Posted On 16. Januar 2013 By In Kolumne, Lichtjahre später, Litmag With 1562 Views

Aleks Scholz: Lichtjahre später (11)

Aleks Scholz ist Autor und Astronom. In seiner Kolumne „Lichtjahre später“ erklärt er uns regelmäßig alles, was wir über das Universum wissen müssen. Im Januar 2013 beginnt er eine Irrfahrt über den Nachthimmel.  Die erste Folge führt ihn in den Gürtel des Orion.

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Orion, Monstercity

Location, location, location. Wenn sich das Sonnensystem im Orion befände, sagen wir, in der Nähe von Zeta Orionis, dem östlichen Gürtelstern, alles wäre anders. Große Teile des Nachthimmels wären schwarz und sternlos, weil interstellare Staubwolken jedes Licht blockieren. Die Ränder der Wolken würden sich am Himmel als dünne Leuchtspuren abzeichnen. Andere Teile wiederum wären überfüllt mit Sternen, fünf-, zehnmal mehr als wir normalerweise am Himmel sehen. Zwischen den Sternen sähe man leuchtenden Zirrus, seltsame Schlieren, als wäre man noch verschlafen. Manche Sterne sähen aus wie beleuchtete Halloween-Kürbisse, diffuse rötlich glühende Kugeln. Nebel, Sternhaufen und Dunkelwolken wären über den gesamten Himmel verteilt.

Denn Orion ist nicht nur ein Sternbild. Orion ist eine der wenigen Konstellationen am Himmel, deren Teile etwas miteinander zu tun haben. Fast alle Sternbilder sind menschengemacht. Sterne, die zufällig von unserer Position in der Milchstraße aus gesehen in derselben Richtung stehen, werden zu albernen Figuren kombiniert. Götter, Helden und Geschichten werden an den Himmel projiziert. Keine Kultur der nördlichen Hemisphäre kam bei dieser Verewigung von Menschenwerk an Orion und seinem Gürtel vorbei, zu dominierend ist der große Riese am Himmel, zu lang die Winternächte, in denen er sichtbar ist. Für uns ist Orion ein Jäger, für die Finnen ein weiser alter Mann, für Hindus ein Reh, für die Babylonier der oberste himmlische Hirte, für die alten Ägypter Osiris, der Gott der Unterwelt. Für die Hebräer ein mit Ketten gefesselter Riese. Für mich eine Monstercity. Immer neue Schichten aus Metaphern überziehen den Himmel. „Kannst du den Gürtel des Orion lösen?“, fragt Gott im Buch Hiobs. Eine rhetorische Frage.

Fast immer stehen die zu einem Bild gehören Sterne in extrem unterschiedlichen Entfernungen und haben nichts miteinander zu tun. Orion ist anders. Orion ist nicht nur ein Sternbild, sondern eine Großstadt am Himmel. Eine Metropole mit mehreren tausend brandneuen Sternen. Orion wurde nicht an einem Tag, sondern über mehrere Milliarden Tage hinweg erbaut. Was genau vor zehn oder zwanzig Millionen Jahren die Initialzündung gab, ist unklar. Die ersten massiven Sterne, nordwestlich des Gürtels, brannten schnell aus und explodierten als Supernovae. Die Schockwelle der Detonationen lief durch die benachbarten Gaswolken und löste die nächste Welle der Entstehung von Sternen aus. Der gewaltsame Tod von Sternen bringt neue Sterne hervor. Die Gürtelregion gehört zur zweiten Generation, obwohl der Ursprung der hellen Gürtelsterne selbst unklar ist. In der dritten Generation entstand unter anderem der blaue Riesenstern Sigma Orionis. Die Welle breitete sich in alle Richtungen aus. Die Großstadt wuchs. In dunklen Nächten ist Sigma Orionis klar erkennbar: Man finde zunächst den Gürtel des Orions, drei helle Sterne in einer Reihe nebeneinander. Sigma Orionis ist nicht ganz so hell wie die Gürtelsterne und steht knapp unter ihnen.

Der Gürtel des Orion. Darunter: Sigma Orionis (links der Bildmitte) und Pferdekopfnebel (sehr klein). Bild: Digital Sky Survey

Der Gürtel des Orion. Darunter: Sigma Orionis (links der Bildmitte) und Pferdekopfnebel (sehr klein). Bild: Digital Sky Survey

Schließlich, vor nur einer Million Jahren, begann der vorläufig letzte Akt der Kreation neuer Sterne. An den Rändern des halbfertigen Orion entstanden mehrere neue Vorstädte. Im Norden um den Stern Lambda Orionis. Im Westen viele kleine Siedlungen, manche nur mit wenigen Häusern. Und im Süden, am Himmel fünf Grad unterhalb des Oriongürtels, wuchs eine Mega-City, das neue Zentrum von Orion. Der gigantische Nebel im Schwert des Orion, bestehend aus ein paar tausend Sonnenmassen Gas, war zum Leben erwacht.

