Posted On 12. Februar 2014 By In Litmag, LitMag-Lyrik With 12818 Views

LitMag-Weltlyrik: Dylan Thomas

Dylan_Thomas_photoDo Not Go Gentle Into That Good Night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Geh nicht gelassen in die gute Nacht

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert;
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Weil keinen Funken je ihr Wort erbracht,
Weise- gewiss, dass Dunkel rechtens dauert-,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer seines schwachen Tuns rühmt künftige Pracht
Im Sinken, hätt nur grünes Blühn gedauert,
Im Sterbelichtbist doppelt zornentfacht.

Wer jagt und preist der fliehenden Sonne Macht
Und lernt zu spät, dass er nur sie betrauert,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer todesnah erkennt im blinden Schacht,
Dass Auge blind noch blitzt und froh erschauert,
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Und du mein Vater dort auf der Todeswacht,
Fluchsegne mich, von Tränenwut vermauert.
Geh nicht grlassen in die gute Nacht.
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Übersetzt von Curt Meyer-Clason

 

Zum hundertsten Geburtstag von Dylan Thomas sein vielleicht berühmtestes Gedicht „Do Not Go Gentle Into That Good Night“ noch einmal ganz besonders hervorzuheben, ist ja gerade keine originelle Idee. Es gäbe doch noch so viele andere, weniger bekannte Gedichte, die es wert sind, zitiert und vorgestellt zu werden. Aber „Do Not Go GentleInto That Good Night“ ist einfach ein in Rhythmus, Wortwahl, Stimmung so gelungenes Gedicht, das einen immer wieder neu ergreift, rüttelt und schüttelt. Man muss es aber nicht nur in seiner englischen Originalfassung lesen, sondern auch noch von ihm selber rezitiert hören, um die Schönheit, auch die von Zorn tief eingefärbte Melancholie und Trauer des Gedichts richtig aufzunehmen. Die Übersetzung von Meyer-Clason gibt diese Auflehnung gegen das jeden treffende Ende des Lebens ja nur so ungefähr wieder.

Der 1914 in Swansea, Wales geborene und 1953 in New York verstorbene Dylan Thomas schrieb wunderbare Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele. Und er muss ein begnadeter Trinker vor dem Herrn gewesen sein. Kein Text über ihn, keine Würdigung seines Werkes, kein Nachruf verzichtet auf die Erwähnung seiner ihn und andere quälenden Trunksucht. Ein einfacher, besonders umgänglicher Mensch war Thomas wohl nicht. Auch Michael Hamburger erwähnt in seinen Erinnerungen an Thomas dessen dunklen, schmerzhaften Seiten.

Aber damit kann man dem Menschen und Dichter Dylan Thomas nicht gerecht werden. „Seine ihm eigene Intensität resultierte aus seiner Unfähigkeit und fehlenden Bereitschaft zu lernen, neue Erfahrungen zu sammeln und sie zu verarbeiten … Der Dylan Thomas, an den ich mich erinnere, war vielleicht gewissenlos, wenn es um Geld oder um irgendein Hemd ging, aber die Aasgeier, die sich an seinem Ruin mästeten, verdiente er gewiss nicht.“

Über sich selber schrieb Thomas einmal: „Meine Verse, all meine Verse haben nur ein Zehntel der Intensität. Dies sind nicht die Worte, die ausdrücken, was ich ausdrücken möchte. Dies sind die einzigen Worte, die ich finden kann, die in etwa die Hälfte ausdrücken. Und das ist nichts“ (in Michael Hamburger „Das Überleben der Lyrik“, München, 1993). Aber durch seine Gedichte bleibt er unsterblich – auch wenn sie nur zur Hälfte ausgedrückt haben, was er wirklich sagen und schreiben wollte. Er hatte wahrlich viele Gründe, nicht gelassen in die gute Nacht zu gehen …

Carl Wilhelm Macke

Foto Dylan Thomas Wikimedia, fair use. Autor unbekannt, Quelle.

Wenn man fast täglich im Rahmen der Koordinierung des Netzwerks „Journalisten helfen Journalisten“ mit Mord und Totschlag auf allen fünf Kontinenten konfrontiert wird, dann wundert man sich warum immer wieder auch verfolgte Journalisten in aller Welt neben ihren Recherchen über korrupte und diktatorische Regime Gedichte schreiben und lesen. Gäbe es sie nicht, würde uns etwas fehlen – etwas Großes, etwas, das uns leben und träumen, kämpfen und trauern, lieben und verzeihen lässt. „Poesie ist aber auch eine große Sprachübung. Ich kann nicht auf sie verzichten. Sie verlangt tiefe sprachliche Konzentration, und das kommt der Prosa zugute“ (Der polnische ‚Weltreporter’ Ryszard Kapuscinski, in „Die Welt im Notizbuch“, Frankfurt am Main, 2000 )

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