Posted On 17. Oktober 2012 By In Kolumnen und Themen, Lichtjahre später, Litmag With 505 Views

Kolumne: Aleks Scholz: Lichtjahre später (9)

Aleks Scholz ist Autor und Astronom. In seiner Kolumne „Lichtjahre später“ erklärt er uns regelmäßig alles, was wir wissen müssen: über Zeit und Raum, Sterne und Planeten, enorme Entfernungen, riesige Größen – und all die anderen rätselhaften Dinge, die es bei der Beschäftigung mit dem Weltraum zu entdecken gibt. Heute:

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Die Reise zu den Außerirdischen

Dublin, Phoenix Park. 21. September 2012, später Abend. Ein guter Tag für Außerirdische. Als die großen Lichter vor uns auftauchen, denke ich als Erstes an ein abstürzendes Flugzeug. Viel zu hell und viel zu groß für Sternschnuppen, viel zu schnell für alles andere, drei Astronomen im Auto, unnötig, diese Analyse in Worte zu fassen. Aber die Lichter stürzen nicht ab, sondern rasen quer über den Himmel. Das Auto rattert gegen den Bordstein, kommt zum Stehen, die Fenster weit geöffnet. Eine halbe Minute dauert es, bis die großen Lichter sich vom Ost- zum Westhorizont bewegt haben, dreißig Sekunden, in denen mein Gehirn überhaupt nichts Vernünftiges zustande bringt. Es ist ein Debakel für jemanden, der das Beobachten als Beruf hat, nicht mal die Flugrichtung relativ zum Sternenhintergrund präge ich mir ein. Dreißig Sekunden, in denen alles möglich und der Unterschied zwischen Wahn und Wirklichkeit nicht mehr erkennbar ist. Vermutlich wollen sie genau das, den Verstand aus diesem Planeten austreiben, nur mit ein paar grellen Lichtern, so einfach kann man unser Atomwaffenarsenal besiegen. Dreißig Sekunden lang haben die Außerirdischen gewonnen.

So ähnlich sehen sie aus, die hundert schlechten Videos von UFOs, die jede Woche auf Youtube landen. Ich habe das recherchiert, ich behaupte das nicht nur so. Das amerikanische National UFO Reporting Center erhält jeden Monat mehrere hundert Berichte, mein Erlebnis vom 21. September taucht dort insgesamt zehn Mal auf. Zwar ist UFO zunächst ein neutraler Begriff, der nicht direkt darauf schließen lässt, dass hier Leute an den Angriff aus dem All glauben, aber besonders viel Fantasie benötigt man für diesen Gedankensprung nicht. Sonst hätten sie ihren Bericht wohl eher bei der International Meteor Organization abgeliefert. Meteor ist der technische Ausdruck für Sternschnuppe, exakt definiert als irgendein Brocken von irgendwas, der in die Atmosphäre eindringt, und damit als Begriff auch nicht viel klarer als UFO. Der Unterschied liegt darin, dass Meteore im Unterschied zu UFOs erklärbar und „natürlich“ sind, ein Teil unseres rationalen Weltbildes. Der Begriff UFO dagegen ist ein Marker für einen geheimnisvollen Geist, den wir nicht verstehen können, der Beweis, dass höhere Intelligenz im Kosmos nicht nur einmal existiert.

Irgendwo in Irland, 21.September (Image credit:Colin Campbell)

In diesen dreißig Sekunden im Phoenix Park läuft die Mauer zwischen „UFO“ und „Meteor“ quer durch das Auto. Der Kollege auf dem Rücksitz ist eindeutig auf der Meteor-Seite. Natürlich war es ein Fireball, also ein besonders großer Meteor, daran besteht kein Zweifel. Und natürlich hat er recht, das wird mir auch klar, als die Lichter verschwunden sind und die Normalität zurückkehrt. Aber es war so groß, so schnell, so nah, direkt über mir. Für kurze Zeit stand das Tor in die UFO-Welt offen, und ich sah, wie es dort zugeht. Einerseits eine fantastische Welt, mit so vielen Optionen, zum ersten Mal wirklich frei sein, eine große Versuchung. Andererseits eben eine fantastische Welt, und ich konnte Fantasy noch nie leiden. Nie würde ich die herrlichen Strukturen wissenschaftlichen Denkens dafür aufgeben.

