Geschrieben am 13. April 2015 von für Litmag, LitMag-Lyrik

LitMag-Weltlyrik: Günter Grass

Günter_Grass_auf_dem_Blauen_SofaTransatlantische Elegie

Zum Lächeln aufgelegt, und Erfolg, das Hündchen immer bei Fuß.
So unterwegs im Lande Walt Whitmans, mit leichtem Gepäck.
Frei schwimmend zwischen den Konferenzen, getragen vom Redefluss.
Doch während Pausen, solange sich gewürfeltes Eis klirrend mit Gläsern ausspricht, rührt es dich an und nennt seinen Namen.
In New Haven und Cincinnati von Emigranten befragt, die damals, als uns der Geist emigrierte, nichts mitnehmen durften als Sprache, und immer noch schwäbisch, sächsisch und hessisch die gutgelaunte und jedes Wort streichelnde Vielfalt der Zunge belegen, in Washington und New York fragten sie mich, mit Händen den Whisky erwärmend:
Wie sieht es aus drüben?
Sagt man noch immer?
Und eure Jugend?
Weiß sie. Will sie? Man hört so wenig.
Es dehnte Schüchternheit diese Fragen,
und sie erinnerten sich mit Vorsicht,
als wollten sie jemanden schonen:
Sollte man wieder zurück?
Ist da noch Platz für unsereins?
Und wird mein Deutsch – es ist altmodisch, ich weiß – nicht jedermann verraten, daß ich solange…?
Und ich antwortete, den Whiskey erwärmend:
Es ist besser geworden.
Wir haben eine gute Verfassung.
Jetzt endlich, rührt sich auch meine Generation.
Bald, im September, sind Wahlen.
Und als ich Mangel an Worten litt,
halfen sie mir
mit ihrer emigrierte und schöngebliebenen Sprache.
Hört die Legende von drüben:
es war ein tausendfältiger Bibliothekar, der die Nachlässe jener verwahrte, deren Bücher gebrannt hatten, damals.
Er lächelte konservativ und wünschte mir Glück für den September.

Günter Grass

Aus: „Unerhörte Klagen. Deutsche Elegien des 20. Jahrhunderts“, Frankfurt am Main und Leipzig, 2000.

Sucht man aus Anlass des Todes von Günter Grass im Internet nach seinen Gedichten, wird man immer nur zu dem skandalösen Langgedicht „Was gesagt werden muß“ weitergeleitet. Daß es bei seiner Veröffentlichung einen Skandal ausgelöst hat, ist ja eigentlich nicht der Rede wert. Gibt es doch viel zu wenige Gedichte, mit denen man heute noch so richtig die Öffentlichkeit aufwirbeln kann. Grass hat mit dieser Klage über die diskussionswürdige israelische Realpolitik gegenüber Palästina und dem Iran genau einen Ton angeschlagen, der von der offen antisemitischen Rechten mit großer Zustimmung registriert wurde. Da es zudem, höflich formuliert, literarisch weit unter dem Niveau der ‚Blechtrommel‘ anzusiedeln ist, fällt es auch ‚linken‘ Grass-Freunden schwer, diesem Gedicht eine bleibende Aufmerksamkeit zu schenken. Forget it…Aber Grass hat auch viele andere Gedichte geschrieben, die zu lesen ( und wieder zulesen ) sich lohnt. Dazu gehört etwa seine 1997 verfasste „Transatlantische Elegie“. Auch dieses Gedicht ist kein Höhepunkt deutscher Poesie des XX. Jahrhunderts, aber man entdeckt in dieser mehr einer Tagebucheintragung ähnelnden Elegie einige für Grass immer wichtigen Erinnerungen an die andere, von den Nazis ins Ausland vertriebene Kultur. Sein unablässiges Engagement für die heute rund um die Welt vor Diktaturen und gewalttätigem rassistischen Mob flüchtenden Menschen findet hier in dieser ‚Transatlantischen Elegie‘ seine Wurzeln. Aber auch hier webt er etwas aufdringlich seine parteipolitischen Sympathien in das Gedicht hinein ( „Bald im September sind Wahlen“…“wünschte mir Glück für den September“ ). Forget it…