Heute enthält der Orionnebel fast tausend brandneue Sterne. Von unserem imaginären Planetensystem im Oriongürtel aus gesehen dominiert der Orionnebel eine Seite des Himmels. Er wird von den Ureinwohnern als Gottheit verehrt. Schon die Höhlenmenschen sahen zum Großen Nebel auf und dachten sich ihren Teil. Das Himmelsreh hat eine Kanne Milch über den Himmel gegossen. In der Milch schwammen hell leuchtende Fische, für jeden Tag des Jahres einer. Oder etwas ganz Ähnliches. Selbst von unserem echten Sonnensystem aus, 1300 Lichtjahre entfernt, ist der Orionnebel als diffuser Fleck mit bloßem Auge erkennbar. Kurz nachdem Galileo zum ersten Mal ein Fernrohr auf den Himmel richtete, geriet der Große Nebel ins Visier der professionellen Astronomen. Johann Baptist Cysat, ein Jesuit und Schüler des berühmteren Christoph Scheiner, beschreibt einen „milchigen Nebel“ im Jahr 1618. Ein Großteil dessen, was wir heute über große Nebel und über Sternentstehung wissen, stammt aus Beobachtungen des Nebels und seines Sternhaufens. Über dreitausend Publikationen zum Orion-Nebel kennt die Datenbank.

Und noch immer ist die Lage verworren. Direkt südlich des Orionnebels befindet sich ein weiterer Sternhaufen, der vermutlich deutlich früher entstand und sich im Vordergrund des Nebels befindet. Was wir normalerweise für junge Sterne im Orionnebel halten, für ein und dieselbe Generation an Sternen, ist in Wahrheit eine Mischung aus verschiedenen Populationen. Die tatsächlich im Nebel geborenen, dazu die in dem näher gelegenen Haufen, dazu noch andere Sterne, die zufällig im Vordergrund stehen. Wenn man mit einem Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit tausend Jahre lang grob in die Richtung des Orionnebels fliegt, kommt man an hunderten Sternen vorbei, die meisten davon haben nichts mit dem Nebel zu tun, und stehen doch auf dem zweidimensionalen Bildschirm des Nachthimmels an derselben Stelle. Astronomie war einfacher, als alle Fixsterne auf einer einzigen Sphäre angeschraubt waren und dahinter nur Gott wohnte. Man wünscht sich eine Welt, in der jedes Himmelsobjekt mit einem Etikett geliefert wird, auf dem die Entfernung steht. Entfernungsmessung ist die Königsdisziplin der Astronomie.

Der Gürtel des Orion ist der perfekte Start für eine Irrfahrt über den Himmel, die heute beginnt. Bei meinen ersten eigenen Beobachtungen am Zweimeterteleskop im Tautenburger Wald, nebenbei das größte Teleskop auf deutschem Boden, zeigte der weiße Riesentubus in Richtung Oriongürtel. Ein paar hundert Seiten habe ich über diese Regionen geschrieben. Ich besitze hunderte Aufnahmen von einer vollmondgroßen Stelle zwischen Sigma Orionis und Zeta Orionis, dem östlichsten der drei Gürtelsterne. In allen ragt von links ein dunkler Fleck ins Bild, der, wenn man das Bild gegen den Uhrzeigersinn um 90 Grad dreht, aussieht wie der Kopf eines Pferdes. Ein stolzes Pferd mit markantem Schädel, Hals, Stirn, Schnauze.

Sieht man genauer hin, erkennt man, dass der schwarze Pferdekopf eine Wolke ist. Er besteht aus Nebelschwaden, Zirrus und fadenförmigen Strukturen. Es ist kein Pferd, sondern der Geist eines Pferdes. Seine dunklen Filamente heben sich ab gegen einen hellen Hintergrund, der aus leuchtendem Gas besteht. Sigma Orionis, nur wenige Lichtjahre entfernt, bestrahlt die dünne Suppe aus Wasserstoff, die den Raum ausfüllt, und wirft Elektronen aus den Wasserstoffatomen hinaus. Elektronen, die zurück auf ihre angestammten Bahnen fallen, geben ihre Energie als Strahlung ab. Das Gas leuchtet. Eine kosmische Leuchtstofflampe.

Der Nachthimmel im Internet, zum Nachvollziehen der Reise.

Aleks Scholz

Aleks Scholz, geboren 1975, ist Astronom und Schroedinger Fellow am „Institute for Advanced Studies“ in Dublin, Irland. Er befasst sich vorwiegend mit der Entstehung und der Entwicklung von Gelben, Roten und Braunen Zwergen. Porträtfoto: Ira Struebel. Aleks Scholz bei Google+.

Tags :