Was genau ist am 21. September in die Erdatmosphäre eingedrungen? Die ersten Analysen zeigen, dass sich das Ding in großer Höhe mehr als 1.000 Kilometer über die Erdoberfläche bewegte, in etwa einer Minute, das sind fast 20 Kilometer pro Sekunde. Damit kann ausgeschlossen werden, dass es sich um ein Teil eines abstürzenden Satelliten handelt, denn Satelliten sind deutlich langsamer. Der Fireball war ein Felsbrocken, der um die Sonne kreist, genauso alt wie die Erde. Er traf die oberen Schichten der Erdatmosphäre in flachem Winkel und fiel daher nicht nach unten, sondern raste über uns hinweg. Durch die Reibung an den Luftteilchen heizte er sich auf, fing an zu leuchten und zerbrach in zehn bis zwanzig Einzelteile, von denen einige vielleicht die Erdoberfläche erreichten. Das Resultat ist eine „Meteorprozession“, eine Flotte aus großen Lichtern, die sich über den Himmel bewegen. Von Meteoren in dieser Größe wird alle paar Jahre berichtet, aber die meisten von ihnen fallen nach unten. Meteorprozessionen dagegen sind extrem selten. Im Jahr 1860 malte Frederic Church ein sehr ähnliches Ereignis über den Catskill Mountains in New York State, vermutlich dasselbe Ereignis, über das Walt Whitman schrieb: „A moment, a moment long, it sail’d its balls of unearthly light over our head, then departed, dropt in the night, and was gone“ (in „Year of Meteors“). Die Meteorprozession von 2012 wird vermutlich eher als Youtube-Video in die Geschichte eingehen, untermalt vom typischen Sound betrunkener Engländer.

Frederic Church: Meteor of 1860

Zurück zu den Aliens. Mutmaßungen über Außerirdische gibt es schon seit ein paar tausend Jahren, aber richtig populär wurde das Thema mit der kopernikanischen Wende. Wenn die Sonne einer unter vielen Sternen ist und die Erde die Sonne umkreist, dann wird es anderswo natürlich auch bewohnte Planeten geben. Wahr oder falsch? Giordano Bruno dafür, Galileo dagegen, Kepler dafür, Huygens dafür, Newton Stimmenthaltung. Bei Kant sind die Erdenmenschen denen von Jupiter und Saturn unterlegen und damit nicht mehr die höchste Form von Intelligenz im Universum. Jahrhunderte voller Spekulationen. Schließlich Botschaften, die ins All gesendet werden, Computernetzwerke, die Radiosignale entziffern, goldene Platten in Satelliten, Drake-Formel. Heute wissen wir immerhin, dass es die vielen Planeten da draußen wirklich gibt, Milliarden von ihnen schwirren durch die Milchstraße, darunter womöglich nicht wenige, die so aussehen wie die Erde. Ob sie belebt sind und wenn ja, womit, bleibt offen.

Es ist genau dieses Unwissen, das Außerirdische zu so einem dankbaren Thema für den außerwissenschaftlichen Diskurs macht. Abgesehen von Meteoren wird die Alien-Hypothese als Erklärung für fast alles herangezogen. Kugelblitze, der Stern von Bethlehem, Stonehenge, alles Werke der Außerirdischen. Christopher Chippindale, Autor von „Stonehenge Complete“, sieht die Phönizier, immerhin ein echtes Volk, als historisches Vorbild der Aliens – auch über die Phönizier weiß man wenig, und auch die Phönizier haben genau deshalb Stonehenge erbaut. Das Muster ist eindeutig, man schiebt den Schwarzen Peter weiter und erklärt etwas Unbekanntes mit etwas Unbekanntem. Die Alien-Hypothese als Erklärung für unerklärte Phänomene ist nach wissenschaftlichen Standards, wie Wolfgang Pauli sagen würde, „nicht einmal falsch“.

Sobald die Option der unendlich vielen Welten im Raum stand, kam es vermehrt zu Begegnungen mit den Aliens. Emanuel Swedenborg, ein schwedischer Mystiker und Kant-Zeitgenosse, reist vermutlich als Erster zu fremden Welten und redet mit dort ansässigen Engeln, oder so ähnlich. Sprung in die Gegenwart, im Jahr 2008 taucht eine Frau im Observatorium St. Andrews auf, sieht mich eine Weile nachdenklich an und fängt dann zögerlich an, von ihren Gesprächen mit den Bewohnern der Plejaden zu erzählen. Sie will von mir wissen, was ich als Astronom dazu zu sagen habe. Es ist eine Begegnung zweier Welten, hier sorgfältige Abwägung von Hypothesen – die Plejaden sind nur 100 Millionen Jahre alt und damit zu jung für hochentwickeltes Leben –, dort unwiderlegbare Erfahrung. Man merkte, dass ihr der Zwiespalt zwischen ihrem subjektiven Wissen und unserem Faktenuniversum unangenehm war, mir allerdings auch. Die Plejaden sind recht beliebt bei Außerirdischen, der Schweizer Autor Billy Meier hat seit dem Jahr 1942, im Alter von fünf Jahren, Kontakte zu den Plejaden und verfügt über eine Sammlung von mehr als tausend Fotos von UFOs. Er behauptet allerdings auch, dass er der einzige Mensch sei, der mit den Plejaden reden dürfe. Wer das alles für den Gipfel der Spinnerei hält, sollte einen Abend damit verbringen, Namen wie Guy Ballard, George Adamski, Marshall Herff Applewhite, Claude Vorilhon zu googlen. You ain’t seen nothing yet.