Zu den langjährigen Freunden von Günter Grass gehörte auch der deutsch-englische Lyriker Michael Hamburger, der vor allem Gedichte von Grass ins Englische übersetzt hat. ( Zu Hamburger s.a. http://culturmag.de/litmag/litmag-weltlyrik-michael-hamburger/78486 ). Anlässlich des 75.Geburtstages von Günter Grass im Jahre 2002 schrieb Hamburger ihm einen längeren ‚offenen Brief‘, aus dem hier Ausschnitte zitiert seien:

„Lieber Günter, seit Jahren wechseln wir keine Briefe mehr. Seit Jahren habe ich aufgehört, Deine Gedichte zu übersetzen und über Deine Bücher zu schreiben. Da ich unter den Gratulanten nicht ausbleiben möchte, schreibe ich wieder einen Brief – für Dich an erster Stelle, gegebenenfalls für andere ‚whom it may concern‘, eine Formel aus der englischen Bürosprache, die jedem veröffentlichten Text als Widmung dienen könnte….

Büchern entnehme ich, daß ich spätestens Anfang der sechziger Jahre begann, Gedichte von Dir zu übersetzen. Die ersten stehen in der zweisprachigen Anthologie, die Christopher Middleton und ich 1961 oder 1962 zusammenstellten, andere in den Auswahlbänden von den ‚Selected Poems‘, 1966, bis zu den ‚Selected Poems 1956 – 1993, dazwischen Beiträge zu mehreren bibliophilen Ausgaben mit Deinen Bildern und andere, immer wieder erweiterte Auswahlbände in England und den USA…Als wir uns zuletzt trafen, weil wir zufällig am selben Lyrikfest in der Schweiz beteiligt waren, verglichen wir unsere Altersgebrechen. Auf einer ziemlich öffentlichen Cafèterrasse, wo wir auch zusammen fotografiert wurden, zeigtest Du mir Deine herausgenommene Zahnprothese, die Dir noch, anders als mir, erlaubte, Pfeife zu rauchen – also auch wieder eine Fundsache, einen Beweis, den man sehen konnte.

Diese Einzelheit, wie auch der gemeinsame Gang zum Bahnhof und der Abschied dort, hat sich dem Gedächtnisschwund widersetzt. Die Jahreszahl weiß ich nun so wenig wie die Jahreszahl unserer ersten Begegnung, wohl in einer frühen Berliner Wohnung von Dir, noch vor dem Haus in der Niedstrasse. Diese Daten stehen in keinem Buch. Auch weil Du bei dem Zeigen dessen, was für intim oder privat gilt, die Öffentlichkeit nicht scheutest – weil das eine falsche Scheu gewesen wäre -, wählte ich diese halb-öffentliche Form meines Geburtstagsgrusses. Zu einem Gedicht, welches mehr und anderes gesagt hätte, konnte es zur Zeit nicht kommen. Dir will ich nur sagen, daß alles, was einmal war, für mich gültig bleibt. Die vielen noch greifbaren Einzelheiten unserer langen Verbindung zähle ich nicht auf, um Dich nur kurz von dringenderer Aufmerksamkeit abzulenken, die ich Dir, Deinen Lesern und Nichtlesern vor allem wünsche. Dein Michael H.“ ( aus: Michael Hamburger „Pro Domo“, Wien, Bozen, 2007 )

Carl Wilhelm Macke

Nachsatz zur Reihe “Weltlyrik”: Die fast tägliche Konfrontation mit Nachrichten von verfolgten, inhaftierten oder hingerichteten Journalisten lässt gleichzeitig auch den Wunsch nach anderen Bildern und einer anderen Sprache wachsen. Immer wieder erfährt man auch von Journalisten, die nicht nur über das Dunkle und Böse in der Welt recherchieren, sondern auch Gedichte schreiben. Wie heißt es in einem Gedicht von Georgos Seferis „Nur ein Weniges noch/ und wir werden die Mandeln blühen sehen…“ (www.journalistenhelfen.org).

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