Posted On 4. September 2013 By In Kolumnen und Themen, Litmag With 230 Views

Kommentar zur Longlist des Deutschen Buchpreises

Deutscher Buchpreis LeseprobeIm Falschen Film

– Eigentlich sollte es zum Handwerk des Schreibens gehören, gerade auf höchstem Niveau, eine Geschichte gut zu erzählen, also so, dass man dranbleibt und weiterliest. Leider ist dies nicht immer der Fall. Anne Schüßler ist eine kompetente Leserin, die viel und gerne und unterschiedlich liest. Und trotzdem nicht die richtige Zielgruppe für die Longlist des Deutschen Buchpreises? Ein Praxistest…

Nichts über irgendetwas zu wissen, hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Eins ist aber sicher: Man sollte diesen Zustand nutzen, denn er vergeht. Demnächst weiß man schon wieder mehr darüber und dann noch ein bisschen mehr und ehe man sich’s versieht, ist der Status der Unschuld vorbei und man ist zwar immer noch kein Experte, aber weiß dennoch schon viel zu viel, um unvoreingenommen darüber schreiben zu können.

Meine bisherigen Berührungspunkte mit dem Deutschen Buchpreis gehen gegen Null. Ich habe schon mal davon gehört, habe sogar das ein oder andere Preisträgerbuch irgendwie im Hinterkopf, ja ja, da war was, davon hörte man in dem Jahr, aber gelesen habe ich davon nichts. Jedenfalls nicht mit Absicht.

Aber dieses Jahr bin ich dabei. Und mit “dabei” meine ich, dass ich eines der Leseprobenhefte ergattert und tatsächlich durchgelesen habe und mir dementsprechend jetzt die Minimalvoraussetzungen angelesen habe, um  halbwegs informiert über den Deutschen Buchpreis, der seit 2005 und demnach 2013 im neunten Jahr verliehen wird, schreiben zu können.

Um es gleich zu sagen: Ich glaube, es gibt einen Grund, warum dieser Preis bisher recht konsequent an mir vorbeigegangen ist. Es geht bei diesem Preis eben nicht um das, was ich gerne lese.  Damit spiele ich noch nicht mal auf meine Genrepräferenz der Science Fiction- und Fantasyliteratur an. Ich lese auch andere Bücher, wirklich. Meine Literaturauswahl ist wild und beinahe grob fahrlässig, denn sobald eine Geschichte auch nur irgendwie spannend klingt, möchte ich das gerne lesen. Es ist mir wirklich sehr viel egal, solange ein Buch in der Lage ist, mich zum Weiterlesen zu animieren. Mehr will ich ja gar nicht.

So sitze (und liege) ich dann also mit dem Leseprobenbüchlein der Longlist des Deutschen Buchpreises zu Hause, und frage mich ein bisschen, was das soll. Bin ich vielleicht einfach im falschen Film? Oder vielmehr: Bin ich die falsche Zielgruppe? Und wenn ja, wer ist denn dann das Zielpublikum des Deutschen Buchpreises? Also, jetzt mal jenseits der Feuilletonredakteure der deutschsprachigen Zeitungen?

Ausgewählt aus 201 Neuerscheinungen der letzten zwölf Monate wurden zwanzig Bücher deutscher bzw. deutschsprachiger Autoren ausgewählt, von denen der Preisträger immerhin 25.000 Euro erhält. Ich kann aber auch sagen: Es wurden zwanzig Bücher ausgewählt, von denen ich – zumindest ausgehend von der Leseprobe im offiziellen Leseprobenbüchlein – spontan ungefähr sechs gerne weitergelesen hätte, und bei vielleicht dreien tatsächlich darüber nachdenke, dies auch zu tun.

Nun sind Geschmäcker verschieden und ich wirklich nicht der typische Stellvertreter der deutschen Hochkultur. Aber muss ich das denn sein? Viel wichtiger noch ist die Frage, warum ich bei fast jedem ausgewählten Buch das Gefühl hatte zu wissen, warum eben genau dieses Buch ausgewählt wurde. Zu sperrig und wortgewaltig, zu künstlerisch und philosophierend kommt hier vieles daher, oder, wie ich es in einem Tweet an eine Freundin formulierte: Es werden sehr viele schöne Worte gemacht, um dann nicht auf den Punkt zu kommen.

Man muss fairerweise sagen, dass die fünf Seiten Leseprobe, die jedes Buch bekommt, wohl kaum genug sein können, um die Stärken des Buches angemessen zu präsentieren. Auch ist es sicherlich dieser starken Verkürzung geschuldet, dass mir bei mindestens der Hälfte der vorgestellten Bücher auch nach der Lektüre unklar war, worum es eigentlich geht, und mir damit ein nicht unentscheidendes Auswahlkriterium fehlt, wie die nächsten zwanzig Euro am gewinnbringendsten in neue Lektüre zu investieren wären. Auf der anderen Seite ist das nun mal das Format, mit dem der Deutsche Buchpreis, oder vielmehr die Leute, die hinter diesem stecken, die nominierten Bücher präsentiert. Da wird sich ja jemand (hoffentlich) etwas bei gedacht haben.