Es wäre allerdings ein Fehler, die hunderttausende Berichte von UFO-Sichtungen, Alien-Begegnungen oder Entführungen durch Außerirdische als Wahnsinn abzutun. Nach einer IPSOS-Umfrage von 2010 glaubt weltweit etwa jeder Fünfte, dass sich Außerirdische unerkannt unter uns aufhalten. Wenn die Umfrage stimmt, sind das mehr als eine Milliarde Menschen, jedenfalls genug, um das Phänomen ernst zu nehmen. Die meisten dieser Menschen sind nicht psychisch krank. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder diese Menschen haben recht, und die Aliens sind tatsächlich hier. Oder aber der Glaube an Außerirdische ist in irgendeiner Weise fest verdrahtet in unseren Köpfen, und schon ein kleiner Stoß reicht, um uns zum Alien-Jünger zu machen. Sagen wir, ein sehr heller Meteor. (Zusätzliche dritte Möglichkeit: Die Aliens sind hier und verschwenden ihre Zeit damit, Meinungsumfragen zu manipulieren.)

Susan Clancy, amerikanische Psychologin und Autorin eines Sachbuchs über Alien-Entführungen, nimmt die Berichte ernst. Entführungen von Außerirdischen sind grauenvolle Ereignisse, man wird bei vollem Bewusstsein aus dem Bett in ein Raumschiff gerissen und anschließend von schleimigen Wesen aufgeschnitten und vergewaltigt. Warum halsen sich Menschen so unangenehme Erinnerungen auf? Clancys Antwort: Das Attraktive an solchen Erinnerungen ist die Verbindung mit übernatürlichen, höheren Mächten, die Orientierung bieten und dem Menschen seinen Platz im Kosmos zuweisen. Es geht „um die Sehnsucht nach einem Kontakt zu einer anderen, höheren Wirklichkeit, die dem menschlichen Dasein all das verleihen kann, was ihm die naturalistische Weltsicht beharrlich verwehrt: Eine Erzählung, die dem Leben auf unserem Planeten einen Sinn verleiht“, schreibt der Theologe Armin Kreiner.

Deshalb müssen wir mit diesen Leuten reden. Ihr Weltbild ist einerseits sauber getrennt vom naturwissenschaftlichen Diskurs, andererseits können sie nicht anders, sie verwenden unsere Sprache. Deshalb Außerirdische, und nicht Elfen oder Dämonen oder knochenessende Bäume. Die Alien-Jünger übermitteln Botschaften aus einer anderen Zeit, Botschaften, die von Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten handeln, die nicht in unser Weltbild der Gegenwart passen. Uralte Gedanken, die in einer unserer Zeit angepassten Form zum Vorschein kommen, nämlich als rasende Weltraumschüsseln oder mandeläugige Lichtwesen. Diese Botschaften sind nicht verrückt, sondern „außerirdisch“ in dem Sinne, dass sie mir etwas über einen bizarren, fremden Himmel erzählen, der nicht erklärbar und mechanisch ist, sondern voll mit Intelligenz, Absicht und Design. So muss es gewesen sein, hätte ich, sagen wir, vor 1.000 Jahren gelebt und an den Himmel gesehen, der damals noch beseelt war. Die Botschaften der UFO-Gläubigen erlauben es mir, mit diesem alternativen Ich, das nicht an unsere Zeit gebunden ist, in Kontakt zu treten.

Wovon würde ich einer Kopie von mir erzählen, die im Mittelalter, im Römischen Reich, in Babylon lebte? Schwer zu sagen, es wäre sicher eine eher anstrengende Gesprächssituation. Die UFO-Legenden und der Meteor vom 21. September 2012 ständen jedenfalls sehr weit oben auf der Liste.

Aleks Scholz

Aleks Scholz, geboren 1975, ist Astronom und Schroedinger Fellow am „Institute for Advanced Studies“ in Dublin, Irland. Er befasst sich vorwiegend mit der Entstehung und der Entwicklung von Gelben, Roten und Braunen Zwergen. Foto: Ira Struebel. Aleks Scholz bei Google+.

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