritt hinüber“ von 1956 hat literarisch das Format einer Effi Briest, einer Madame Bovary. Müsste sie nicht längst eine frühe Ikone der sogenannten Frauenliteratur geworden sein? Und warum hat mich erst so spät der Zufall einer Bücherplunderkiste zu diesem außerordentlichen Autor geführt? Ein Traditionsbruch offenbar in diesem Land.

Foto: ©Sigrid John-Tumler

Über den Tag hinaus wahrnehmen

Je mehr ich jetzt von Tumler las, umso mehr wuchs meine Bewunderung. Eine absehbare Zahl von Büchern, aber jedes von ihnen forderte meine Aufmerksamkeit, ungeteilt. Was ist das für eine Literatur, die ihren Leser derart in Besitz nimmt?

Diese Bücher gehen aufs Ganze.

So sehr die Autoren in ihrer Zeit stehen und darin verwurzelt sind – stärker nehmen sie Anteil am Menschen, wie er in der Welt zu Hause ist, im Kosmos. Der Mensch als ephemere Einheit, geistig, seelisch, körperlich, der aus Fernen kommt, eine kurze Weile hier ist, bald weiter muss in eine Zukunft hinein, unabsehbar unserem Erkennen. Das ist ihr Thema.

An den Parteilichkeiten der jeweiligen Gegenwart, mit all den Blindstellen und ideologiegesteuerten Engführungen des Wahrnehmens und Denkens – daran gehen diese Autoren keineswegs vorüber. Aber sie zitieren sie gleichermaßen, transzendieren sie auf das, was der menschlichen Existenz wesentlich ist und möglicherweise von ihr bleiben wird, in welcher Verwandlung auch immer.

Über den Tag hinaus wahrnehmen, fühlen, denken; in eigener Zeit zu sein: Das ist das Talent des Schriftstellers. Daraus lebt er seinen Beruf.

Eine Seite des Briefes Franz Tumler sen. an die Verwandten in Laas zur Geburt seines Sohnes Franz. 1912. Privat

„Der Mantel”

Ein weiteres Beispiel für Tumlers Erzählverfahren lässt sich fast wie ein Rechenexempel vorführen. Die „Erzählung“ „Der Mantel“ von 1959, wie der Autor den längeren Prosatext bescheidenerweise nennt, ist für einen heutigen Leser vielleicht das eingängigste seiner Bücher. Von dem Mann Huemer wird darin erzählt, der seinen Mantel verlor. Er sucht ein befreundetes Ehepaar am Stadtrand auf. Zwei Kapitel lang, über dreißig Seiten, wird von Huemers Weg zu den Freunden erzählt, hin und zurück, zu Fuß, per Bahn.

Und was erfährt der Leser von dem Besuch selbst?

„Huemers Besuch bei Seidlers dauerte knapp zwei Stunden; um vier kam er an, um sechs brach er oben im Haus auf, um den Zug, mit dem er zurückkehren wollte, nicht zu versäumen.“

Das ist alles. Alles, was zwischen drei Menschen an einem Nachmittag geschehen kann und was vorher zwischen ihnen geschehen war, steckt in der ausführlichen Schilderung von Huemers Hin- und Rückweg. „Alles ist voller Regungen, die wahrnehmbar nur sind, wenn man nicht hinsieht.“

Rabenschwarze Vorzeit

So lernte ich Franz Tumler kennen und hochschätzen, in seinen Büchern nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber da gab es offenbar noch eine Vorzeit, und die war rabenschwarz. Da musste ich hinab ins Tausendjährige.

„immer geschieht etwas anderes, als das, was geschieht“

Debütiert hat Franz Tumler 1935 mit der kleinen Erzählung „Das Tal von Lausa und Duron“, das ich bei einem Wiener Bouquinisten fand, ein Exemplar aus dieser Zeit noch. (Ein Besitzer vor mir hatte es bereits am „4. 2. 41“ gelesen, wie er hinten mit Bleistift festgehalten hat.) Die Handlung spielt in den Bergen Südtirols, wo Tumler vor hundert Jahren geboren wurde, und erzählt das Schicksal der beiden Geschwister Anita und Leon, wie sie dort vom Ersten Weltkrieg erfasst und verschlungen werden. Die Erzählung wurde 300.000 Mal verkauft. Ihr Verfasser, gerade 24 Jahre jung, zog mit diesem Verkaufserfolg das Interesse der damaligen politischen Machthaber in Deutschland auf sich, der Nationalsozialisten – und erlag ihm. Der junge Mann, der sich vom Schuldienst freimachen wollte, um als unabhängiger Schriftsteller zu leben, wurde ein Nutznießer des neuen Regimes. Ab 1935 schrieb er regelmäßig für dessen Zeitschrift „Inneres Reich“, kam auf die „Vorschlagsliste für Dichterlesungen“ zu stehen, die die Reichsschrifttumsstelle im Propagandaministerium herausgab. Tumler trat der NSDAP bei und der SA. Den Krieg verbrachte er von 1941 bis zum Ende als Artillerist der Kriegsmarine auf See.

