Geschrieben am 23. März 2011 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Kolumne: Unmögliche Lektüren

Verrisse sind oft nicht ganz fair. Manchmal sogar richtig unfair. So wie bei uns: Gunter Gerlach stößt sich an Büchern, die anderen gut gefallen – dabei hat er sie noch nicht einmal zu Ende gelesen … Heute: Sabrina Janesch: Katzenberge

Unmögliche Lektüren (1)

Maja schleicht sich mit einem Buch an mir vorbei zur Kasse.

„Halt! Stehen bleiben!“ Ich halte sie am Jackenzipfel fest. Sie verbirgt das Buch hinter beiden Armen, presst es mit dem Titel gegen den Bauch. „Ein Frauenbuch“, versucht sie mich abzuwehren. Ich lasse sie ziehen, aber als sie es auf den Kassentisch legt, bin ich mit einem Sprung bei ihr. Sabrina Janesch „Katzenberge“.

„Es hat einen Preis für das beste Debüt bekommen“, sagt Maja und hält es mir hin. Mit der Hand verdeckt sie den oberen Teil. Ich durchschaue das Manöver, ziehe an dem Exemplar.

„Ich wollte mir nur deine Bemerkungen ersparen.“ Maja gibt das Buch frei. Oben steht ein Zitat von Günter Grass: „Diesem Buch sind viele Leser zu wünschen.“

Ich stöhne. „Die letzten Bücher von Günter Grass waren allesamt so, dass ich mich fragen muss, ob der überhaupt noch einen Lektor hat, weil keiner mehr wagt …“, beginne ich und Maja unterbricht mich: „Danke, ich kenne diesen Vortrag.“

Ich trolle mich zurück zum Regal mit dem Buchstaben G. Aber die Suche nach den eigenen Büchern ist auch eine Enttäuschung. Nebenan liegt Raffael Horzon „Das weisse Buch“. Der ist doch gar kein Autor, an dem könnte ich vielleicht mal in einer Rezension meinen Frust auslassen. Ich nehme es mit und bekomme dafür Majas Bemerkung: „Den kaufst du doch nur, um ihn fertig zu machen.“

Diese Frau weiß zu viel über mich.

Drei Tage später schiebt Maja die „Katzenberge“ über den Tisch. „Ist wirklich gut geschrieben, wird dir gefallen.“

Ich beginne und warte auf das erste Wort oder gar den ersten Satz, der mir quer liegt. Er kommt nicht. Aber beim Weiterlesen entdecke ich, welche Bilder in meinem Kopf entstehen. Dafür kann ein Autor normalerweise nichts, denn der Leser setzt sie aufgrund seiner eigenen Erfahrung zusammen. Doch meine Assoziationen kommen nicht aus der Realität, sondern sind die Zeichnungen von Ludwig Richter aus meinen beiden Grimms Märchenbüchern. Zurück in die Zeit der Romantik, ins 19. Jahrhundert. Aber „Katzenberge“ ist heutige Sicht auf ein historisches Ereignis nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Polen mussten aus der Ukraine flüchten und siedelten sich in den von den deutschen verlassenen Häusern im Westen an. Es ist die Geschichte des Großvaters der Erzählerin, hinter dem offensichtlich der Teufel her ist. Vielleicht der mit den drei goldenen Haaren. Der Märchenton wäre berechtigt. Polen verschiebt sich unter dramatischen Umständen auf der Landkarte. Der Märchenton bleibt. Die Menschen wohnen in Häusern, aus denen andere verjagt wurden oder sich auf dem Dachboden erhängt haben. Der Märchenton bleibt.

„Wie kann man mit dem Hintergrund von Mord und Totschlag und der Umsiedlung zweier Völker ein romantisches Buch schreiben“, schreie ich.

Maja schaut mich mit offenem Mund an.

„Und Frauen kommen nur vor, wenn sie gebären, und das Wichtigste scheint zu sein, dass morgens schon das Feuer im Ofen brennt, wenn man die Daunenfedern verlässt.“

„Aber der Stil ist doch so sparsam mit Adjektiven, so präzise …“

„Ja, schon, trotzdem, ich lese es nicht weiter. Es versetzt mich ins 19. Jahrhundert.“ Ich lasse das Buch mit einem Knall fallen.

„Aber es hat den Mara-Cassens-Preis bekommen als bestes Debüt.“

„Den Preis vergibt eine Leser-Jury. Da sieht man es mal wieder: Romane lesen ist etwas zutiefst Konservatives. Die wünschen sich alle in eine Zeit der heilen Welt zurück …“

„… die es im Übrigen nie gegeben hat“, ergänzt Maja. Sie kennt auch diesen Vortrag und zieht beleidigt davon.

Gunter Gerlach

Sabrina Janesch: Katzenberge. Roman. Berlin: Aufbau Verlag. 273 Seiten . 19,95 Euro
Foto: Tanja Stapelfeld