Michael Hamburger: Letzte Gedichte


Die Wahrheit der Dichtung

Carl Wilhelm Macke über Die letzten Gedichte von Michael Hamburger

Soll man an erster Stelle den kleinen österreichisch-südtiroler Folio Verlag rühmen für seine Treue gegenüber einem stillen, nur in Kennerkreisen hoch angesehenen Schriftsteller? Oder gilt es, die Übersetzer besonders hervorzuheben, die die gewiss nicht immer leicht eingängigen Gedichte so gut aus dem Englischen in die deutsche Sprache übertragen haben? Oder sollte man zuerst Iain Galbraith nennen, der seit Jahren schon mit großer Sorgfalt das Werk des Dichters pflegt und herausgibt? Nachdem es jahrelang besonders vom Münchner Hanser Verlag (von Michael Krüger persönlich) betreut worden ist, hat das Werk jetzt eine Heimat im Folio Verlag gefunden – und es ist eine gute Heimat. In der Folio-Edition des Werkes von Michael Hamburger stimmt einfach alles und niemanden darf man vergessen, wenn man für die Lektüre der Gedichtbände dieses Dichters werben will, der seine Obstbäume so liebte wie die Gedichte von Hölderlin und mit seinen eigenen Gedichten so sorgsam umging wie mit seinen unendlich vielen Apfelbäumen in Suffolk.

Neben Erich Fried war Michael Hamburger der wohl bedeutendste, fleißigste und in seinem Sprachempfinden sensibelste Übersetzer zwischen der deutschsprachigen und der englischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1924 in einem jüdischen Elternhaus in Berlin geboren, flüchtete er bereits 1933 nach London, bekämpfte während des Krieges in den Reihen der British Army den Nationalsozialismus und war anschließend jahrzehntelang ein „Got Between“ zwischen deutscher und englischer Literatur. Dass bedeutende Teile der Lyrik von Hölderlin, Rilke, Celan, Huchel, Enzensberger in guten englischen Übersetzungen vorliegen, ist Hamburger zu verdanken. Ein guter Freund der späten Jahre war ihm der ebenfalls in England lebende W. G. Sebald, der dem bescheidenen, auch kauzigen Hamburger in seinen Ringen des Saturn ein wunderbares kleines literarisches Denkmal erschrieben hat.

Umgekehrt wurde Michael Hamburger nicht müde, dem deutschen Publikum T. S. Eliot, Dylan Thomas, Wendell Berry, W. B. Yeats, kurz die modernen englischsprachigen Klassiker, nahezubringen. Und dann verdanken ihm seine englischen wie deutschen Leser auch wichtige theoretische Arbeiten zur Modernen Dichtung, allen voran The Truth of Poetry. Nur wenige gab es zu seinen Lebzeiten, die beides miteinander verbinden konnten: das Nachdenken über die Poesie und das eigene Schreiben von Gedichten. Wer das Glück hatte, ihn einmal persönlich erlebt zu haben, wird dieses Understatement, diese Bescheidenheit bei gleichzeitigem großen Wissen über klassische und moderne Lyrik nie vergessen. Sebald ist ihm in seinem Porträt sehr nahegekommen.

Gärtnern und Schreiben

Bis in seine letzten Lebensjahre hinein schrieb Hamburger Gedichte, wenn er sich gerade einmal nicht in seinem fantastischen großen Obstgarten aufhielt. Und genau zwischen diesen beiden Welten, der aufblühenden und verwelkenden Natur da draußen im Garten und dem genauen Wahrnehmen des eigenen Alterns, ist ein großer Teil der Letzten Gedichte von Michael Hamburger angesiedelt: „Hellster Juli zwischen Dunkelheiten, / doch kalt, als warte alles auf den Herbst, / den Winter oder einen weiteren Frühling / mit durchnäßten Jonquillen, vergehenden Pflaumenblüten, / die kriegerische Winde zerfetzen“ (in der Übersetzung von Jan Wagner). Wer sich auf seine Lyrik einlässt, muss etwas wissen von Obstsorten und Pflanzennamen. Oder seine Gedichte lesend wird man langsam selbst zu einem Kenner der verschiedensten Apfel- und Pflaumensorten. „Seit fast vierzig Jahren ist das Gärtnern neben dem Schreiben meine Hauptbeschäftigung … Darum wurde auch das Gärtnern für mich schon früh zu einer Analogie zum Politischen und Gesellschaftlichen.“ Und deshalb folgen einem „Gartengedicht“ oft unmittelbar Gedichte über das eigene Altern oder die Wahrnehmung des Alterns in einer Gesellschaft, die Hamburger zuletzt immer unheimlicher, immer unmenschlicher geworden ist. „Wieder Nirgendwo. Die Leere, / von Werbung erhelltes Zwielicht, / während über der unsichtbaren, erahnten, / der unerreichbaren Stadt dort draußen / die noch nicht gänzlich vereinheitlichte / wirkliche Sonne scheint“ (in der Übersetzung von Jan Wagner).

Vielleicht stimmt es ja, was Iain Galbraith in seinem Nachwort zu den Letzten Gedichten schreibt. Viele „dunkle oder schwierige Stellen in diesen Gedichten wollen oder müssen dunkel und schwierig bleiben“. Vielleicht aber müssen wir uns nur immer wieder seinen Gedichten mit der gleichen Sorgfalt nähern, wie sich Michael Hamburger um seine geliebten Obstbäume gekümmert hat. Um so, wie er es einmal in einem seiner theoretischen Texte geschrieben hat, „immer wieder den Zugang von der Vernunft zur Unvernunft, und umgekehrt zu finden, damit die Vernunft nicht noch zerstörerischer wird als die losgelassene Unvernunft“.

Carl Wilhelm Macke

Michael Hamburger: Letzte Gedichte. Aus dem Englischen übersetzt von Jan Wagner, Uwe Kolbe, Klaus Anders und Franz Wurm.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Iain Galbraith.
Wien, Bozen: Folio Verlag 2009. 175 Seiten. 22,50 Euro.

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