Nach 1945 war Tumlers Eintreten für die Ideologie der Nationalsozialisten naturgemäß ein Skandalon. Fast noch ein größeres Skandalon aber war es, dass er darüber kein Wort verlor, lange Jahre. Er hatte sich im politischen Raum einmal schrecklich verrannt. Ein zweites Mal sollte ihm das nicht passieren. Er schwieg – und schrieb: makellose Literatur.

Jeder, der sie liest, steht an einem Abgrund. Er blickt mit Grauen hinab und ahnt da unten seine eigenen Gefahren, für die er selbst einzustehen hat. Zerredet wird ihm nichts.

1953 veröffentlichte Tumler den Roman „Ein Schloß in Österreich“, verließ sein Land und zog nach (West-)Berlin. 1956 kam dann sein Roman „Ein Schritt hinüber“ heraus, das Buch, das ich nach Jahrzehnten aus einem Bücherkarren fischte für eine schlappe Mark (die es damals noch gab). Und war, ungetrübt von Vorwissen über das Leben seines Autors, begeistert von diesem Stück deutschsprachiger Erzählliteratur, wie ich sie nach 1945 hierzulande selten gelesen hatte.

Durfte ich immer noch einen solchen ausgewiesenen „alten Nazi“ für einen großartigen Schriftsteller halten? Wie aber steht es um die Moral des Schreibens?

Sie steckt nicht in einer Absicht, und sei es der menschenfreundlichsten. Im Wort ist sie aufgehoben, allein dort. Da Franz Tumler, soweit ich sehe, sich niemals essayistisch geäußert hat, zu keinem Thema, halte ich mich an seine erzählten Geschichten, das beste und authentischste und ehrlichste, was er seinen Zeitgenossen und der Welt gegeben hat. In dem Erzählen, wie er es tat, war alles enthalten, was er mitzuteilen hatte.

Ein Autor ist glücklich zu schätzen, von dem das gesagt werden kann.

„Denken ist wie Brotkauen“, heißt es in „Aufschreibung aus Trient“, dem Roman von 1965, den Tumler in seinen fünfziger Jahren geschrieben hat. In der Spurensuche nach seinem früh verstorbenen Vater entdecke ich den direktesten Bezug zu geschichtlichen Prozessen, in die der Mensch in seiner Zeit – nolens, volens – verstrickt ist. „Denken ist wie Brotkauen: wenn es klein und weich genug ist, kann man es schlucken. Ich kenne keinen Gedanken, der mir nicht durch diese Zerkleinerung und Versetzung in einen Stoff gegangen ist, daß er mir im Fleisch mitrinnt.“

Im Fleisch mitrinnt, nicht im Blut – was für eine handgreifliche Sprache, Silbe für Silbe zu kauen, ohne Hülsen. Diesen Zerkleinerungsvorgang muss bei diesem Autor auch die Geschichte aushalten (als Geschehendes). Da bleibt nur so viel übrig, als in Mund und Magen eines Einzelnen passt.

Menschenmaß. Ideologen hungern da aus. Das macht sie bösartig.

Zerkleinern, Kauen vorm Schlucken. Nur so kann etwas erzählt werden, das auch wirklich geschieht.

Michael Zeller

*    polnisches Geburtstagslied: „Hundert Jahre (sollst du werden)!“

Der aktuelle Andreas-Gryphius-Preisträger Michael Zeller hat eine Vielzahl von hat Romanen, Erzählungen, Gedichten und Essays verfasst, zuletzt erschien der Roman „Falschspieler”. Zu Homepage.

Mehr zu Franz Tumler hier und hier. Im Haymon-Verlag werden nach und nach Tumlers beste Werke neu aufgelegt. Eine Bibliografie finden Sie hier.

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