Nicht ganz überraschend sind es dann genau die Bücher, die schnell zur Sache kommen, bei denen man sofort in der Geschichte drin ist, in denen nicht mit langen Sätzen hantiert und über Zustände philosophiert wird, die positiv herausstechen. Thomas Glavinics “Das größere Wunder”, Joachim Meyerhoffs “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” und vor allem Jens Steiners “Carambole” gehören dazu. Hier weiß man sofort, wo man dran ist, die Sprache ist klar und einfach, aber eben nicht simpel, die Charaktere wirken lebendig und echt, hier wird gehandelt und nicht am Fenster rumgestanden und sich an [hier beliebigen Namen und/oder Ereignis einfügen] erinnert.

Gefühlt bewegen sich zu viele Geschichten in demselben Einheitsbrei. Sie spielen entweder in Berlin oder irgendwo auf dem Land, gerne am Meer. Meer ist immer gut, da hat man Möwen und Wasser und Einsamkeit, und Einsamkeit braucht der deutsche Gegenwartsautor, um den Protagonisten auf eine nach innen gekehrte Suche nach dem Sinn des oder zumindest seines eigenen Lebens zu schicken. Weitere Themen aus der Buchpreisthemenkiste sind Anstalten und Krankenhäuser, Leute, die weggehen (gerne durchs Dorf, um festzustellen, dass das Dorf sehr klein ist) oder wegfahren (gerne aus Berlin raus) oder eben gedankenvoll am Fenster stehen (am besten in Berlin).

Die deutsche Literatur, so scheint es, zumindest die, die sich irgendwie der Hochkultur zugehörig fühlt oder von deren Vertretern als gut erachtet wird, tut sich schwer damit, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, so ganz ohne Schachtelsätze und schwerwiegende Metaphern. Wer richtige Literatur lesen will, der darf sich dabei um Himmels Willen nicht unterhalten fühlen, das muss Arbeit sein, wirklich anstrengende Kopfarbeit, wer unterhalten werden will, der wende sich bitte dem Fernsehen zu oder den Bestsellerlisten der bekannten Institutionen.

So liest man sich durch die Leseproben und stößt auf einmal auf Texte, in denen kurz hintereinander das Wort “hienieden” auf das Wort “Lässlichkeit” folgt und wundert sich doch ein bisschen, wieso da keiner schon allein aus einem Verantwortungsgefühl dem Leser gegenüber eingegriffen hat.

Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber irgendjemand sagte neulich in meinem Fernseher, dass es für einen Schauspieler sehr einfach wäre, in einem Drama zu spielen, Komödien hingegen, das wäre… puh… also sehr viel schwieriger. Denn eine Komödie funktioniert, oder sie funktioniert nicht und der Grat zwischen dem einen und dem anderen ist ein schmaler. Ein Drama hingegen kann sich immer auf seine Ernsthaftigkeit berufen, wenn hier nicht gelacht wird, so gehört das zum Selbstverständnis dazu. Es soll ja gar nicht so sein. Nun lautet die Forderung hier keineswegs, alle Bücher sollten immer möglichst lustig sein, Diversifikation in der Literatur ist durchaus ein sehr schönes Ziel, das wir unbedingt weiter verfolgen sollten. Nur sollte man eben nicht dem Irrglauben verfallen, dass Ernsthaftigkeit immer automatisch kulturell wertvoll oder andersherum ein Text, der dem Leser auch mal ein Lachen (alternativ: ein paar Tränen) entlockt, zwar ganz nett, aber nicht preiswürdig sei.

Ein bisschen so scheint es mir mit dem Deutschen Buchpreis zu gehen. Dass ich den Auszug aus dem einzigen Science-Fiction-Beitrag (Reinhard Jirgls “Nichts von euch auf Erden”) nur widerwillig quergelesen habe, kann ich dem Autor zwar vorwerfen, er wird aber sicherlich gute Argumente haben, warum auf den ersten fünf Seiten seines Buches so rein gar nichts passiert. Fünf anstrengende, streckenweise kaum lesbare Seiten in einem 500 Seiten starken Buch ernsthafter Literatur sind eben im Zweifelsfall okay. Das kann so sein, das soll vielleicht so sein, der Leser soll sich ja mal anstrengen für die mit dieser Lektüre erworbene Literaturkompetenz. Umsonst gibt es hier nichts.

So bleibt ein seltsamer Beigeschmack der zwanghaften Ernsthaftigkeit, einer tendenziell prätentiösen Aufrechterhaltung des Hochkulturstatus anhand von Texten, die man sich noch richtig erarbeiten muss. Distinguiertheit muss sein, wo kämen wir denn hin, wenn jetzt alle… da könnte ja jeder… aber ach… was rege ich mich auf. Es zwingt mich ja keiner, das alles zu lesen.

Da lese ich vielleicht doch lieber, was ich will, und nicht das, was mir als besonders lesenswert und irgendwie künstlerisch wertvoll verkauft wird. Als ob die Kunst nicht wäre, Emotionen zu erzeugen anstatt den Leser zu verwirren. Als ob die Kunst nicht wäre, gute Geschichten mit einfachen, aber schönen Worten zu erzählen. Als ob die Kunst nicht wäre, das Komplizierte einfach wiederzugeben und nicht andersherum das Einfache unnötig zu verkomplizieren.

Was bleibt: Kunst ist immer streitbar. Aber sie könnte dabei wenigstens etwas überraschender sein.

Anne Schüßler

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